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Sally Ride: Die nach den Sternen griff

Sally Ride war die erste amerikanische Astronautin und die dritte Frau im All. Sie bewies, dass auch Frauen nach den Sternen greifen können, zog nach dem Challenger-Unglück die Mächtigen der NASA zur Rechenschaft und brachte Mädchen die Wissenschaft näher.

Als Sally Ride am 18. Juni 1983 mit ihren Kollegen das Space Shuttle besteigt, begleitet sie eine bekannte Melodie: „Ride, Sally, ride!“, singt die Menge. Das Lied „Mustang Sally“ von Wilson Pickett ist in diesem Sommer überall zu hören. Sein Refrain passt perfekt auf Amerikas neueste Heldin: Die Physikerin und Astronautin Sally Ride. Sie ist die erste amerikanische Frau und die dritte Frau überhaupt, die ins Weltall fliegt. Auch ist sie bis heute die jüngste, und, was zu diesem Zeitpunkt noch niemand weiß, auch die erste homosexuelle Person im All. Sally fasziniert die Nation. Und so ist ihr Name das Letzte, das sie hört, bevor sich die Luke der „Challenger“ schließt: „Ride, Sally Ride!“

Sally Kristen Ride wird am 26. Mai 1951 in Los Angeles geboren. Schon als Kind interessiert sie sich für Naturwissenschaften, doch ihre große Liebe gilt dem Sport. Sally ist eine talentierte Tennisspielerin und tritt bei landesweiten Tournieren an. Als sie älter wird, muss sie sich zwischen ihren beiden Leidenschaften entscheiden. Sie gibt den Sport auf und studiert stattdessen Physik und Englisch. Bald spezialisiert sie sich auf Astrophysik und macht 1978 ihren Doktor in diesem Fach. Eigentlich sei sie ja nur Astronautin geworden, weil ihre Rückhand im Tennis zu schwach gewesen sei, wird sie später scherzen.

Kurz vor ihrer Promotion entdeckt Sally eine Anzeige in der Studentenzeitung. Die NASA, liest sie, sucht Anwärter für ihre achte Astronautenklasse. Wer aufgenommen wird, soll mit dem neuartigen Space Shuttle arbeiten: Einer Raumfähre, deren Teile wiederverwendet werden können, anstatt zu verglühen oder ins Meer zu stürzen. Und erstmals können sich auch Frauen bewerben. Sally zögert nicht lange. Zwischen achttausend anderen Bewerbungen geht auch ihre bei der NASA ein. Sie wird als eine von fünfunddreißig Bewerbern und Bewerberinnen ausgewählt.

Sallys Astronautenklasse besteht aus sechs Frauen und neunundzwanzig Männern, die umfangreich für den Job trainiert werden. Aufgrund ihrer Nervenstärke bekommt Sally zunächst eine wichtige Rolle am Boden zugeteilt: Während des zweiten und dritten Space Shuttle-Flugs ist sie als „CapCom“ die einzige Person, die im direkten Funkkontakt mit den Astronauten steht. Doch die siebte Space Shuttle-Mission, genannt STS-7, wird sie nicht mehr vom Boden aus betreuen, sondern als erste Frau mit an Bord sein.

Bevor es so weit ist, muss sich Sally einiges gefallen lassen. Auf Pressekonferenzen prasseln sexistische Fragen auf sie ein: Macht sie sich denn keine Sorgen, dass die Schwerelosigkeit ihre Gebärmutter beschädigen könnte? Wie plant sie, im All mit ihrer Menstruation umzugehen? Sally beantwortet die Fragen knapp und höflich. Als sie gefragt wird, ob sie weint, wenn im Job etwas schiefgeht, verweist sie lachend auf ihren Kollegen: „Warum fragt niemand Rick so etwas?“

Im Juni 1983 treten Sally und ihre Kollegen ihre historische Mission an. Sechs Tage lang sind sie im All und bringen mehrere Satelliten aus. Im Jahr darauf folgt Sallys zweiter Raumflug. Diesmal verbringt sie acht Tage in der Erdumlaufbahn. Eine dritte Mission ist bereits geplant, als sich die Katastrophe ereignet: Am 28. Januar 1986 explodiert die Raumfähre „Challenger“ nur 73 Sekunden nach ihrem Start. Die gesamte Bordbesatzung kommt ums Leben. Mehrere der Opfer waren Mitglieder von Sallys Astronautenklasse, mit ihr bekannt und befreundet.

Danach ist alles anders. Sallys dritte Mission wird gestrichen, stattdessen wird sie von US-Präsident Reagan in eine Untersuchungskommission berufen, die den Unfall klären soll. Sally, die zweimal selbst an Bord der Challenger war, ist auch hier die einzige Frau. Sie scheut sich nicht, schwierige Fragen zu stellen und ihren Arbeitgeber zur Rechenschaft zu ziehen. Die Kommission kommt zu dem Schluss, dass fehlerhafte Dichtungsringe die fatale Explosion verursacht haben. Erst Jahrzehnte später wird bekannt, dass die entscheidenden Informationen dazu von Sally kamen.

Danach fliegt sie nie mehr ins All. 1987 verlässt Sally die NASA und wird Physikprofessorin in San Diego. Daneben gründet sie „Sally Ride Science“, eine Nonprofit-Organisation, die jungen Mädchen die Naturwissenschaften näherbringt, und schreibt wissenschaftliche Kinderbücher.

Viele dieser Bücher verfasst Sally zusammen mit Tam O‘Shaughnessy, die als Psychologieprofessorin auch in San Diego lehrt. Die beiden Frauen kennen sich seit ihrer Jugendzeit als Tennisspielerinnen. Erst nach Sallys Tod erfährt die Öffentlichkeit, dass sie nicht nur Freundinnen und Co-Autorinnen, sondern auch Partnerinnen waren. Nach einer kurzen Ehe mit einem männlichen Astronauten führt Sally bis zu ihrem Lebensende, beinah dreißig Jahre lang, eine Beziehung zu Tam.

Als Sally sechzig Jahre alt ist, wird bei ihr Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Knapp eineinhalb Jahre später verstirbt sie in ihrem Haus in Kalifornien. US-Präsident Obama verleiht ihr posthum die Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile Ehre der USA. „Sally Ride hat die gläserne Decke der Stratosphäre durchbrochen“, sagt er. „Heute können sich unsere Töchter höhere Ziele setzen, denn Sally hat ihnen den Weg gezeigt.“

Ricarda Opis

Ricarda Opis wurde 1996 in Graz geboren und studierte ebendort Journalismus und Public Relations (PR). Sie erzählt am liebsten die Geschichten von Frauen und Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Für diese Serie verbindet sie ihre beiden größten Leidenschaften, indem sie die Geschichten großer Frauen nicht nur erzählt, sondern auch bebildert. Wenn sie nicht gerade schreibt oder zeichnet, begeistert sie sich für alles, was sonst noch kreativ ist, und die Geschichte, Kulturen und Politik des Nahen Ostens.

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