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01-02/24

Eine Lawine losgetreten

Eine Lawine losgetreten
Foto: Christopher Glanzl

Als die Schifahrerin Nicola Werdenigg 2017 öffentlich machte, dass sie während ihrer Karriere sexuell missbraucht und vergewaltigt wurde, löste das eine Lawine aus. Wer sich in Österreich mit dem Schiverband anlegt, legt sich mit einem Nationalheiligtum an. Sie hat es trotzdem – oder gerade deshalb – getan. Nun ist die Geschichte unter dem Titel „Persona Non Grata“ verfilmt worden.

2017 war ein gutes Jahr für Frauen. Es war das Geburtsjahr von #metoo. Die US-amerikanische Schauspielerin Alyssa Milano rief weltweit Frauen dazu auf, sexuelle Belästigungen oder Angriffe, die ihnen widerfahren waren, öffentlich zu machen. Unter dem Hashtag #metoo sollte via Social Media das Ausmaß des Problems sichtbar werden. Nach zwei Tagen war es bereits über eine halbe Million Frauen, die mit dem Hashtag ihre Erfahrungen markierten. Die ausgelöste Welle schwappte in alle möglichen Bereiche: in die Filmszene, die Clubszene, Kunst und Kultur – und in den Sport.

Die Welle erreichte auch Nicola Werdenigg, damals 59 Jahre alt. Und sie beschloss, so schildert sie es im Podcast „Am Wendepunkt“, einem spontanen Impuls folgend, in einem Interview mit der Tageszeitung „Der Standard“ alles ans Licht zu bringen, was sie zu #metoo zu sagen hatte. (Link zum Text)

Sie erzählte von ihrem ehrgeizigen Elternhaus, von niemals endendem Training, Kondition im Sommer und Schifahren im Winter, vom Leistungsdruck, der sie mit nur zwölf Jahren von zuhause wegtrieb. Und sie berichtete davon, wie sie sich eigenmächtig in einem Schiinternat anmeldete, um dem Druck zu entfliehen. Nichts ahnend, was sie dort erwarten würde.

„Es war ihr nur deshalb möglich, darüber zu sprechen, weil sie das Erlebte, das Trauma, bereits mit psychologischer Hilfe verarbeitet hatte.“

Im Internat wütete ein pädophiler Heimleiter, der ältere Burschen mit Alkohol abfüllte, ihnen pornographische Zeitschriften gab und sie zum Masturbieren zwang. Er setzte ältere Burschen auf Mädchen an, forderte sie auf, diese zu vergewaltigen. Er beobachtete alles und befriedigte sich daran. Es war, so schilderte es Nicola Werdenigg, ein System, in dem man Bonuspunkte sammeln konnte, wenn man bei den unsäglichen Handlungen mitmachte – und eines, das in sich geschlossen war. Es dauerte Jahrzehnte, bis endlich jemand sein Schweigen brach. Und dieser Jemand war Nicola Werdenigg. Es war ihr nur deshalb möglich, darüber zu sprechen, weil sie das Erlebte, das Trauma, bereits so gut mit psychologischer Hilfe verarbeitet hatte, dass sie sich sicher war, dem Schritt an die Öffentlichkeit und allen Folgen, die er mit sich brachte, gewachsen zu sein.

Folgen, die ganz unterschiedlich ausfielen. So wurde sie einerseits von wildfremden Personen auf der Straße umarmt und dafür verehrt und gefeiert, das Schweigen gebrochen zu haben. Sportlerinnen und Sportler aus den verschiedensten Disziplinen meldeten sich, die ähnliche Erfahrungen machen mussten. Von ehemaligen KollegInnen wurde sie andererseits als Lügnerin hingestellt, ihre Geschichte als „erstunken und erlogen“ abgetan. Und vom Schiverband selbst wurde ihr mit einer Klage gedroht – sie solle Namen nennen –, über die sie laut eigener Aussage lachen musste und die auch rasch fallen gelassen wurde. Nicola Werdenigg wurde von der Heldin zur „Nestbeschmutzerin“ des Schisports. Und löste mit der Lawine, die sie lostrat, ein Umdenken im Schiverband und darüber hinaus aus. Langsam, aber doch.

„Ein Film, der eindrücklich von einem Kraftakt der Befreiung erzählt, vom Mut, den es braucht, seinem Gewissen zu folgen, und davon, was es bedeutet, sich mit den Mächtigen anzulegen.“

Angelehnt an und inspiriert von ihrer Geschichte wurde nun der Film „Persona Non Grata“ gedreht. Gerti Drassl spielt darin die ehemalige Schirennläuferin Andrea Weingartner, die sich nach Jahren dazu entschließt, öffentlich zu machen, was ihr in ihrer Jugend im Schizirkus widerfahren ist. Damit löst sie eine Reihe von Knoten auf: in ihrer eigenen Familie, bei ehemaligen Schulkolleginnen und auch in der Beziehung zu ihrer Tochter Sara, gespielt von Maya Unger. Ein Film, der eindrücklich von einem Kraftakt der Befreiung erzählt, vom Mut, den es braucht, seinem Gewissen zu folgen, und davon, was es bedeutet, sich mit den Mächtigen anzulegen.

Genau wie ihre Filmfigur findet Nicola Werdenigg einen Weg, das, was sie erleben musste, in etwas Positives umzumünzen. 2018 gründete sie #WeTogether (Link zum Institut), ein Institut, das sich gegen Machtmissbrauch im Sport einsetzt, als Anlaufstelle für Betroffene fungiert, bestehende Initiativen und Institutionen vernetzt sowie berät, aufklärt und unterstützt. Eine Lawine, die ins Rollen gekommen ist, lässt sich eben nicht mehr aufhalten.

Machen Sie beim Gewinnspiel mit!

Gewinnen Sie 2×2 Karten für den Kinofilm „Persona non Grata“ (österreichweit gültig in teilnehmenden Kinos, Filmstart am 26. Jänner 2024), zur Verfügung gestellt von Filmladen Filmverleih.

Die Teilnahme am Gewinnspiel ist bis 21. Jänner 2024 möglich.

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  • Veröffentlicht: 10.01.2024
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