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Üppiges Sprießen – für Kinder?<br>ab 6 bzw 4 Jahren

„Das ist eindeutig was für Erwachsene, Kinder steigen da doch aus!“ bekomme ich regelmäßig zu hören, wenn ich im Verkauf geheimnisvolle, mehrschichtige oder auch nur dunkle Bilderbücher anbiete. Schon richtig: Ein eigener Markt für erwachsene Bilderbuchsammler*innen bedient Liebhaber*innen künstlerischer Illustrationen, ästhetisch ausgefeilter Satzspiegel, eleganter Typografien, pfiffiger Layouts, zugeschnitten auf ausgereiften Geschmack und oftmals auch hergestellt mit feinen Papieren oder sogar in Halbleinen-Einbänden – viel zu empfindlich und teuer für Schokofinger!? Die Grenze zwischen Büchern, die nur auf erwachsenes Publikum abzielen und solchen für Kinder ist fließend. Vorlesende oder Mitbetrachter*innen werden mitgedacht und sollen sich nicht langweilen.
Beim „Grünling“ liegt die Überlegung nahe, dass Erwachsene die Hauptzielgruppe darstellen. Das üppige Wuchern, der reiche Erntesegen, diese Fruchtbarkeit, die die Fantasiefigur des Grünlings hervorruft: all das kann – in der erwachsenen Wahrnehmungsebene – sexuell konnotiert gelesen werden. Bereits am Cover zeigt sich die Küche des australischen Farmerhauses, in die Pflanzen eingedrungen sind: Feurig-scharfe Chilischoten scheinen sich begehrlich aufzurichten. Und pralle Wassermelonen und Kürbisse liegen schwer und hingebungsvoll am Boden. Diese Assoziationen entspringen eindeutig der erwachsenen Vorstellungswelt.
Nun wissen wir, dass sich Pfefferoni nicht mit Melonen paaren! Auch drängt sich diese Idee nicht unbedingt jeder/jedem auf, doch bei all der Fülle und Pracht, die das Bild ausstrahlt – vielleicht spielt Levin Pinfold bewusst darauf an? Wie auch immer: ich habe Kundinnen, die das Buch hemmungslos (!) auch an Kinder verschenken. Natürlich sind die Eltern dann mitgemeint.
Pinfolds magisch-realistische Darstellungen sind zart und kräftig zugleich und ziehen Kinder wie erwachsenen Betrachter*innen gleichermaßen in ihren Bann. Die balladenhaft gereimten Textzeilen tragen zusätzlich zur Opulenz bei.
Der Grünling ist ein Zwischenwesen, ein Pflanzentier oder eine Tierpflanze, und fasziniert enorm. In einem trostlosen Kanalrohr unter dem Bahndamm hat ihn der Farmer entdeckt. Dort, wo die Arbeiter der Industrie mit dem Zug im tagtäglichen Trott pendelnd vorbeirasen. Inmitten einer artischockenartigen, leuchtend grünen Knospe.

Stolz trägt der Bauer den Kleinen nach Hause zu seiner wenig begeisterten bis ablehnenden Frau. Der Grünling verweigert herkömmliche Säuglingsnahrung und wird eingetopft, um „artgerecht“ ernährt werden zu können. Recht naheliegend mit dem Körperteil des Wurzelchakras, nach dem asiatischen Konzept der Energiezentren.

Väterlich nährend versorgt der Farmer seinen Schützling, bis ihm der Topf zu eng wird. Die skeptisch-zögerliche Hausherrin muss die Küche räumen, um Platz zu schaffen für genug Humus – nur so kann sich der Grünling entfalten.

Die Farmersgattin zieht sich zurück. Sie wirkt verkrampft, abgehärmt, eine Burn-out-Kandidatin, der es an Lebenslust mangelt. Wir haben die Freiheit der Interpretation, und so darf mir die Farmersfrau in ihrer lebensfeindlichen Abwehrhaltung auch – in erwachsener Lesart – frigide erscheinen. Sie ist schwer beunruhigt von so viel Üppigkeit und zugegeben, Levi Pinfold hat schon ordentlich dick aufgetragen. Besonders das Bild mit den Sonnenblumen, die die Bäuerin umzingeln (hier nicht zu sehen) ist beinahe unerträglich, für meinen persönlichen Geschmack nah am Kitsch. Doch die Bedrängnis ist Absicht. Und auch der Grünling am Rockzipfel der Bäuerin hat jeden Halt verloren, droht hintüber zu kippen, streckt seine Arme hilfesuchend empor. Abgrenzung und Orientierung braucht es wie in der Begleitung von aufwachsenden Kindern auch in jedem Garten, damit harmonisches Gedeihen möglich wird.

Nicht nur der Farmersfrau ist der Grünling ein Dorn im Auge. Auch die Fabrikarbeiter*innen, deren Zug von Schlingpflanzen an der Weiterfahrt zur Arbeit gehindert wird, fordern in aller Entschiedenheit:
„Wir müssen zur Arbeit, das ist die Lage.
Das Pflanzenkind muss weg, ohne Frage.“,
skandiert die aufgebrachte Menge. Die vorhersehbare Wendung – die Farmersfrau besinnt sich und verteidigt das junge Leben des Grünlings gegen den Pulk – leitet das erlösende Ende ein. Unversehens verwandeln sich die Fabrikarbeiter*innen in Landarbeiter*innen, gemeinsam bringen sie die Gaben der Natur als reiche Ernte ein.
Das Baby im Blumentopf ist Kindern gewiss nahe. Nach einer Anekdote aus dem Umfeld meiner Großfamilie soll ein Kind einmal eine Reihe Hühnerfedern in eine Ackerfurche gepflanzt haben, um danach geduldig auf Küken zu warten –eine glaubhafte Erzählung. Wie sollte da dieses Zwischenwesen des Grünling auf Unverständnis stoßen?

Levi Pinfold:
Der Grünling.
Ab 6 Jahren
Jacoby & Stuart 2015

ÜBRIGENS:
Bekannt geworden ist der in Australien lebende Brite Levi Pinfold im deutschen Sprachraum 2013 mit dem Bilderbuch „Der schwarze Hund“, bereits ein Klassiker zum Thema „Angst“. Darin bedroht ein durch die Furcht auf riesenhafte Größe angewachsener Hund eine ganze Familie, die sich in ihrer Villa verbarrikadiert. Einzig das jüngste Kind, ein Mädchen, stellt sich der Angst und – siehe da – der Hund schrumpft während des Nachlaufspiels auf seine natürliche Größe und wird neues Familienmitglied. Die Paranoia vor dem schwarzen Hundemonster wird in eindrucksvollen Bildern drastisch vermittelt: Förmlich spürbar wird der heiße, feuchte Atem der Bestie, von den Buchseiten aufsteigend! Mindestens so empfehlenswert und faszinierend wie „Der Grünling“, wenn nicht sogar noch überzeugender und EINDEUTIG für Kinder geeignet!

Levi Pinfold:
Der schwarze Hund
Ab 4 Jahren
Jacoby & Stuart 2013

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin der Buchhandlung Fürstelberger in Linz möchte sie auf Bücher aufmerksam machen, die aus der Reihe tanzen und auf den zweiten Blick auch noch Überraschendes bereithalten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und gibt gemeinsame Vorführungen in Bibliotheken, Kindergärten und Schulen. Fallweise tritt sie als Grille, rebellische Juliane oder sogar Meerjungfrau auf.