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Sei doch bitte einzigartig!

Wer einfach mit der Masse läuft, hat es heutzutage schwer. Nur wer auffällt, existiert. Ist das ein Irrtum oder eine Verheißung?

Wenn der Sommer den Blick auf Wadln und Nacken freigibt, wenn Schultern entblößt und Nabel gelüftet werden, eröffnet sich der staunenden Beobachterin ein ganz neuer Horizont: tätowierte Haut, wohin man schaut. Blumen, wilde Tiere, Landschaften, grafische Muster und Schriftzüge – die Haut wird zur Erzählfläche des eigenen Lebens. Familiengeschichten, Urlaubsziele, Kinder und Liebhaber, alles hat Platz und macht den Menschen unverwechselbar. Bei manchen fragt man sich nur, wie sich die nächsten Jahrzehnte noch auf den letzten Flächen freier Haut ausgehen sollen. Und wie sie löschen wollen, was in zehn Jahren nicht mehr aktuell oder sogar peinlich geworden ist. Vielleicht sind Tattoos so in, weil sie ein Symptom unseres modernen Selbstverständnisses sind. Wir haben einen langen Weg zurückgelegt aus dem Kollektiv zum Individuum. „Wem gehörst du denn an?“, hat man früher Kinder am Land nach ihrer Herkunft gefragt. Heute ist Geburt kein Schicksal mehr. Man kann seinen Lebensstil selbst wählen. Wir haben Freiheit „von“ gegen Freiheit „für“ getauscht. Für mehr selbstbestimmtes Leben, für die Entfaltung der Talente, die Erfüllung von Sehnsüchten, und wir wollen nicht so sein wie alle anderen. Seit die sozialen Medien unsere Lebenswelt vergrößert und unsere Vorstellung von Freundschaft neu definiert haben, ist es wichtiger denn je, originell zu sein. Nur wer etwas Außergewöhnliches postet, kann mit Resonanz rechnen, neue Follower gewinnen und es im Ranking nach oben schaffen. Was Lust schafft, hat auch Schattenseiten: Sind wir dazu verdammt, unser eigener PR-Manager zu sein, im wahrsten und übertragenen Sinn unsere eigene Haut zu Markte zu tragen? „Optimierungsstress“ nennen PsychologInnen, was dabei herauskommt. Wir dürften nie mit uns, schon gar nicht mit unserem Aussehen oder unserer Leistung, zufrieden sein. Entspannung ist maximal im Wellnesshotel angesagt, ansonsten lässt man die inneren Antreiber munter weiterwerken. Oder sind es doch auch äußere? Bleiben wir beim Tattoo. Da ist ein riesiger Markt gewachsen, der sich mit Mustern und Verfahren laut anpreist. Wer dazugehören will, trägt zumindest ein kleines Brandmal am Knöchel. Ist das noch originell oder bedeutet es schon, wieder so zu sein wie alle?

Ich spreche wie die Blinde vom Sehen. Ich trage kein Tattoo, gehöre also zur Gruppe derer, die maximal durch Narben von Stürzen oder Kratzspuren von der Beerenhecke gezeichnet sind. Ich mag es nicht, gepikst und gestochen zu werden, und ich fürchte, wenn ich eine derartige Körperbemalung hätte, könnte mir eines Tages vor mir selbst grausen, angesichts der verblassenden, verschwimmenden gestichelten Zeichnungen, die im Faltenwurf unkenntlich werden. Natürlich will ich auch originell sein, anders als die anderen. Aber wie geht das? Ist unsere Vorstellung von Individualität überhaupt realistisch? Sind wir in unserer Idee, wer wir sind, nicht viel abhängiger von anderen, als uns lieb ist? Ich glaube ja manchmal, nicht ganz dicht zu sein. Ein Beispiel. Kaum setzt sich in meinem Kopf ein für mich neuer Gedanke fest, dauert es keine zwei Tage, bis ich in einer anderen Zeitung davon lese. Warum hatten wir dieselbe Idee? Ich bin niedergeschmettert. War meine Originalität bloß Illusion?

Interessanterweise wächst zeitgleich mit dem großen Wunsch, einzigartig zu sein, in unseren Breiten der Populismus. Er bietet eine ganz einfache Form von Zugehörigkeit: Wir gegen die anderen. Ist das die banale Entlastung, die der geplagte und von sich selbst und seinen Möglichkeiten ernüchterte Individualist sucht? In solchen Situationen sehne ich mich manchmal nach dem Trost der christlichen Religion. „Du bist von Anfang an ein Original und musst dich nicht mehr dafür anstrengen“, heißt es immer wieder in den heiligen Büchern. Gott habe mich in seine Hand eingeschrieben. Womöglich trägt er ja Tattoos.

Christine Haiden wird beim warmen Wetter zur Voyeurin.

Die Zeichen auf der Haut

Tattoos – der Begriff scheint aus dem polynesischen Sprachraum zu kommen – gibt es mindestens seit Ötzis Tagen. Er hat 61 mit Kohle gefärbte Hautritzungen gehabt. Deren Sinn könnte auch medizinischer Art gewesen sein. Viele Tattoos indigener Völker waren symbolische Zeichen der Zugehörigkeit oder der religiösen Tradition. Im christlichen Abendland waren Tattoos lange verpönt. Nur Gauner verwendeten Tattoos als Teil einer umfangreichen Geheimsprache. In religiösen Kreisen dienten Tattoos auch als Abgrenzung. So wurden katholische Mädchen in Bosnien bis Ende des 19. Jahrhunderts mit christlichen Symbolen tätowiert, um sie am Übertritt zum Islam zu hindern. Koptische ChristInnen tragen ein Kreuz-Tattoo an der Innenseite des rechten Handgelenks, um sich vom Islam zu distanzieren. Ab den 1990er-Jahren wurden Tattoos hierzulande zum Modetrend. Etwa die Hälfte aller 25- bis 34-jährigen deutschen Frauen ist inzwischen tätowiert, in Österreich gut 40 Prozent. Die Auswahl an Motiven ist extrem gewachsen. Die Entfernung von Tattoos allerdings ist schmerzhaft, kostspielig und nicht immer erfolgreich.

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Erschienen in „Welt der Frauen“ 0708/18

Illustration: www.margit-krammer.at