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4-5/23

Starker Aufmerksamkeitseinbruch bei Frauenthemen

Starker Aufmerksamkeitseinbruch bei Frauenthemen
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2022 verzeichneten frauenpolitische Themen einen deutlichen Rückgang in der österreichweiten Politik und Berichterstattung.

Es beginnt beim Taschengeld in der Kindheit und endet bei der Pension im Alter: Frauen erhalten von klein auf nicht nur weniger Geld für ihre Leistungen – wichtige Frauenthemen werden zudem in Medien und Politik verdrängt. Das zeigt auch die Studie „Frauen – Politik – Medien 2022“, die von der Medienanalyseagentur MediaAffairs in Kooperation mit der Arbeiterkammer Wien, der Acredia Versicherung AG und Raiffeisen Capital Management jährlich erstellt wird. An ihrer Spitze steht Studienautorin Maria Pernegger. Mit ihrer Agentur hat die Geschäftsführerin eine einzigartige Methodik zur Darstellung der Dynamik in Medienmärkten entwickelt. Bei der Frauenstudie nimmt diese die Sichtbarkeit von Frauen und frauenpolitischen Themen in Österreich genau unter die Lupe.

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Studienautorin Maria Pernegger

Krisen verdrängen wichtige Frauenthemen

Ob #metoo oder ein Höchstwert von 41 Femizid-Opfern im Jahr 2018: Vor allem das Thema Gewalt verhalf Frauenthemen in den Jahren vor 2020 zu etwas mehr Aufmerksamkeit in der österreichischen Medienberichterstattung. Eine Entwicklung, die spätestens mit Beginn der Pandemie ein jähes Ende fand. „Frauenpolitik erlebt seit einigen Jahren einen starken Aufmerksamkeitseinbruch“, weiß Pernegger, die als Auslöser die Coronakrise nennt. Hatte sich die Situation 2021 etwas erholt, legte die Frauenpolitik 2022 sodann „eine Vollbremsung hin“. Sowohl der Ukraine-Krieg als auch die Teuerung taten ihr Übriges und sorgten dafür, dass Frauenthemen – erneut – in den Hintergrund gedrängt wurden. „Paradoxerweise tragen offensichtlich Krisen dazu bei, dass frauenpolitische Anliegen noch stärker marginalisiert werden, obwohl Frauen überproportional stark von Krisen wie Corona oder Teuerung betroffen sind“, heißt es dazu in der Studie.

Wenn, dann nur mit Gewalt

Gab es 2022 frauenpolitische Berichte, die im Fokus der Öffentlichkeit standen, so drehten sich diese in einem Drittel der Fälle um Gewalt an Frauen. Auch Hass im Netz und die aus den USA überschwappende Debatte über Schwangerschaftsabbrüche gehörten zu jenen Themen, die sich im medialen Licht halten konnten. Klare Verliererthemen sind hingegen jene, die die finanzielle Absicherung und Unabhängigkeit von Frauen betreffen. Ob Lohngerechtigkeit, die Bekämpfung von Frauenarmut oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Getreu dem Motto „Über Geld spricht man nicht“ zeigt die Studie deutlich, wie wenig der diesjährige Fokus der Studie, Frauen und Geld, medial und politisch beleuchtet wird. „Es ist ein komplettes Randthema. Wir reden hauptsächlich darüber, wenn der Equal-Pay-Day oder der Weltfrauentag ist“, so Pernegger. 

Auffällig sei laut Pernegger auch, dass es bei 73 Prozent der Finanz- und Bankenberichte bei einer reinen Bestandsaufnahme bleibe, nur rund ein Viertel (27 Prozent) würde konkrete Lösungen dafür anbieten, wie die Problematik verhindert oder verändert werden kann. 

Deutlich zeige sich im Finanzsektor weiters: „It’s a man’s world“. 84 Prozent der Berichte vertrauen demnach auf männliche, nur 16 Prozent auf weibliche Expertise. Anders sähe es nur bei jenen Themen aus, die ein sogenanntes „Frauenmascherl“ tragen würden. Beim Equal-Pay-Day etwa setzten Medien dann doch auf die Stimme einer Finanzexpertin. Ein Ergebnis, das für Pernegger entlarvend sei. Kaum werde das Thema Frauen und Geld angesprochen, würden 94 Prozent Frauen und nur sechs Prozent Männer vorkommen. „Das zeigt: Es gibt Frauen, die hier eine hohe Expertise mitbringen würden.“

Frauenthemen im Stillstand

Auch für Ines Stilling, Bereichsleiterin für Soziales an der Arbeiterkammer Wien, zeige die aktuelle Studie, dass frauenpolitische Themen in Österreich eher ein Schattendasein fristen. „In all den Krisen, die wir in den letzten Jahren miterlebt haben, haben wir gesehen, dass Frauen nicht nur besonders belastet sind, sondern auch das System am Laufen halten.“ Umso mehr verwundert sie es, dass ausgerechnet bei Frauenthemen die Medienpräsenz zurückgegangen ist. „Wir müssen feststellen, dass die Frauenpolitik im Stillstand und Schweigen verharrt, das spiegelt sich auch in der Berichterstattung wider.“

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Ines Stilling, Bereichsleiterin für Soziales an der Arbeiterkammer Wien

„Frauen befinden sich ihr ganzes Leben lang in einem Gap“

Besonders was die finanzielle Situation von Frauen angeht, hoben bei der Präsentation der Studie am Montag nicht nur Ines Stilling, sondern auch Sabine Macha (Raiffeisen Capital Management) und Gudrun Meierschitz (Acredia Versicherung AG) die zahlreichen „Gaps“ (engl. Lücke) hervor, mit denen sich Frauen immer wieder konfrontiert sehen. So betonte Meierschitz: „Frauen befinden sich ihr ganzes Leben lang in einem Gap.“ Das beginnt bereits im Kindesalter mit dem sogenannten Taschengeld-Gap (Pocket-Money-Gap), wonach Burschen im Durchschnitt um 20 Prozent mehr Taschengeld als Mädchen erhalten. Zusätzlich wird in dieser Zeit auch das klassische Rollenbild geformt: Mehr Taschengeld gibt es bei jungen Männern laut einer britischen Studie vor allem für außergewöhnliche Erfolge in der Schule, während Mädchen eher für das Mithelfen im Haushalt belohnt werden. 

Der nächste „Gap“ folgt im Erwachsenenalter: So gehört Österreich mit einem Gender-Pay-Gap von 18,9 Prozent zu jenen Ländern, die im EU-Vergleich auf den letzten Plätzen rangieren. Auf lange Sicht führt das dazu, dass Frauen weniger Vermögen (Wealth-Gap) und um 41 Prozent weniger Pension (Retirement-Gap) erhalten. Auch was Investitionen betrifft, gibt es Unterschiede zwischen Mann und Frau. So erhalten weibliche Start-ups in Österreich weniger Förderungen als männliche. 2022 gingen neun von zehn Euro an rein männliche Gründungsteams. Zum Vergleich: 2021 gingen nur 1,8 Prozent des gesamten Venture-Kapitals an weibliche Gründerinnen.