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Studiert und überqualifiziert

Von der Universität in die Arbeitslosigkeit? Seit den 1970er-Jahren hat sich in Österreich die Anzahl der Studierenden verfünffacht, nicht aber die Stellen für Akademikerinnen und Akademiker. Ramona R.* hat zwei Universitätsabschlüsse. Die Geschichte einer Frau, deren Berufswunsch sich (noch) nicht erfüllt hat.

Romana R. hält ihren Golden Retriever an der Leine, als sie im Postkasten einen Brief entdeckt. Es ist kein Liebesbrief, wohnt sie doch mit ihrem Schatz in derselben Wohnung. Es ist auch kein Lohnzettel, denn Romana R. bekommt keinen Lohn. Der Brief ist vom Arbeitsmarktservice (AMS). Der Hund wird ungeduldig und fängt zu ziehen an. Doch R. wendet den Blick nicht von dem Schreiben ab, schließlich wird es über ihre Zukunft entscheiden. Das AMS billige ihr eine Schulung zu, steht da. Dabei kann man ihr bei Weitem nicht vorwerfen, sie sei zu wenig gebildet.

MIT DOPPELMAGISTER IN DER MINIWOHNUNG
Vor ihrem Namen prangt der sperrige Titel MMag. Das bedeutet, sie hat zwei Diplomstudien absolviert, mit Auszeichnung. Und dennoch ist sie arbeitslos gemeldet – so wie 343.000 Menschen in Österreich (Stand: Ende Februar 2019). Seit zwei Jahren sucht Romana R. intensiv. Bis jetzt hat sie mehr als 80 Bewerbungen verschickt. Die schreibt sie in ihrem Arbeitszimmer, das gleichzeitig auch das Schlaf-, Ess- und Wohnzimmer ist. Ihre Wohnung ist mit 30 Quadratmetern etwas eng für zwei Zwei- und einen Vierbeiner. „Aber das ist okay für uns, wenigstens ist sie leistbar. Ich lebe zurzeit von meinen Ersparnissen aus Gelegenheitsjobs. Der Hund war meine größte Anschaffung“, erzählt die 28-Jährige, während sie dem Retriever durchs Fell krault. Der bekommt dreimal am Tag seinen Auslauf, was auch ihr guttut. Rauskommen und abschalten. Nach der Gassirunde tapst der Hund im Zimmer herum, schnauft von unten an den gläsernen Couchtisch, sodass die Scheibe anschlägt. Seine naive Heiterkeit steckt Romana R. an. Sie muss lachen und erinnert sich an früher.

DIE ERSTE AKADEMIKERIN DER FAMILIE
Vor zehn Jahren fühlte sich das Leben für Romana R. noch leichter an, auch wenn sie große, schwere Kugeln als Ohrringe trug. Dazu blaue Wimperntusche und rötlich gefärbte Haarwellen. Sie hatte gerade die Aufnahmeprüfung für die Kunstuniversität hinter sich gebracht. „Die war hart. In meinem Jahrgang wurden nur sieben Leute aufgenommen“, erinnert sie sich. Schon in der Schule hatte sie ihren Schwerpunkt auf Kunst gelegt. Das machte ihr Freude, darin war sie gut. Jetzt war sie eine der wenigen Auserwählten. Das beflügelte. Sie nahm als zweites Fach Kulturwissenschaft dazu. Die Eltern unterstützten sie, waren stolz auf die erste Akademikerin in der Familie.

Man sagt, Kunst sei brotlos – wie sieht es dann mit einem Kunststudium aus? Die Zahlen verheißen zunächst Gutes. Die Arbeitslosenquote unter AkademikerInnen liegt bei 3,4 Prozent, was im Vergleich zu den 8,4 Prozent in der Gesamtbevölkerung ein niedriger Wert ist (Stand: Ende Februar 2019). Wer in die Kreativbranche geht, hat es dennoch nicht leicht. Hier „dominieren atypische Beschäftigungsmodelle, so etwa Teilzeitarbeit, befristete Verträge und Neue Selbstständigkeit“, heißt es in einer Broschüre des AMS über „Beruf und Beschäftigung nach Abschluss einer Hochschule“.

CHANCEN NACH DEM STUDIUM
Die besten Berufsaussichten bieten technische Studiengänge, wie etwa Computerwissenschaften. „Dazu hat mir der Bezug gefehlt. Ich habe mir die Technik immer zu eintönig vorgestellt“, meint Romana R. Damit war sie nicht allein. Der Frauenanteil in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik liegt gerade einmal bei 20 Prozent. Romana R.s ursprüngliche Pläne klingen nicht hochtrabend. „Ich wollte in einem Museum arbeiten und Ausstellungen gestalten“, sagt sie. An ihre Zimmerwand hat sie einen kleinen Kunstdruck von Picassos Dackel gehängt. Am Anfang hatte sie sich nur genau auf die Stellen beworben, die sie wirklich interessierten.

Lesen Sie weiter in der Printausgabe.

Illustrationen: Adobe Stock

Erschienen in „Welt der Frauen“ 05/2019

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