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Franziskusweg Tag 8: Halleluja, wir sind da!

Von La Verna nach Assisi: Begleiten Sie Chefredakteurin Sabine Kronberger beim Pilgern am Franziskusweg. Tag 8.

Wenn das Herz tanzt, geht der Mund über

Oder: Halleluja, wir sind da!

Als wir heute Morgen im netten Ort Valfabbrica losstarteten, kam ich zu spät zum Frühstück, denn der Text war per Mail raus, die Bilder nicht. Während ich hier pilgere und abends die Texte schreibe, habe ich nämlich in unserer „Welt der Frauen“-Redaktion eine gute Fee namens Andrea, die diese Texte und Bilder für Sie online stellt und ansprechend gestaltet. (Grazie, Andrea!) Damit es so weit kommt, müssen sie aber erst zu ihr. Und das war heute erst in letzter Minute möglich. Also scusi, wenn der Text heute etwas später erst online ging.

Pilgern am Franziskusweg

Hauptsache, die Schuhe waren frisch geputzt

Beim Gehen auf den ersten Metern der Strecke habe ich dann in Ruhe einige der Texte gelesen, die als Antworten auf das Pilgertagebuch über alle Kanäle bei mir gelandet sind. Ein lautes Danke! Viele haben mich zu Tränen gerührt, viele gingen mitten ins Herz und einige ließen mich herzlich lachen, weil sie nett verpackt waren. Es war ein Gefühl des getragen werdens, dass so viele Menschen mit uns fühlten, wenn das Wetter mies war, wenn unsere Knie Probleme machten, wenn der Schnee um die Ohren wehte.

Heute sollte also die letzte Etappe sein. Die Strecke nach Assisi. Meine Wanderschuhe, die mir diese Woche treue, fast blasenfreie Tage bescherten, hatte ich wie jeden Tag abends geputzt, über Nacht trocken lassen, damit sie am nächsten Tag wieder einsatzbereit waren. So auch heute, immerhin wollten wir einen guten Eindruck machen, wenn wir am wunderbaren Ort eintreffen würden. Und diesmal war das auch besonders schlau: Sie waren nämlich für exakte 13 Minuten sauber. Nach einem ganz kurzen Asphaltweg startete schließlich schon der Waldweg, der bergauf, wieder einmal durch Schlamm, Matsch, kleine Bäche und Wasserwege führte.

Bevor der intensive Aufstieg folgte, holten Christa – die Frau für alle geschichtlichen, italienischen und touristischen Fragen – und Lydia – die Expertin für alles Bewegende und Spirituelle – uns in einen Kreis. Welches Motto für den heutigen Tag würden die beiden wählen? Es war ein Begriff, der in der Lebensbiografie von Franz von Assisi eine bedeutende Rolle spielte: der Lobpreis.

Während die einen diesen Begriff vielleicht für altertümlich und überholt empfinden, verstehen andere ihn als Wertschätzung an allem, was die Schöpfung bereithält. Jeder durfte wie immer seine eigenen Gedanken dazu entstehen lassen – oder auch nicht. Alles kann hier, nichts muss.

Wer dem Begriff mit seinen Gedanken folgen wollte, hatte nun mehr als eine Stunde Zeit, denn es ging im Schweigen den wirklich steilen, rutschigen Weg hinauf. Entgegen der gängigen Meinung, dass Pilgern nur etwas mit Gehen auf flacher Ebene zu tun hatte, traten wir hier mehrere Tage den Beweis an, dass dem nicht so war. Wer den oberösterreichischen Grünberg kennt, stelle ihn sich drei bis viermal vor, dazwischen entspanntere Wege und ein paar besondere Highlights wie Bäche und Matsch, und zack: Man kann sich ein gutes Bild machen!

Die Sonne als Belohnung

Oben angekommen, waren wir in der Sonne. Am letzten Tag erhielten wir also Sonnenschein als Belohnung für die Wetterkapriolen in den Tagen zuvor. Erst Regen, dann Kälte, dann Schnee und dann wieder Kälte – und nun Sonne? Kann man nicht erfinden. Muss man so erlebt haben. Auch das ist Pilgern.

Jede geht anders

Nach zwei Stunden schließlich ein spezielles Glänzen in den Augen von Christa: „Liebe Leute, bald erreichen wir Assisi, in einer halben Stunde werden wir schon den ersten Blick darauf werfen können!“ Stimmung und Vorfreude aufbauen kann sie. Wirklich.

Wieder kam diese kribbelige Heiterkeit unter den Pilgerinnen auf. Denn nun endlich würden wir unserem Ziel mit jedem Schritt näherkommen. Wie von selbst waren die Beine plötzlich leichter, die Schritte schneller und der Blick nur noch auf den Horizont gerichtet. Meine Faszination Menschen zu beobachten erreichte einen besonderen Höhepunkt. Aber schon zuvor hatte ich ein besonderes Auge auf unser Gehen, bei dem es sich nicht nur um das Vorankommen handelte.

Viel mehr hatte jeder/jede von uns einen speziellen Gang. Maria etwa, ging immer vorne. Ihr steter Schritt war bei jeder Steigung konstant. Bewundernswert. Lisis Schritt war mal gemütlich und mit ihrer Freundin ins Gespräch vertieft, mal schneller, wenn ein Fotomotiv festgehalten werden sollte. Ich glaube, sie hatte jede besondere und blühende Pflanze am Wegesrand abgelichtet. Eva hatte auch ein gutes Auge beim Gehen. Sie fand schon am ersten Tag einen Ast, der wie ein Tau aussah, schmückte dieses Kreuz während der Märsche immer mehr mit Kräutern und Pflanzen, die ihr besonders erschienen und zierte damit ihren Rucksack. Und dann waren da noch unsere Schlusslichter: Ingrid, Sie erinnern sich, hatten wir am ersten Tag gleich einmal verloren (es tut uns noch immer leid), Lisi wartete auf jede Pilgerin, egal wie lange man mit Regenponcho, Schirm und Co beim Gang auf Gottes Naturtoilette brauchte (Geduld ist ihre Stärke). Als Schlusslicht, die Letzte der Gruppe, trug man Verantwortung, musste auf alle warten, die Schäfchen zusammenhalten. Auch das ist Pilgern.

Für den letzten, heutigen Tag meldete sich Inge. Sie hatte sich so auf Assisi gefreut und wollte als Letzte gehen, wenn wir ankamen. Auf Nachfrage erklärte sie mir, dass sie das immer so mache. Das, was ihr beispielsweise am Teller am besten schmecke, würde sie sich immer für den Schluss aufheben, so könne sie es besonders genießen. Ein schöner Gedanke, nicht wahr? Assisi, die letzte Marschetappe unserer Reise war für sie diese Besonderheit, der Leckerbissen, die Lieblingsspeise auf der Pilger-Menükarte. Deshalb ging sie die letzten Meter auch langsamer, um sich noch ein paar Minuten länger auf diese Begegnung mit der besonderen Stadt freuen zu können.

Pilgern am Franziskusweg

Pilgerrast mit Aussicht

Wir alle freuten uns. Als wir auf einer Wiese ankamen, die einen wunderschönen ersten Blick auf Assisi „von hinten“ zuließ, war es Zeit, ein Picknick zu machen. Ja, auch Lydia wusste, wie man Gusto und Vorfreude richtig inszeniert. Was für ein Glück, dass das Wetter es zuließ, ausgerechnet am letzten Tag in einer Wiese, bei strahlend schönem Sonnenschein, ein Picknick zu genießen. Alle waren plötzlich still, genossen ihre Jause, machten viele Bilder.

Ich war müde von der Pilger-Schreib-Kombination und mein Rücken war schweißnass von den letzten Anstiegen. Deshalb beschloss ich, mich kurz, nur ganz kurz, auf dem Bauch in die Sonne zu legen und den Rücken trocknen zu lassen. Die Wärme war wie eine sanfte Umarmung, wie ein „Ich sehe, was ihr in den letzten Tagen gemeinsam geleistet habt“. Oh, wie gern wäre ich liegengeblieben, oh wie gern würde ich Ihnen davon ein Bild zeigen, aber es gibt keines (liebe Pilgerkolleginnen, ihr wisst, was wir vereinbart haben 😉).

Wenn das Herz tanzt, geht doch der Mund über

Rasch war die Pause vorbei und Lydia kramte wie so oft ihre kleine Ukulele heraus. Ja, sie hatte sie auf vielen Etappen dabei, um mit uns für uns zu singen. Eine derartig besondere Reiseleitung gibt es nirgendwo anders. Danach war es wirklich nicht mehr weit. Mit dem Blick auf die Kathedrale gerichtet, gingen wir Assisi entgegen. Was am Anfang der Reise so weit weg erscheint, wird plötzlich nah und erreichbar. Auch das ist Pilgern.

Da die Kirche am Fuße von Assisi geschlossen hatte, starteten wir die Straße entlang hinauf auf den Berg. Noch einmal sollten wir schweigen. Obwohl ich mich in den letzten Tagen wirklich gut daran gewöhnt hatte, konnte ich mich kaum ruhig halten und vor allem: Kaum den Mund halten. Wenn das Herz tanzt, geht doch der Mund über.

Ich beobachtete mich, wie ich meine Finger auf dem hölzernen Zaun balancieren ließ und bei jedem Schritt in unserem Pilgergänsemarsch links nach vorne blickte, um nur ja nicht den ersten Blick auf unser Ziel zu verabsäumen. Ein Gefühl, wie zu Weihnachten, wenn Kinder das Läuten des Glöckchens kaum erwarten können. Ist das auch Pilgern? Oder war es so, weil ich ein Neuling war in diesem Metier?

Vor dem Stadttor angekommen, holten Lydia und Christa uns noch einmal zusammen. Wir beendeten das Schweigen und alle, die noch nie hier gewesen waren, wurden aufgefordert, als Erste durch das Tor, um die Ecke zu gehen. Herzklopfen, weil man eine Stadt betritt? Auch das ist Pilgern.

Eine zauberhafte Ankunft

„Los“ rief Lydia. Langsam schritten wir durch das Tor, als von rechts plötzlich Seifenblasen auf uns zu schwebten. Ein Lächeln huschte mir über mein Gesicht. Aber nein, weinen würde ich nicht. Bestimmt nicht. Warum auch? Lydia stimmte ein Halleluja an, alle, die durch den Torbogen schritten, stimmten mit ein. Just in dieser Sekunde erblickte ich die Kathedrale. Ein stattliches Bauwerk mit einer Aura, die beim bloßen Anblick berührte. Jetzt musste ich aufpassen, denn es wirkte auf mich. Die Tränen unter Kontrolle, schritt plötzlich Rosemarie neben mir, legte ihren Arm stumm um mich und wir gingen die nächsten Schritte zusammen bergab. Jetzt gabs kein Halten mehr. Die Augen waren nass. Aber das Schönste: Ich war nicht allein. Das Singen verstummte immer mehr, wie verzaubert gingen wir auf die Kirche zu. Alle hatten dieses besondere Gefühl. „I glaubs ned,“ hörte ich eine sagen. „Gibt´s denn des?“ kam es einer anderen über die Lippen. „Jetzt sind wir also wirklich da,“ fügte eine andere an.

Dieses weite Gehen war nicht nur ein Beten mit den Füßen, es war gemeinschaftliches Tragen und Getragen werden. Es war ein Schritt nach dem anderen. Es war genaues Hinsehen, Hinhören, Hinfühlen, Spüren, Gefühle erlauben, Gespräche führen, Schweigen, Beten, Singen, Spaß haben, Lachen und es war freudiges Weinen. DAS WAR ALSO PILGERN. Und ich durfte es mit dieser besonderen Gruppe an einzigartigen Frauen mit einzigartigen Lebensgeschichten erleben.

Eine meiner Herausgeberinnen sagte bei meinem Eintritt in die Funktion der Chefredakteurin im letzten Jahr: „Du wirst in dieser Rolle und bei ‚Welt der Frauen‘ eine Seite an dir wieder verstärkt zulassen dürfen, du wirst neue Seiten kennenlernen.“ Diese Reise erfüllte diesen Satz mit Leben und ich bin voller Dankbarkeit dafür, dass Sie, liebe LeserInnen mitgegangen sind. Ich wünsche es mir so sehr, dass unser Pilgern für den Frieden Wirkung zeigt.

Ihre Sabine Kronberger

P.S.: Ein letztes Mal werde ich Ihnen morgen noch über unsere Erkundungstour durch Assisi schreiben. Bevor es Dienstag abends mit dem Nachtzug wieder zurück nach Österreich geht, werde ich die Eindrücke sammeln und zu Papier bringen.

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