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10/22

Franziskusweg Tag 7: Wie ein hässlicher Stein ins Rollen kommt

Franziskusweg Tag 7: Wie ein hässlicher Stein ins Rollen kommt

Von La Verna nach Assisi: Begleiten Sie Chefredakteurin Sabine Kronberger beim Pilgern am Franziskusweg. Tag 7.

Nicht allem, was man mitträgt, muss man Aufmerksamkeit schenken

Oder: Wie ein hässlicher Stein ins Rollen kommt

Assisi naht. Nur noch zwei Tagesetappen. Heute wurde uns plötzlich klar, dass wir nicht mehr weit von unserem Ziel entfernt waren. Schon bei Aufbruch in der einzigartigen Berghangstadt Gubbio machte sich eine leichte Übermütigkeit unter den PilgerInnen breit. Beim Herabsteigen durch die engen, gepflasterten Gassen dieses Steinwunders erhob sich auch in mir eine besondere Leichtfüßigkeit.

Gubbio

Der Wind unter meinen Segeln war, zugegeben, nicht das nahende Ziel, sondern waren vielmehr die Fülle an Nachrichten und Kommentaren, die ich in den letzten Stunden zu diesem Tagebuch sowie zu unseren Videos erhalten hatte. Noch einmal erlaube ich mir zu sagen: Wer hätte gedacht, dass so viele Menschen mit uns in Gedanken mitgehen?

Gubbio und der Wolf

Gubbio: Uns beeindruckte die von hoch thronenden Palästen und altehrwürdigen, imposanten Bauten bedeutend wirkende Stadt, die an Museen, Kirchen und Kunstwerken reich ist. Schon gestern hatten wir gemeinsam die Kirche San Francesco besucht, Kerzen (hier sind das elektrische Dinger, die wenig Strahlkraft besitzen, dafür aber auch nicht rußen) angezündet und von Christa die berühmte Geschichte von Franziskus und dem Wolf gehört.

Eine Unausweichlichkeit, dass wir am Morgen, bei weniger Kälte als am Vortag, die Statue von Franziskus und dem Wolf besuchten. Unsere Friedensfahne, die unser Pilgern für den Frieden von Beginn an begleitete, zierte einmal mehr unser tägliches Gruppenbild.

Pilgern am Franziskusweg

Franziskus und der Weg des Friedens

Pilgern am FranziskuswegDer Heilige Franziskus soll sich, nachdem er sich der Erzählung nach von seinem Vater losgesagt hatte, von Assisi hierher aufgemacht, einen Freund aufgesucht und Hilfe erhalten haben. Er soll in dieser Stadt den Wolf besänftigt und Gutes getan haben.

Er kam damals von Assisi nach Gubbio, wir nehmen den entgegengesetzten Weg, den Weg des Friedens. Kein Wunder, dass Lydia, unsere gefühlvolle, stets eindringliche und doch unaufdringliche Pilgerführerin als Tagesimpuls unser Pilgerthema „Frieden“ auswählte.

Nach einer kurzen Morgenmeditation (nein, wir beten noch immer nicht einhundert G´setzerl Rosenkranz täglich) und einem wunderschönen Lied machten wir uns auf den Weg. Die auftauchende Sonne, ein seltener Gast in den letzten Tagen, ließ kindliche Freude aus unseren Herzen an die Oberfläche dringen. Wir plauderten, wir lachten, wir zeigten uns gegenseitig die Sonne, obwohl ohnehin jede von uns ihre Gegenwart längst bemerkt hatte. So groß war die Freude, dass sie endlich da war.

Die Sache mit dem Stein

Als Lydia uns bei einem kurzen Halt eine Aufgabe gab, war ich gerade in Gedanken ganz woanders. Ich ertappte mich, dass ich inmitten des längst herbeigesehnten Sonnenscheins, in einer traumhaft schönen Gegend, bei einer Reise, die ich längst einmal tun wollte, wie aus dem Nichts im Kopf bei der Arbeit war.

Doch nicht etwa dieses mir bedeutsame Pilgertagebuch, sondern die Termine und To Dos, die zuhause auf mich warteten, schossen mir unerwartet durch den Kopf. Obwohl sie weder unangenehm oder dringlich in dieser Sekunde relevant waren. Und das alles, während Lydia uns ersuchte, einen Stein zu finden, ihn sinnbildlich ein Stück des schweigenden Gehens mitzunehmen, bis wir ihn am Ende der Schweigezeit bei einer Kapelle ablegen würden.

Pilgern am Franziskusweg

 

Ablegen, wie eine Last, die wir ablegen. Ablegen, wie eine Hoffnung, die sich erfüllen soll. Ablegen, wie ein Wunsch, den wir für jemanden mittragen wollen. Brav und motiviert hatten alle in kürzester Zeit einen Stein gefunden. Nur ich nicht. Ärgerlich.

Ich zerdachte gerade ein paar (wirklich nicht aufregende) Aufgaben, die im Büro in wenigen Tagen wieder auf mich zukommen würden, als ich fast über einen Stein stolperte. „Dann nehm ich dich halt mit, du Stein.“ Er war nicht schön, ich wollte ihn eigentlich nicht. Er hatte in meiner Jackentasche auch eigentlich keinen Platz neben all den Taschentüchern, dem Ersatzhalstuch, dem Stirnband und den Handschuhen, die ich griffbereit haben wollte. Schmutzig war er auch.

Das Schweigen fiel heute bewusst länger aus, hatte uns Lydia zuvor informiert. Und während ich ging, merkte ich, wie buchstäblich mein Stein ins Rollen geriet. Der Stein war mein voller Kopf. Die Gedankenzentrale, die wieder einmal im „dann“ anstatt im „hier und jetzt“ war. Ein Moment, der einem vor sich selbst Unbehagen und Scham beschert. Doch im Erkennen, während des schweigsamen Gehens, wurde der Stein immer leichter und ich vergaß ihn irgendwann ganz. Beim Kirchlein angekommen, kramte ich ihn erst hervor, als Lydia uns dazu aufforderte.

Pilgern am Franziskusweg

So geht das also: Einen Stein zwar mittragen, aber trotzdem einfach einmal wegschieben, bis er wieder relevant ist. Das geht also auch. Gute Erkenntnis. Als ich ihn aus der Tasche kramte, war er trockener als zuvor, eine schöne Marmorierung kam zum Vorschein. Gar nicht so hässlich eigentlich, dieses Ding. Als wir nacheinander unser Anliegen laut aussprechen sollten, während wir den Stein von der Kapelle ablegten, war ich plötzlich ganz still.

Andere legten ihren Stein für Angehörige, für Putins Einsicht, für sich selbst, für zerbrochene Beziehungen, für kranke Freundinnen, den Frieden in der Ukraine oder andere gravierend gewichtige Dinge nieder. Ich legte ihn wortlos ab. Wie hätte es geklungen: Ich lege den Stein für meine Gedankenautobahn ab? Eine der Pilgerkolleginnen ging aber plötzlich nach vorne, legt ihren Stein ab und murmelte: „Für den Frieden in mir!“ Gute Worte. Ich lieh sie mir für die nächsten Minuten … Auch das ist Pilgern.

Die kleine Kapelle hinter uns lassend, führte unser heutiger Weg durch zauberhafte Wälder, bergauf und bergab wie eine Hochschaubahn. 23 Kilometer können nach einigen Tagen und mit Auf- und Abstiegen ein bisschen länger wirken. Wir wanderten entlang kleiner Bäche, hörten größere Flüsse rauschen, hatten Aussicht auf grasgrüne Hügel, verfallene Häuser und Burgen, hörten Vögel zwitschern, begegneten einmal mehr dem „Gatsch“ und hatten auch wieder einige Abschnitte, die uns matschige Rutschpartien bescherten.

Das Kind in uns

Das Schönste, augenscheinlich nicht nur für mich, waren die Flussüberquerungen. Einmal mussten wir über einbetonierte Pfeiler, zweimal über wackelige Steine, die es möglich erscheinen ließen, dass man auch unter Umständen ein kühles Fußbad bekommen könnte. Die Gruppe wurde schnatternd (im sympathischen Sinne) lauter, sobald wir ein Wasserhindernis erblickten und lachte laut, wenn wir es überwunden hatten. Das Kind in uns durfte Spannendes erleben und wieder einmal zum Vorschein kommen. Auch das ist Pilgern.

Glücklich, aber ein bisschen ruhiger und müder als bisher, kehrten wir in unserer Herberge ein, die erst nur mit kalten Zimmern, später auch mit Wärme dienen konnte. Morgen geht es also weiter – während Sie diese Zeilen lesen, sind wir auf unserer letzten Etappe. Dann sind wir vor den Toren Assisis. Den Frieden, viele Gedanken, viel Dankbarkeit, viele Anliegen von Menschen, die digital mit uns gehen und eine gute Gemeinschaft im Gepäck. Ich bin unendlich gespannt.

Wenn Sie Zeit haben, senden Sie uns Kraft und Freude. Oder Frieden. Dabei können wir jeden und jede gebrauchen. Ich freue mich schon jetzt, Ihnen von der hoffentlich guten Ankunft in Assisi berichten zu können.

Gute Nacht, bleiben Sie mit uns auf dem Weg!
Ihre Sabine Kronberger

Pilgern Sie mit mir!

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