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Springinsfeld<br>ab 4 Jahren

Wiesel sind naturgemäß flinke Tiere, Ratzfatz setzt noch eins drauf. Er schafft es kaum, auch nur einen Moment stillzuhalten. Zu mächtig sind in ihm Sturm und Drang, zu stark das Bedürfnis zu zappeln und herumzuflitzen. Er könnte ja etwas versäumen. Schließlich und endlich geht es um Wichtiges: Die Welt wartet auf ihn!

Hyperaktivität ist kein klassisches Bilderbuchthema. Da diese Festlegung an keiner Stelle ausgesprochen wird, eignet sich das Bilderbuch uneingeschränkt für Springinkerl aller Aktivitätsstufen – völlig abseits von jeglicher Problematisierung oder einem rein therapeutisch orientierten Zugang. Die von Karoline Neubauer collagierten Figuren bewegen sich munter und entschlossen vor weißem Hintergrund und in heimelig-harmonischen Naturszenarien. Wie schon bei König Nesselbart (siehe Blogbeitrag https://www.welt-der-frauen.at/brennnessel-und-brillenbaum/) juckt es mich in den Fingern und Zehen: Ich freu mich auf Bewegung in der Natur, und aufs Schnipsel, Basteln, Kleben von eigenen Bildern, Plänen von Wohnhöhlen oder Gartenlandschaften.

Einfühlsam erzählt Autorin Maria Hageneder aus der Sicht des Wieselbuben von seinem schnellen Alltag. Sie scheint dem wuseligen Nachwuchs direkt ins Gemüt zu blicken und weiß als Sonder- und Heilpädagogin (Link siehe unten) haargenau, wovon sie spricht. In geradlinigen Sätzen lässt sie Ratzfatz berichten. Sehr aufrichtig auch von den Spannungen, die durch seine Art im Umfeld entstehen. Aber ebenso davon, was hilft und guttut.

Ratzfatz stürzt sich ins Abenteuer, ohne Rücksicht auf Verluste. Die gibt es zweifellos und die Konsequenzen für sein hibbeliges Verhalten bekommt auch die kleine Schwester Lina zu spüren. Die gemütliche Lesestunde mit Mama wird gestört. Rambazamba ist Ratzfatz im Moment wichtiger.

Und still auszuharren beim Versteckenspielen, bis alle gefunden sind, geht beinah über seine Kräfte. Dabei wäre es da wirklich gut, wenn er einfach einmal ruhig – heimlich, still und leise – durchatmen könnte.

Geschwindigkeit allein ist eben nicht alles, das muss er als weltbester „Aufgaben-Erlediger“ wegstecken: Ruckzuck gehen die Eier zu Bruch. Zum Glück darf ich am Nachmittag zur Füchsin. Die Ergotherapeutin übt mit ihm, stellt klare Aufgaben und verlangt Gezieltes ab, denn sie gibt die Spur vor: Purzelbaum vorwärts – springen, so weit und so hoch ich kann – Purzelbaum rückwärts.

Dabei erfährt auch sein Selbstwert Stärkung. Ratzfatz baut die Fähigkeit auf, sich fallweise einzufügen.

Getragen-Werden, geborgen im großen Ganzen zu ruhen – das erlebt Ratzfatz, beim Schwimmen mit seinem Vater: das Wasser trägt ihn! Oder wenn er nach der Therapie zufrieden und müde ausruht und sein Herz pochen spürt, das ihn durchs Leben trägt.

Viel Liebe, Herzensstärke und Verständnis brauchen Kinder mit ADHS-Symptomen wie Ratzfatz. Auf den einleitenden Bildern des Vorsatzes lässt uns Karoline Neubauer nur einen Blick auf lauter Beine erhaschen, von allerlei soeben hektisch davon- und aus dem Bild gesprungenen Tieren. Zum Abschluss wird mit Herz agiert. Ein grünes herzförmiges Kissen drückt Ratzfatz an seine Brust, zur Beruhigung. Dachs und Eichhorn werfen bunte Herzen fröhlich jonglierend oder wie Luftballons in die Höhe. Die Füchsin bietet balancierend auf ihrer Pfote ein kleines blaues Herz an, wie ein kleines Konfetti. Und so signalisiert sie vielleicht: ohne Liebe und gleichzeitig kühlem Kopf wird es nicht gut für die vielen Wieselkinder dieser Welt. Innere Unruhe plagt immer mehr Heranwachsende. Und sind wir nicht alle hin und wieder etwas „ratzfatz“? Schusselig, schlampig, unter Zeitdruck und folglich unachtsam? Wir glauben, dem kollektiven Gerenne, der allgegenwärtigen Beschleunigung stattgeben zu müssen, mitzumachen beim Irrsinnskarussell. Wie gut, wenn es gelingt, sich am Ende des Tages gemütlich in der Höhle zusammenzurollen und einer Geschichte zu lauschen.

Welche Fähigkeiten und Stärken die sprunghaften Assoziationen von Ratzfatz ins Leben rufen, wo seine Qualitäten liegen und wie er die im Lauf seines Werdegangs verwirklichen wird, darauf dürfen wir gespannt sein. Wird er Maler, Sportler, Schauspieler oder Erfinder wie andere berühmte Ratzfatze? Seine Mama meinte einmal: „Wie groß müsste der Hut sein, unter den alle deine Ideen passen?“ – Ich weiß es: sehr groß!

Wer gerade auf der Suche nach Bastelideen ist: Hier gibt es ratzfatz Material zum Download:

https://www.tyroliaverlag.at/dbfiles/9783702236397/Ratzfatz-Bastelbogen.pdf

https://www.tyroliaverlag.at/dbfiles/9783702236397/Ratzfatz-Ausmalbild.pdf

 

Informationen zur Autorin:

http://www.elterncoaching.at/

Und wer mehr über das Werk der Illustratorin erfahren möchte:

http://karolineneubauer.blogspot.co.at/

Maria Hageneder (Text)/Karoline Neubauer (Bild):

Ratzfatz.

Vom Zappeln, Wuseln, Wetzen und Flitzen

Ab 4 Jahren

Tyrolia Verlag 2017

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt in Ottensheim (OÖ). Als Buchhändlerin sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.