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06/24

Die Kunst des Verzeihens

Die Kunst des Verzeihens
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Das Ego klein zu halten, sich seiner Unwichtigkeit bewusst zu werden – wer das schafft, lebt leichter und versöhnlicher, sagt Psychologin und Gestalttherapeutin Charlotte Helene Paltzer.

Geht Abbrechen leichter als Annähern? Kann man Empathie lernen? Und wie wichtig ist es, dass wir uns selbst verzeihen können? Seit Jahren beschäftigt sich Psychologin Charlotte Helene Paltzer intensiv mit diesen Fragen. Die Gestalttherapeutin stößt sich dabei vor allem an manchen Entwicklungen der heutigen Zeit. Etwa, dass immer alles so schnell gehen muss und wir vergessen, dass jeder Mensch sein eigenes Tempo hat und gewisse Dinge einfach Zeit brauchen. Verzeihen zum Beispiel. Vergeben. Heilen. Die Psychologin erklärt, was uns wirklich frei macht.

Im Rahmen einer Facebook-Diskussion, in der es um Kinder ging, die im Erwachsenenalter den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, haben Sie sinngemäß geschrieben, dass Sie für das Annähern plädieren. Warum? 

Ich denke, das hat viel mit Lebenserfahrung und meiner gestalttherapeutischen Haltung zu tun. Annäherung meint, den Weg der friedvollen Auseinandersetzung zu beschreiten. Mir fällt auf, dass Podcasts, Bücher und Posts auf Social Media übers Loslassen boomen. Ich meine nicht das Loslassen, das auf die eigene materielle Bedürftigkeit abzielt. Es geht hier nicht darum, was ich glaube, haben und besitzen zu müssen. Würden wir Menschen kollektiv damit anfangen, diese Art von Loslassen zu kultivieren, wären wir insgesamt auf einem guten Weg. In den von mir benannten Posts geht es darum, Beziehungen loszulassen, weil sie nicht störungsfrei funktionieren. Das macht mir das Herz eng.

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„Ich glaube, wir sind in einem Zeitalter angekommen, in dem wir als Einzelne, als Gesellschaften und Völker den Weg des Annäherns einüben müssen. Was würde es wohl bedeuten, wenn wir alle miteinander brechen würden?“

Ist es leichter, eine Beziehung abzubrechen, als sich anzunähern?

Es geht schneller und schafft vielleicht eine kurze Erleichterung. Langfristig ist der Preis, den ein Abbruch fordert, enorm hoch und bedeutet unter anderem Vertrauensverluste und Misstrauen in Beziehungen. Während Abbrechen ganz oft emotionsgesteuert ist, erfordert Annähern komplexe, reflektierte Sichtweisen auf beiden Seiten und ist somit herausfordernder. Abbrechen ist überwiegend im Hier und Jetzt fokussiert und auf entstandene Missempfindungen reduziert. Annähern bezieht auch die Vergangenheit und Zukunft mit ein. Viel zu oft wird uns suggeriert, dass, wenn es schwierig wird, im Loslassen das Glück liegt. Das ist ein fataler Fehler. Übersetzt heißt das nämlich nichts anderes als, „wer nicht uneingeschränkt für dich ist, ist gegen dich“ – und das ist einfach falsch. Wenn wir diesen Ratschlägen uneingeschränkt folgen, entwickeln wir uns mehr und mehr in eine Richtung, wo jede Form von Kritik innerhalb Beziehungen einer Kriegserklärung gleicht. Das Potenzial, das in persönlicher Entwicklung liegt, wird vermieden und geht verloren. Ich glaube, wir sind in einem Zeitalter angekommen, in dem wir als Einzelne, als Gesellschaften und Völker den Weg des Annäherns einüben müssen. Was würde es wohl bedeuten, wenn wir alle miteinander brechen würden?

Wie oft steht der eigene Stolz beim Annähern im Weg? 

Wichtig ist es, dass wir im Laufe des Lebens eine gute Selbsteinschätzung herausbilden können, damit wir nicht permanent nach unabdingbarer Anerkennung streben müssen. Kenne ich mich, weiß ich um meine Stärken und Schwächen, und werde ich verletzt, laufe ich nicht sofort Gefahr, mein Selbst als zerstört oder gar ausgelöscht zu empfinden. Bin ich mir meiner selbst bewusst, fühle ich mich weniger hilflos und weniger angreifbar. Ich kann meine Beziehungen gestalten, andere Meinungen akzeptieren und bin in der Lage, mein Handeln und Agieren zu reflektieren.

„Wenn uns klar ist, dass wir nicht für ewig auf der Welt sind, wenn wir den Tod in alles mit einkalkulieren, erscheinen rückblickend oft viel Dinge, die wir getan oder unterlassen haben, banal.“

Wir sehen uns im Leben immer wieder mit Konflikten und anderen zwischenmenschlichen Herausforderungen konfrontiert. Worin liegt Ihrer Meinung nach die Qualität, mit anderen Menschen nicht sofort zu brechen, sondern einen Konsens zu suchen? 

Jeder Konflikt kann für beide Seiten eine Bereicherung darstellen – bestenfalls lerne ich viel über mich selbst und den anderen und wir entwickeln uns gemeinsam weiter. Offenheit versus Enge und Fixierung. Hilfreich ist auch, sich bewusst zu machen, dass mein Leben endlich ist. Wenn uns klar ist, dass wir nicht für ewig auf der Welt sind, wenn wir den Tod in alles mit einkalkulieren, erscheinen rückblickend oft viel Dinge, die wir getan oder unterlassen haben, banal. Zu oft gehen wir davon aus, dass es nur eine einzige Wahrheit gibt, nämlich die unsere.

Möchte ich mich einer Person annähern, hilft es, mein Gegenüber zumindest etwas zu verstehen und dessen Handlungen ansatzweise nachvollziehen zu können. Kann man Empathie lernen? 

Das Verstehen des anderen, der Versuch, sich hineinfühlen zu können, geht der Annäherung voraus. Empathie ist grundsätzlich möglich, sofern keine psychomanifesten Einschränkungen vorliegen. Individualisierung und permanente Selbstoptimierungsbestrebungen fördern nicht unbedingt die Fähigkeit zur Empathie. Vom Grundsatz her sind wir Menschen aber empathische, soziale Wesen. Im Laufe der Sozialisierung wird die Fähigkeit zum Mitgefühl unterstützt oder gehemmt.

Ein mir wichtiger Mensch hat den Kontakt zu mir abgebrochen. Wie kann ich am besten eine Annäherung initiieren?  

Ganz wichtig ist es zunächst, den Rückzug des anderen zu respektieren. Auch das ist ein Zeichen von Empathie, dass ich realisiere, dass sich jemand von mir distanziert. Gleichzeitig kann ich signalisieren, dass meine Tür offen bleibt. Ich tue kund, dass es mir nicht entgangenen ist, dass sich der andere verletzt fühlt, selbst wenn ich die Hintergründe nicht verstehe oder vielleicht gar nicht kenne. „Loslassen und nah dranbleiben“ – das wäre vor allem für viele Eltern, deren Kinder mit ihnen gebrochen haben, oft hilfreich. Die Entscheidung, wann oder ob jemand wieder in Kontakt kommt, bleibt beim anderen. Ein Annäherungsprozess erfordert von beiden Seiten viel. Und er braucht Zeit. Wir tendieren dazu, dass heute alles schnell gehen muss, weil die Welt viel schneller geworden ist, und negieren dabei, dass wir Menschen oft eben nicht so schnell funktionieren und jeder ein eigenes Tempo hat.

Worin liegt die Kunst des Verzeihens? 

Menschen, die verzeihen können, verfügen in der Regel über ein hohes Selbstbewusstsein, eine ausgesprochene Reife und Weisheit.

Was ist der Unterschied zwischen Verzeihen und Versöhnen? 

Gibt es echtes Versöhnen ohne Verzeihen? Natürlich kann ich mich mit jemandem versöhnen, ohne ihm unbedingt zu verzeihen. Bleibt dann nicht ein fader Rest zurück, der sich bei nächster Gelegenheit entlädt?

„Verzeihen macht frei.“

Was macht Verzeihen mit uns und unserem Gegenüber? 

Verzeihen macht frei. Ich lasse die negativen Gefühle los, die mich an den anderen binden. Durch Verzeihen hebe ich Anhaftungen auf. Verzeihen macht überdies menschlich – biblisch gesprochen: Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein.

Warum fällt es uns oft so schwer, zu verzeihen? 

Wir Menschen sind gefangen und geblendet in unseren eigenen Bedürfnissen. Unsere Befindlichkeiten engen den Blick für das Ganze ein und machen uns anfällig für Enttäuschungen und Frustrationen. Je höher das Maß an Erwartungen an andere ist, desto größer ist die Gefahr für Verletzungen und Enttäuschungen. Es gibt alte Weisheitslehren, die dafür plädieren, dass wir – für ein glückliches Leben – unser Ego schmälern sollen. Man muss sich nur ein paar existenzielle Fragen stellen: Was brauche ich, um mich glücklich zu fühlen? Und was von dem, was ich mir wünsche, brauche ich wirklich? Was erscheint mir so wichtig, dass ich es unbedingt von anderen bekommen möchte? Das ist übrigens ein großes Thema in der Paarberatung. Was viele an ihren Eltern vermisst haben, soll eine Partnerschaft gutmachen, und diese ist nicht in der Lage, diese Bedürfnisse zu erfüllen. Die Ehe gerät so schnell in eine Schieflage. Unser größter Hemmschuh beim Verzeihen ist es, dass wir uns so überaus wichtig nehmen. Es würde uns gut stehen, uns selbst etwas kleiner zu machen.

Lässt sich auch massives Unrecht verzeihen? 

Physische und psychische Misshandlungen haben einen besonderen Stellenwert bei diesem Thema. Verzeihen ist hier in der Regel nicht unmittelbar möglich und auch nicht hilfreich. Im Gegenteil ist in diesen Fällen eine Kontaktunterbrechung geraten und ein sicherer Ort Voraussetzung für Heilung. Etliche Opfer des Holocaust haben Zeugnis darüber abgelegt, dass es sogar möglich ist, furchtbare Misshandlungen zu verzeihen. Aber das stellt bezüglich innerer Reifung eine horrende Anforderung an das Individuum.

Inwiefern hat Verzeihen eine Auswirkung auf unsere mentale Gesundheit? 

Wer die Weisheit des Verzeihens verinnerlicht hat, verfügt über ausgeprägte Resilienz gegenüber den Widrigkeiten des Lebens. Wer in sich selbst ruht, ist per se weniger angreifbar. Wenn ich klar sehe, dass das Universum sich nicht um mich dreht, ich weniger wichtig bin, als ich es vielleicht glaube, kann das ein Garant für ein lebensbejahendes, immer wieder glückliches Leben sein. Ich nenne es: Bescheidenheit ob meiner eigenen Person.

Welche Rolle spielt die Zeit bei der Heilung von Beziehungen und dem Prozess des Verzeihens?

Die Grundlage meiner therapeutischen Arbeit ist es, zu wissen: Heilung braucht immer Zeit. Jede Wunde, ob körperlich oder emotional, braucht Zeit, um zu heilen. Es kommt dabei immer auf die Größe und Tiefe der Wunde an – und auf die Selbstheilungskräfte, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind. Jeder Mensch ist ein Unikat. Es braucht die Zeit, die es braucht. Das ist so ähnlich wie beim Trauern.

Wie wichtig ist es, dass wir uns selbst verzeihen können? 

Wer sich selbst ständig Richter ist, wer sich wiederholt bewertet und abwertet, der wird sich selbst kaum ein Freund sein können. Wer milde mit sich selbst sein kann, ist es auch mit anderen. Der kann auch die Fehler und Unzulänglichkeiten der anderen eher akzeptieren. Das meint „Demut“.

Mir tut etwas unglaublich leid. Wie bittet man angemessen um Verzeihung? 

Es geht um Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit. Wenn ich mir selbst noch nicht sicher bin, ob ich es wirklich ernst meine, würde ich zunächst den Versuch unterlassen und mich selbst reflektieren. Vielleicht bin ich es dann, die noch Zeit braucht. Verletzte Menschen sind empfindsam, sie spüren genau, ob eine Entschuldigung ernst gemeint oder nur so mal eben dahergesagt ist.

Zehn Tipps, wie eine Annäherung gelingen kann:

  1. Sich selbst reflektieren. Verzeihen erfordert ein hohes Maß an Selbstbewusstsein, Reife und Weisheit. Die Fähigkeit, die eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten zu akzeptieren, erleichtert den Verzeihungsprozess enorm.
  2. Verständnis haben. Wer die Tatsache akzeptiert, dass es verschiedene Wahrheiten gibt und dass nicht nur eine Person im Recht sein kann, ist einen großen Schritt weiter.
  3. Offen sein. Konflikte können Bereicherungen sein, wenn man offen für die Entwicklung und das Lernen über sich selbst und den anderen bleibt.
  4. Distanz akzeptieren. Bei Annäherungsversuchen ist es wichtig, den Rückzug des anderen zu respektieren und gleichzeitig zu signalisieren: „Meine Tür steht dir immer offen.“
  5. Grenzen respektieren. Die Entscheidung, wann oder ob jemand wieder in Kontakt kommt, bleibt beim anderen. Eine Annäherung lässt sich nicht erzwingen.
  6. Zeit geben. Vergleichbar mit dem Prozess des Trauerns – jede Wunde, ob körperlich oder emotional, benötigt ihre individuelle Zeit, um zu heilen.
  7. Glaubwürdig sein. Eine ehrliche und glaubwürdige Entschuldigung ist entscheidend, um Verletzte davon zu überzeugen, dass eine Annäherung ernst gemeint ist.
  8. Erwartungen niedrig halten. Ein bewusster Umgang mit eigenen Bedürfnissen und das Vermeiden von unrealistischen Ansprüchen erleichtern das Miteinander.
  9. Verantwortung übernehmen. Ich kann mein Leben gestalten und steuern und übernehme dafür auch die Verantwortung – dieses Bewusstsein birgt großes Potenzial für zwischenmenschliche Beziehungen.
  10. Schuldgefühle ablegen. Wer milde und gut zu sich selbst ist, kann auch anderen leichter verzeihen.
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  • Veröffentlicht: 12.02.2024
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