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Pilz-Kraft voraus!

Sie sollen das Immunsystem stärken, Entzündungen hemmen, Krebszellen bekämpfen und sogar die Potenz steigern: Vitalpilze. Gegen jede Krankheit, so heißt es, sei ein Schwammerl gewachsen. Doch stimmt das wirklich?

Es erinnert ein bisschen an die Computerspiel-Legende „Super Mario“. Isst die kleine Spielfigur Mario einen Super-Pilz, verleiht dieser Mario nicht nur Superkräfte, er lässt ihn auch auf die doppelte Größe anwachsen. Pilze, die den Körper stärken und unverwundbar machen, sind in der virtuellen Welt durchaus möglich. Aber in der Realität? Es gibt Pilzarten, deren positive Wirkung enorm sein soll. Sie heißen Vital- oder Heilpilze und gelten als „Heilmittel“ für sämtliche Erkrankungen. So sollen sie nicht nur Entzündungen hemmen, das Herz- und Immunsystem stärken, Demenz, Schlaganfällen und Thrombosen vorbeugen, sondern auch Magengeschwüre und Krebs heilen. Einer, der sich anscheinend bereits vor rund 5.000 Jahren der Naturapotheke bediente, war der Gletschermann Ötzi. Laut Untersuchungen des Instituts für pharmazeutische Biologie an der Humboldt-Universität Berlin fanden ForscherInnen einen Birkenporling in seinen Taschen. Diese heimische Pilzart soll laut Naturheilkunde unter anderem Magengeschwüre beseitigen. Ein deutschsprachiges Forscherteam mutmaßte gegenüber dem Magazin „Science“, dass Ötzi an einem Magenkeim litt, der Magengeschwüre und Krebs verursachen kann. Andere WissenschaftlerInnen vermuten jedoch, dass Ötzi den Pilz lediglich als Zunder benutzte. Die bekannteste Substanz, die jemals aus einem Pilz gewonnen wurde, ist das Antibiotikum Penicillin. Das zeigt, dass Pilze große Bedeutung haben können.

Gesunde Wunderwaffen?
In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) sind Vitalpilze schon seit Jahrhunderten fixer Bestandteil der Hausapotheke. Laut der TCM sollen die asiatischen Speisepilze Shiitake und Maitake das Immunsystem stärken, der Reishi wird in Japan und China offiziell in der Krebstherapie angewendet. Prinzipiell werden all jene Vitalpilze, die zum direkten Verzehr nicht geeignet sind, getrocknet, gemahlen und als Pulver in Kapselform oder als Extrakt angeboten. Anders als in Japan oder China sind Vitalpilze in Europa nicht als Arzneimittel zugelassen. „Wissenschaftliche Untersuchungen zur Wirkung von Pilzen sind rar“, sagt Kurt Widhalm, Präsident des Österreichischen Akademischen Institutes für Ernährungsmedizin. Eine heilende Wirkung wurde in Europa bislang noch nicht vollends bestätigt. Vitalpilze werden in Europa als Nahrungsergänzungsmittel vertrieben und unterliegen somit dem Lebensmittelgesetz. Laut diesem ist es verboten, mit Heil versprechenden Aussagen zu werben. Thomas Bardorf, Mitglied der Österreichischen Mykologischen Gesellschaft, weiß: „Produkte aus dem Internet sind oft überteuert, die Heilsversprechen völlig überzogen.“ Laut Kurt Widhalm geben die Hersteller oft auch keine Auskunft über den Anbau der Pilze. Nicht selten seien die Produkte mit Pestiziden und Schwermetallen belastet.

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Schmerzen, Entzündungen und Magenbeschwerden

Birkenporling (Piptoporus betulinus)
Der Birkenporling ist aufgrund seiner Bitterkeit ungenießbar. Er wird deshalb zu Pulver verarbeitet und als Tee oder in Kapselform eingenommen. Der Birkenporling soll schmerzstillende Eigen­schaften ­besitzen, Entzündungen ­hemmen, Wunden bei ihrer ­Heilung unterstützen, stressregulierend sein, bei Pilz­infektionen helfen, das Wachs­tum von Tumorzellen hemmen und nervenstärkend sein.

Leber, Milz und Krebserkrankungen

Schmetterlingstramete (Trametes versicolor)
Die Schmetterlingstramete ist kein Speisepilz und gilt als ungenießbar. Der Pilz kann aber zu Pulver verarbeitet und in Kapseln gefüllt oder als Tee zubereitet werden. Die Schmetterlingstramete wird oft unterstützend zur Krebsbehandlung eingenommen, da sie Beschwerden und Nebenwirkungen einer Chemotherapie lindern kann. Die Einnahme sollte jedoch stets in Absprache mit einem Arzt, einer Ärztin erfolgen. Zudem soll der Pilz Leber und Milz sowie die das Immunsystem stärken.

Blut, Herz und Immunsystem

Judasohr oder Hollerpilz (Auricularia auricula-judae)
Das Judasohr verdankt seinen Namen seiner Form, die einer Ohrmuschel ähnelt. Der Pilz ist ein Speisepilz, viele Menschen kennen einen Vertreter des Judasohrs aus dem Chinarestaurant. Dort wird er unter dem Namen „Mu Err“ oder „chinesische Morchel“ serviert. Seine Form macht den Pilz unverwechselbar. Er ist an Totholz von Hollerstauden oder an Buchen zu finden. Der Pilz kann in Gerichten verkocht werden. Er wirkt unterstützend bei Durchblutungsstörungen, Bluthochdruck, Erkältungen, Lungen und Atemwegserkrankungen.

Experten Sissi Kaiser & Tom Beyer

Erschienen in „Welt der Frauen“ 03/18