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Sein Vater hat gute Platten und gute Bücher, das weiß der 15-jährige Finn von ihm, da ist er sicher. Sonst weiß er nichts, außer dass daheim stets die Rede davon ist, er habe sich aus dem Staub gemacht. Dafür ist jetzt Richi im Haus, Pädagoge, also Lateinprofessor an einem kirchlichen Gymnasium, dazu noch Gemeinderat und Vizebürgermeister: Cool ist der nicht, außerdem hält der nie dicht, erzählt alles der Mutter.

Die Geschichte platzt in den täglichen Konflikt, Finn erzählt und reflektiert, tippend auf seinem Notebook, er will seine Ruhe, wenn er sein Leben gerade auf die Reihe kriegen will. Na ja, da war ja auch noch der Unfall, die Zeit, in der er im Koma lag und eine Stimme hörte.

Finn bricht auf und aus, sucht und findet seinen Vater. Auch der hat seine Schwierigkeiten, sich zu erklären, ebenso wie die Mutter, die langsam die Nase voll hat von ihrem Richi, der Selbstbefriedigung für Sünde hält. Die Erwachsenen sind in ihrer Verwirrtheit, ihrer Selbstbezogenheit und Selbstüberschätzung sehr realistisch dargestellt: Ideale erfüllen sich wohl eher im Film, auch der Vater ist im wirklichen Leben weniger heldenhaft als er es in Finns Fantasien war.

Finn liebt das Klettern, findet dabei Sicherheit, Trittsicherheit und weiß, dass er hier gut ist, dass hier weder Mutter noch Stiefvater aufkreuzen und sich wichtig machen können. Und da ist ja auch noch die Sache mit den Müllgeschäften, die er kritisch beäugt und mit seiner Clique hinterfragt. Kapitel bzw. Teil 1 des Cross-Over-Romans trägt den treffenden Titel „In der Falle“: Der nervige Richi vor der Tür, die Mutter mit sich beschäftigt und Zeit, endlich den eigenen Vater zu suchen. Finn lernen wir nicht als Ich-Erzähler – außer natürlich in seinen Blogeinträgen – kennen, er ist eine der handelnden Personen, ehrlich: Er ist der Sympathischste von allen! Teil 2 „Nichts wie weg“, Teil 3 „Ecce Homo“ und Teil 4 „Finns Rückkehr“ setzen unterschiedliche Schwerpunkte, lassen die Erwachsenen auch zu Wort kommen, gewinnen ihnen interessante wie liebenswerte Seiten ab. Und Richi ist endgültig als Stiefvater abgewählt, seiner Müllgeschäfte und seiner Intrigen gegen Finns Vater wegen.

Nun wusste er, wem die Stimme in seinem Kopf gehörte, die das Koma genutzt hatte, um sich in ihm einzunisten.

Was Sie versäumen, wenn Sie diesen Roman nicht lesen: Konflikte direkt und hautnah, verletzend, immer an die Grenze gehend; viele innere Monologe, die Finn in seinen Tagebuch-Blog tippt, Konflikte mit dem Stiefvater, der das Ekel gibt, Träume eines Jugendlichen, einen Roadroman, der in seiner Dynamik an „Tschick“ erinnert, man will einfach nur weg, weg von Erwachsenen, auf die man sich eigentlich nur selten verlassen kann. Wenn Sie diesen Roman nicht lesen – das Cover ist eher bescheiden – versäumen Sie starke Charaktere dieses All-Age-Romans, damit meine ich aber eh die Jugendlichen!

Der Autor, Jahrgang 1960, studierte nach dem Jobben in unterschiedlichen Sparten in Österreich und Deutschland – das klingt abenteuerlich! – Philosophie in Wien und Graz; er lebt in Wien und in der Steiermark, erhielt u. a. den „aspekte“-Literaturpreis und den Deutschen Kritikerpreis.

Manfred Rumpl:
Finns Irrfahrt.
Wien: Picus Verlag 2018.
245 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“