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Vom Lesen, Leben und Wagemutigsein

Für mich existieren Romane, die mir dermaßen aus der Seele sprechen, dass ich sie am liebsten hier abschreiben, Zeile für Zeile zitieren würde. Da könnte leicht der Plot dabei verloren gehen, weil man sich so aufhält mit der einen Person, der Milena, die so klug über Bücher schreibt, in Ich-Form.

Ja, ich weiß, dass das Thomas Sautner der Milena in Ich-Form diktiert, schließlich hat er ja auch die Milena erdacht und zwischen die Seiten und Zeilen gesetzt. Jetzt wohne ich mit ihr, ich mag die wirklich gern. Menschen, auch fiktive, die sich mit ihrer Herkunft in Kleinstädten beschäftigen, sind die, die gnadenlos zu sich sind, die auf- und ausbrechen und immer die Freiheit suchen.

Milena bekommt, noch im Morgenmantel, ein Päckchen. Von ihrer Großmutter, an die sie kaum noch Erinnerungen hat. Kein Tagebuch befindet sich darin, sondern Geldscheine, richtig viele Geldscheine. Die Großmutter wirkt hier bereits unbeirrbar, schreibt sie ihrer Enkelin folgende erste Worte nach langer Zeit:

Anbei ein paar Zetteln mit Nullen drauf. Nicht der Rede wert. Es grüßt dich deine Großmutter Kristyna.
Seite 13

Die Selbstreflexion Milenas setzt sofort ein, sie ortet wenig Zuwendung in ihrer Beziehung zu einem verheirateten Mann, nimmt dessen Luxuswagen als Dankeschön und fährt zu ihrer Großmutter, die in einem alten Haus auf einer Waldlichtung lebt. Kräuter- und Blumengarten und ein Garten mit jenen Ingredienzien, die die Oma für ihre Rauchwaren benötigt, umgeben dieses Zauberhaus. Man erinnert sich sofort, Milena habe doch von ihren Eltern mal gehört, die Oma habe Schande über die Familie gebracht? Was damit gemeint war?

Eine Enkelin, die die Freiheit sucht, eine Großmutter, die macht, was sie wirklich will, viele Rätsel, ordentlich viel Fürsorge füreinander, intensive Gespräche. Und wie zu Beginn des Romans geht es auch an dessen Ende ums Lesen, Leben und das Sichwiederfinden in einem Text. Da bringt ausgerechnet die wilde, ausgelassen Großmutter ihrer Enkeltochter die traurige Nachricht vom Ableben der Schriftstellerin Ilse Hofstetter. Es war diese Autorin, die Milena die Augen geöffnet hatte, für das Leben und für sich selber.

Zwischen Buchdeckeln war die Welt weiter. Der Zauber begann zumeist unmittelbar nach dem Eintritt. Ideen fluteten mich und ich ging mir verloren in ihnen. Sah überrascht auf, entdeckte mich verwandelt wieder. Keine gänzlich andere als gerade eben war ich, aber eine größere, reichere.
Seite 11

Was Sie versäumen, wenn Sie dieses Buch nicht lesen: Erinnerungen an eigene Leseerlebnisse, kraftvolle Bilder einer jungen Frau, die nach Sinn sucht, eine verrückte Großmutter mit Weitblick, Fahrpläne aus der Enge, der eigenen und der, die einem einst verpasst wurde.

Der Autor Thomas Sautner: 1970 in Gmünd geboren, lebt heute, gestern und morgen wahrscheinlich auch im nördlichen Weinviertel und in Wien. „Das Mädchen an der Grenze“ (2017) fand ebenso viel Beachtung wie seine früheren Texte.
> Zur Website von Thomas Sautner

Thomas Sautner:
Großmutters Haus.
Roman.
Picus Verlag 2019.
252 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”

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