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01-02/23

„Ich hatte nur meine Hände, Augen und Ohren“

„Ich hatte nur meine Hände, Augen und Ohren“
Liesa Johannssen

Die Gynäkologin Schwester Rita Schiffer (65) leitet seit 25 Jahren das Attat-Krankenhaus in Äthiopien und setzt sich dort für Frauen und Kinder ein.

„Aisosh“, sagt Schwester Rita zu einer hochschwangeren Frau, die sich den Bauch hält, und lächelt ihr zu. „Aisosh“ bedeutet im Amharischen, der Äthiopischen Amtssprache, so viel wie „Kopf hoch, nur Mut“. Viel Mut bewies die Ärztin aus dem Orden der Missionsärztlichen Schwestern auch, als sie vor 25 Jahren nach Äthiopien ging.

Lebensentscheidung

Die Gynäkologin leitet das Attat-Landkrankenhaus, knapp 200 Kilometer südwestlich von Addis Abeba. „Den Menschen in dem Land mangelt es oft am Nötigsten. Viele kämpfen Tag für Tag ums Überleben“, erklärt die Ordensfrau. Das Spital ist Anlaufstelle für die Bevölkerung im Umkreis von 100 Kilometern. Weil Straßen und Infrastruktur schlecht sind, sind die Menschen oft tagelang zu Fuß unterwegs oder werden kilometerweit getragen. Die Hauptgründe für die Hospitalisierungen sind Infektionskrankheiten, Malaria, Schwangerschaften und Geburten sowie Erkrankungen, die operativer Eingriffe bedürfen. Da es keine Krankenversicherung gibt, zahlen die Menschen, was ihnen möglich ist – maximal sind das 40 Prozent der Behandlungskosten –, der Rest wird über Spenden finanziert. „Wir wollen Basisversorgung für arme Leute bieten“, erklärt Schwester Rita.

Schon mit 14 träumte sie nach einem Film über Ordensfrauen in Indien davon, in die Mission zu gehen. Mit 21 Jahren trat sie in den Orden der Missionsärztlichen Schwestern ein und nach ihrem ersten Auslandseinsatz als Ärztin in Ghana traf sie eine Lebensentscheidung: „So will ich mein Leben verbringen.“
Als Schwester Rita, die älteste von sieben Geschwistern und im Rheinland aufgewachsen, nach ihrem künftigen Einsatzort gefragt wurde, sagte sie: „Schickt mich dorthin, wo ich am dringendsten gebraucht werde.“

Neue Herausforderungen

„Der Anfang war ein Albtraum“, erzählt Schwester Rita bei ihrem Österreich-Besuch. „Ich hatte nur meine Hände, Augen und Ohren. Es gab kein Labor, keinen Ultraschall.“ Eine indische Mitschwester brachte ihr das Operieren unter einfachsten Bedingungen bei. Und Schwester Rita setzt hinzu: „Man lernt schnell, wenn man muss.“

Inzwischen hat sich vieles verbessert. Es gibt ein Ultraschall- und ein Sauerstoffgerät, aber auch mehr Krankenwägen und Straßen. Vorsorgeprogramme, Gesundheitserziehung und nicht zuletzt ein „Wartehaus für Risikomütter“ auf dem Krankenhausgelände – Frauen mit Risikoschwangerschaften aus entlegenen Dörfern können dort die letzten sieben bis zehn Tage vor dem Geburtstermin verbringen – konnten die gesundheitliche Situation von Frauen und Kindern erheblich verbessern. Das Projekt wurde mittlerweile auch von anderen Spitälern übernommen, wodurch die hohe Mütter- und Säuglingssterblichkeit drastisch gesenkt werden konnte.

Der Krieg war jedoch auch für das Krankenhaus ein schwerer Rückschlag: Medikamente, Infusionsflaschen und OP-Handschuhe sind schwer beziehungsweise teuer (auf dem Schwarzmarkt) erhältlich, die Stromversorgung ist teilweise unterbrochen. Einmal hatte das Spital 48 Stunden lang keinen Strom. Dringende Operationen wurden wie früher mittels Kerosinlampen durchgeführt. „Das war ein Systemschock“, erzählt Schwester Rita. „Die Lösung war ein WhatsApp-Call in Südtirol. Der Techniker hat mich über eine Stunde angeleitet, wie ich die Generatoren wieder auf die Reihe kriege. Wir haben alle Handys zusammengesucht, damit das Telefonat überhaupt möglich war.“

Herzensangelegenheit

Ans Aufhören denkt Schwester Rita noch lange nicht. „Ich freue mich über jeden Tag, wo ich hier sein darf. Wir haben so ein tolles Team mit 200 Leuten und wir möchten weiterhin eine verlässliche Anlaufstelle sein.“ Erst vor kurzem wurde Schwester Rita mit dem Else Kröner Fresenius Preis für Medizinische Entwicklungszusammenarbeit ausgezeichnet. Das Preisgeld möchte sie in die Aus- und Weiterbildung von medizinischem Personal investieren. Studierende von Krankenpflege- und Hebammenschulen sowie angehende ÄrztInnen absolvieren in Attat ihre praktische Ausbildung, um notfallchirurgische und gynäkologische Eingriffe, inklusive Kaiserschnitte, durchführen zu können.

„Frauen sind der Generator von Entwicklung. Sie sind eine große Schaltstelle in Familien, Frauen sind auch für die Familiengesundheit zuständig. Vieles in der äthiopischen Gesellschaft wird von Frauen getragen. Gesunde Frauen und Kinder sind für die Entwicklung eines Landes sehr wichtig.“

Besonders am Herzen liegen ihr auch ältere Frauen. „Frauen in Äthiopien haben ein anstrengendes Leben. Sie müssen Wasser mit Plastikkanistern holen, sie tragen schwere Lasten, wenn sie zweimal in der Woche zum Markt gehen, sie bekommen Kinder und das alles bei einer Schmalspur-Ernährung. Nach der Menopause kommt es oft zu einer Senkung des Beckenbodens, was unter anderem mit erheblichen Schmerzen und Geschwüren verbunden ist. Die sogenannte „Senkungs-OP“ hat Schwester Rita neben der Geburtshilfe zu einem ihrer Schwerpunkte gemacht. „Wenn ich in die Dörfer gehe, bedanken sich die Frauen bei mir. Gerade für ältere Frauen kann die OP lebensverändernd sein. Es ist so schön, die Dankbarkeit der Menschen zu erleben und ich lerne auch so viel von ihnen: sich nicht unterkriegen lassen, jeden Tag wieder aufzustehen.“ Oder wie es in Äthiopien heißt: Aisosh!

Sr. Rita Schiffer war auf Einladung von „Jugend Eine Welt“ und des Vereins „Freunde Anna Dengel“, die das Attat-Krankenhaus seit Jahren unterstützen, zu Besuch in Österreich.