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Simplify oder was sonst so vom Leben übrig bleibt

Margit Schreiner weiß immer, was sie tut. Beim Schreiben kann man das ja auch von Außen beurteilen: Wenn sie im vorliegenden Buch Paare besucht, deren angehäufte Lebenszeugen betrachtet und beschreibt, von Chaos und Ruhe redet, dann macht sie das mit einem Lächeln. Ein wenig Süffisanz ist natürlich auch dabei, schließlich lesen wir jene Schreiner, die mit Buchtiteln wie etwa „Haus, Frauen, Sex“ oder „Haus, Friedens, Bruch“ für manche Irritation und falsche Erwartungen sorgte. Ganz bewusst natürlich.

Sie liefert hier keine Homereportagen ab, sondern erzählt, wie sich intellektuelle Paare über die Zeit entwickelten, näher zusammen rückten oder sich voneinander entfernten. Da wurde geerbt, da wurde gekauft, da wurden Sessel und so einige Kunstwerke zusammengestellt, so wie sich die Paare fanden, musste auch das Hab und das Gut miteinander zu vertragen beginnen. In Zeiten, in denen eher die gesellschaftliche Spaltung als der gesellschaftliche Zusammenhalt forciert wird, ist dieser Roman notwendig wie eine Tasse Tee, wenn man vom Eislaufen kommt. Denn die hier beschriebenen Charakter streben nach Geistigem, nach Höherem, helfen einander und gehen einander heftig auf die Nerven: Lebenspläne abseits von Neid und Missgunst; manch einer oder eine, die ihre nie gestartete Schauspielkarriere aufgibt, weil sie Nachlässe ordnen muss. Insgesamt liebenswert, herb und durchaus selbstkritisch.

Ein Schriftsteller ist ein Mensch, der Abenteuer vorwiegend im Kopf erlebt. Schon allein deshalb, weil kaum ein Schriftsteller das Geld hätte, die Welt zu umsegeln oder den Mount Everest zu besteigen oder im Amazonas-Regenwald zu survivaln. Die meisten Schriftsteller können aus Geldmangel nicht einmal in Urlaub fahren. (S. 41)

Da kommen die Schreibseminare, die bekannte AutorInnen geben, unter die Lupe: Wo finden sie statt, warum nur, sind sie dermaßen anstrengend! Viele LeserInnen werden es genießen, Bekannte zu entdecken, der eine ist ein Übersetzer, die andere schreibt, eine andere wieder will ins Ausland gehen. Der Lebensmensch der Ich-Erzählerin liebt es übrigens, sich in deren Manuskripten zu entdecken, das größte Vergnügen bereitet ihm ein kritischer Seitenhieb. Übrigens geht es auch um Pensionierungen, um die letzte Heimkehr aus dem Büro in die, richtig, überfüllte Wohnung: Herb, süffisant, ehrlich und mit unerreichtem Sarkasmus geschrieben!

 

Was Sie versäumen, wenn Sie dieses Buch nicht lesen: Witz, Sarkasmus, Blick in SchriftstellerInnenwohnungen, ÜbersetzerInnenwohnungen, in Beziehungen, die jenseits von Bausparverträgen über jede Laufzeit hinaus halten, Lebensfreude, Lebenslust und Melancholie, die ist der hellgraue Grund, auf dem Margit Schreiner mehr als nur Puppenheime und Noras, die diese verlassen wollen, skizziert.

Die Autorin, 1953 in Linz geboren, liebt die Provokation, gilt zu den wichtigen Stimmen der österreichischen Literatur, 2016 erhält sie den Heinrich-Gleißner-Preis, die Jahre davor sehr regelmäßig Literatur- und Kulturpreise.

Margit Schreiner:

Kein Platz mehr.

Roman.

Frankfurt a. Main: Schöffing & Co. 2017.

175 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“