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10/22

Franziskusweg Tag 3: Die Regeln des Pilgerns

Franziskusweg Tag 3: Die Regeln des Pilgerns

Von La Verna nach Assisi: Begleiten Sie Chefredakteurin Sabine Kronberger beim Pilgern am Franziskusweg. Tag 3.

Pilgerregel Nummer eins:

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.

Erkenntnis des heutigen Tages dazu: Nonsens. Denn kaum waren wir heute Morgen aus den wohlig-warmen Zimmern des Klosters La Verna zum üppigen Frühstück (ein Tee und zwei Scheiben Zwieback) gekommen und von einem der Mönche mit dem Pilgersegen versehen, begann es sanft zu nieseln. Vorerst lachten wir darüber, scherzten vor uns hin. Bis eine der erfahrenen Pilgerinnen begann, ihren Poncho aus dem gerade erst wohl-gepackten Rucksack zu kramen. „Sicher ist sicher“ sagte sie. Schließlich will man bei sechs bis acht Stunden Marsch nicht schon am Start völlig durchnässt werden.

Pilgern im Regen

Die alte steingepflasterte Straße zum Kloster nahmen wir bergab in Angriff, ehe es durch einen alten Buchenwald in Richtung Chiusi della Verna ging. Wir wollten gemeinsam zur ehemaligen Einsiedelei Eremo della Casella auf 1.240 Metern Höhe gehen, wo der Heilige Franziskus einst des Weges gekommen sein soll, als er zum letzten Mal von Assisi nach La Verna unterwegs war.

Schon beim Weg zum Einstieg auf den Berg verloren wir unsere Kollegin, die sich bereit erklärt hatte, das Schlusslicht zu sein. In der Fülle der fast 30 Regenponchos meinte ich sie auch weitaus weiter vorne und so stellten wir erst bei der ersten Zusammenkunft fest: Da fehlt jemand. Nachdem sich alle PilgerInnen brav an das Gebot des Tages gehalten hatten und das Handy ausgeschaltet oder auf Flugmodus eingestellt hatten, war auch das gegenseitige Erreichen etwas herausfordernd. (Ich sage ja immer: Kein Handy ist auch keine Lösung 😉) Pilgerführerin Lydia lief einige Wege zurück und brachte uns unser Schlusslicht sowie einige Kolleginnen, die ebenfalls verschollen waren.

Wieder zusammen und gemeinsam darüber gelacht, dass alles gut ging, hielt Lydia eine kleine Impuls-Andacht, gab wie so oft schon in diesen Tagen einen gedanklichen Impuls. Thema des Tages war die Hingabe. Danach läutete sie zum ersten Mal ihre Zimbeln, die eine Zeit des Schweigens verkündeten, bis sie erneut erklingen würden.

Pilgerwanderung im RegenNun, wer mich ein bisschen kennt oder das Naturell einer Journalistin einzuschätzen weiß, ahnt, dass Schweigen nicht unbedingt zu meinen größten Stärken zählt. Schweigen also. Hm. Davon stand nichts im Programm. Schweigend starteten wir also los und spätestens nach 10 Minuten war mir klar: Bei diesem steilen Anstieg auf lehmig, matschigem, regennassem Boden hätte Reden ohnehin keinen Platz gehabt.

Wir stiegen in zügigem Tempo auf, eine Ponchoträgerin nach der anderen. Die Dankbarkeit, dass meine Freundin mir noch einen Tag vor Abreise ihren Poncho brachte, hat sie unter Garantie bis nach Hause gespürt. Ich wäre ohne ihn schon nach wenigen Metern durchnässt gewesen.

Der steile Wiesenanstieg verwandelte sich Höhenmeter für Höhenmeter in einen Waldweg, der unmittelbar zuvor mit schwerem Gerät befahren worden sein muss. In seinen schlammigen Spuren stapften wir dahin, während unsere Sohlen sich durch nasse Erdklumpen auf fünf bis zehn Zentimeter erhöhten. Tja, bei diesen Herausforderungen hatte Schweigen wirklich Sinn. Ein Schelm, der denkt, dass die erfahrenen Pilgerführerinnen so das Raunzen, Sudern, Jammern und vielleicht sogar Fluchen einfach auf „lautlos“ gestellt hatten.

Unter einigen Bäumen erfolgte eine zackige Müsliriegelpause von wenigen Minuten, denn der Regen wurde intensiver und wir wollten zum Gipfel, ehe es noch windiger und regnerischer würde. Fast oben angekommen, erwartete uns ein grasgrüner Hügel mit verwunschen aussehenden Bäumen und darin verfangenen Nebelschwaden, die diese Gipfelkulisse samt Holzkreuz mystisch erscheinen lassen.

Das Schweigen, das mittlerweile eigentlich aufgelöst war, endete erst so richtig, als wir die Eremo della Casella erreicht haben. Ein Glück, dass die Tür nicht versperrt war und wir in den Raum der Bergkapelle der Einsiedelei eintreten konnten. Es dauerte nur wenige Sekunden und jede der PilgerInnen hatte einen Platz in den Kapellenbänken ergattert.

Aus einem Kirchenraum wurde ein Mittagspausenraum für durchnässte, durchfrorene Wanderer. Im Dunkeln saßen wir, aßen Mitgebrachtes. Mit der Rückkehr der Wärme tauten auch die Stimmen wieder auf und in Gruppen wurde geplaudert, gescherzt und gejausnet. Der Raum hinter der Kapelle, wir nannten ihn Sakristei, wurde kurzerhand zur Umkleidekabine. Die nassen Sachen wurden getauscht, damit der weitere Weg gut gemeistert werden konnte.

Pilgern am Franziskusweg

Auf rutschigen, matschigen Forststraßen ging es ins Tal hinunter. Den letzten Abschnitt bildeten Ansammlungen von wilden und Kultur-Edelkastanienbäumen. Ein Bild wie aus einem Bilderbuch, das ich leider nur verbal übermitteln kann, denn zu diesem Zeitpunkt war es kein Thema, das Handy herauszunehmen. Erstens, weil wir eine zweite Schweigezeit vereinbart hatten und zweitens, weil neben Stöcken, Poncho und anderen Utensilien gar keine Hand dafür frei gewesen wäre.

Im Tal angekommen erhaschten wir einen Blick auf das Geburtshaus des bedeutenden Renaissancekünstlers Michelangelo Buonarroti. Knapp darunter liegt auf einer kleinen Anhöhe ein kleines, familiengeführtes Hotel, das seinen Namen trägt. Mehr als 19 Kilometer, zwischen sieben und acht Stunden Gehzeit und viel Regen hinter uns, kehrten wir ein. Die letzten Meter wurden dabei für mich etwas herausfordernd. Eine Überlastung des rechten Knies hatte sich den Tag über schon angekündigt und wurde stündlich immer mehr, sodass ich beim Bergabgehen kaum mehr normale Schritte tun konnte. Irgendwie peinlich, wenn die Jüngste in der Gruppe als erste Wehwehchchen hat.

Im Zimmer angekommen, setze ich mich aufs Bett und notiere den Tagesverlauf in meinem Pilgerbüchlein, das mir meine Freundinnen geschenkt hatten. Auf die darin enthaltene Frage „Mein Glücksmoment heute“ antworte ich in großen Lettern: Dusche und Voltarensalbe. Unter dem Tagesmotto der Hingabe genoss ich das wärmende Wasser auf meiner Haut und meinem beleidigten Knie. Wer hätte gedacht, dass ich die wichtigsten Pilgerutensilien schon am ersten längeren Gehtag ausmachen würde? Muskel- und Gelenkgel, Voltaren und Rei in der Tube wurden meine bedeutendsten Partner, ehe es zum Abendessen ging. Der nasse Schlamm hatte sich nämlich als erstes Pilgersouvenir in Schuhen, auf der Hose und auf den Socken verewigt.

Vom Vortages-Abendessen im Kloster noch sichtlich bewegt, übertrifft dieses Abendessen all unsere Erwartungen in viergängiger, italienischer Manier. Vorspeisenteller mit Antipasti und Prosciutto, Pesto-Brötchen und Hauswein der gaumenfreundlichen Version, Pasta, Fleisch mit Salat und Röstkartoffeln. Danach ein Tiramisu des Hauses und unser Glück schien perfekt. Nach unterhaltsamen Gesprächen machte ich mich auf in mein Zimmer. Das Aufstehen bei Tisch schickte einen stechenden Scherz in mein Knie, die Treppen zum Zimmer hinauf werden zum Mount Everest. Ich ärgere mich, weil damit der morgige Tag und die geplante Etappe für mich ein Fragezeichen werden.

Just in jenem Moment ergriff die Pilgerführerin Christa das Wort, kündigte noch mehr Regen an, der die morgige Etappe „marschtechnisch“ und „gatschtechnisch“ unbezwingbar machen würde. Ich bin gespannt, was morgen kommt. Der Regen, der draußen an mein Hotelzimmerfenster in Mengen klopft, verheißt nichts Gutes.

Weitere Pilgerregel gelernt:

Immer wenn wir planen, lacht Gott.

Kurz nach Mitternacht drehe ich den Laptop ab, danke Ihnen, dass Sie wieder im Geiste mitgegangen sind und dieses Pilgertagebuch verfolgen. Schauen Sie morgen wieder hier vorbei, dann weiß ich schon, ob wir die nächste Etappe geschafft haben.

Pilgern Sie mit mir!

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