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Vieles bekam ein neues Gesicht

Paul ist gut integriert, hat Frau und Kind und sogar noch lebende Eltern, reiselustige Leute, die ihn mit dem Durchblättern des Famlienalbums gern einmal prüfen. Kann sich der Sohn erinnern? Was alles hat er vergessen? Marion, Pauls Frau, trifft jetzt öfter einen Bekannten. Einen Bekannten? Paul wandert durch die eigene Wohnung wie durch eine fremde Landschaft: Er beginnt zu vergessen. Die Erinnerungen werden fadenscheinig, er weiß nicht mehr, dass die Eltern fort, auf Reisen waren.

Der Philosoph und Autor Jürg Schubiger zeigt in dieser Erzählung, die der Verlag Roman nennt, einen Mann, einen Intellektuellen und Feinsinnigen, der vergisst. Immer mehr vergisst. Der sich beim Vergessen beobachtet und gleichzeitig neue Formen der Wahrnehmung entdeckt. Der Fragen zu stellen beginnt, die niemand gern beantwortet. War er im Laufe der Zeit besser im Erinnern oder im Vergessen geworden? Sobald die Familie, Frau, Sohn, Bruder, Eltern, naht, muss sich Paul zusammenreißen, Menschen auf Fotos erkennen, Namen wissen oder zumindest so tun, als ob.

Pauls Vergessen war vermutlich Tag und Nacht am Werk. Er hätte gern gewusst, was es zurzeit gerade in Arbeit hatte. Was fing sich in seinem Gedächtnis zu lockern an, eben jetzt? Paul fiel nur das ein, was darin fest saß, Steff etwa, sein Arbeitskollege. Ihn hätte er ruhig vergessen dürfen, denn er konnte damit rechnen, dass der Mann sich ihm gelegentlich selbst in Erinnerung rief.

Im Museum, in dem er arbeitet, demonstriert Paul ungeniert, was den BesucherInnen verboten ist, er berührt ein Gemälde und löst damit den Alarm aus. Ab jetzt wird man ihn genau beobachten, ihm zusehen, das beruhigt und ermutigt Paul, er fühlt sich aufgehoben.

Die Bruchstücke, die Pauls Tage prägen, finden im Text Niederschlag: Hier führt kein leidender Sohn oder eine bedrückte Ehefrau durch die sich auflösende Erinnerungsstruktur. Da sind auch die LeserInnen Paul ausgeliefert: Wo zieht es ihn heute hin, welche Fadenreihe trennt er heute auf oder hebt er einige fallen gelassenen Maschen doch wieder auf. Der Text lässt enormen Interpretationsspielraum, er spielt mit dem Vergessen und dem Erinnern, dem Ballast des Vergangenen und erzeugt eine stille, sichere Heiterkeit. Paul ist kein Verzweifelter, er steht in der Stille des Museums, die Bilder schweigen und er kann in Ruhe schauen, sehen und betrachten. Eine besondere Erzählung, die das Land des Erinnern und Vergessens neu ausmisst, neue Dimensionen zeigt, vielleicht auch Hoffnung und vielleicht auch ein wenig Trost.

Jürg Schubiger: Nicht schwindelfrei
Innsbruck: Haymon 2014

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