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03/24

People Pleasing: Warum wollen wir gefallen?

People Pleasing: Warum wollen wir gefallen?
Foto: Katja Heil

Wer schweigt, anstatt die eigene Meinung zu sagen, um gemocht zu werden und Harmonie zu bewahren, könnte ein „People Pleaser“ sein. Psychologin Ulrike Bossmann erklärt, wie es dazu kommt und wie man damit aufhört.

Frau Bossmann, „People Pleasing“ ist ein Begriff, der durch soziale Netzwerke bekannt wurde. Was ist damit gemeint?  

Wie der Name „to please“ („jemandem gefallen wollen“) auf Deutsch besagt, handelt es sich bei „People Pleasern“ um Menschen, die das Wohl anderer über ihr eigenes stellen und immer versuchen, es anderen recht zu machen. Dass Menschen empathisch sind, ist zunächst einmal etwas Positives. „People Pleaser“ schauen jedoch nie auf sich selbst, ihre Gefühle und Bedürfnisse und sagen Ja, obwohl sie Nein meinen. Sie tun alles, um andere nicht zu enttäuschen, zu verärgern oder zu verletzen, und erfüllen deshalb ständig die Erwartungen anderer und äußern auch keine Meinung und Kritik. 

Nun ist das kein neues Verhaltensmuster, es gab schon immer Menschen, die sich schwer abgrenzen können, sich anpassen und konfliktscheu sind. Was ist neu an dieser Erscheinung?

Ich glaube, neu ist, dass wir nun einen Begriff für dieses Verhalten haben und uns insgesamt mehr mit psychologischen Phänomenen beschäftigen, genauso wie mit weiblichen Themen – das ist gut. „People Pleasing“ ist zwar kein reines Frauenthema, es gibt auch sehr viele Männer, die davon betroffen sind, aber dennoch sind es häufiger Frauen, die um jeden Preis gefallen wollen.

Foto: Katja Heil
„Das Selbstwertgefühl von Frauen ist stark daran gekoppelt, ob andere sie mögen und schätzen.“

Wie werden Menschen zu „People Pleaser“ und wieso trifft es mehr Frauen? Liegt es an unserer Sozialisierung?  

Ja, zum Teil. Mädchen wird auch heute noch oft gelehrt, brav und lieb zu sein, sich anzupassen und unterzuordnen. Nur so werden sie geliebt. Ihnen wird auch nach wie vor die Rolle der Kümmerin und Versorgerin zugeschrieben, die zuerst auf andere schaut, bevor sie auf sich selbst achtet. Der Blick von Mädchen wird früh dafür geschärft, wie andere Menschen sie bewerten und dass es wichtig ist, wie andere sie sehen. Sie lernen, dass es gut ist, wenn sie sich nicht so zeigen, wie sie sind, sondern wie andere sie gerne hätten. Studien zeigen etwa: Wenn Frauen sich in Vorstellungsgesprächen selbstbewusst zeigen, dann bekommen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit trotz guter Qualifikation den Job nicht. Das Selbstwertgefühl von Frauen ist stark daran gekoppelt, ob andere sie mögen und schätzen. Aber ganz generell: Menschen, die als Kind die Erfahrung gemacht haben, mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen nicht angenommen zu werden, können später zu „People Pleasern“ werden.  

Haben Sie hier ein Beispiel? 

Kinder äußern ihre Bedürfnisse noch sehr frei. Ich hatte einmal eine Klientin, die Fernsehmoderatorin werden wollte. Sie hat es als Kind geliebt, so zu tun, als wäre sie eine und hat anstatt eines Mikrofons mit ihrer Haarbürste in der Hand begeistert „moderiert“. Doch ihre Familie hat sie angehalten, mit diesem Blödsinn aufzuhören und leiser zu sein. „Leute wie wir kommen nicht ins Fernsehen“, haben sie ihr gesagt. Das macht etwas mit der Bindung und dem Selbstwertgefühl des Kindes. Nicht nur, dass sie beschämt wurde, als sie sich selbst gezeigt hat, ihr wurde damit auch das Gefühl vermittelt, mit ihren Gefühlen und Wünschen nicht richtig zu sein. Kinder fragen sich dann: So wie ich bin, bin ich nicht richtig, wie wollen andere mich haben? Umgekehrt kann es auch eine Strategie von Kindern sein, deren Eltern oft traurig sind, um diese nicht zu belasten. Sie haben meist sehr feine Antennen für die Bedürfnisse anderer und haben gelernt, sich selbst zurückzustellen, damit jemand anderer glücklich ist.

„„People Pleaser“ vermeiden es gänzlich, in den Konflikt zu gehen – selbst, wenn es um Themen geht, die ihnen wichtig sind.“

Welche Sehnsucht verstecken wir hinter dieser Strategie? 

„People Pleasing“ ist eine Strategie, unser Grundbedürfnis nach Liebe und Anerkennung zu stillen und unseren Selbstwert zu schützen. Denn wir streben nach Nähe, Bindung und Zugehörigkeit und dem Gefühl, dass wir okay sind, wie wir sind. In dem Moment, wo wir uns selbst zeigen, riskieren wir, all das zu verlieren. Wir sind soziale Wesen und haben Angst, die Verbindung zu anderen zu verlieren und uns schlecht zu fühlen. Anpassung und Unterordnung hält die Angst in Schach. Deshalb vermeiden „People Pleaser“ es gänzlich, in den Konflikt zu gehen – selbst, wenn es um Themen geht, die ihnen wichtig sind. Denn dann könnten andere verärgert reagieren, traurig sein und sich abwenden. Hinzu kommt noch Scham, weil man mit den eigenen Bedürfnissen, Wünschen oder Handlungen dafür verantwortlich ist, dass die andere Person sich schlecht fühlt.

Wie können „People Pleaser“ sich ihre Harmoniesucht bewusst machen? 

Ich rate meinen KlientInnen, sich selbst im Alltag zu beobachten, in welchen Situationen und mit welchen Menschen sie zu „People Pleasing“ neigen. Nicht Nein oder seine Meinung sagen zu können, ist ein eindeutiges Zeichen, aber es gibt auch weniger offensichtliche Situationen. Ich hatte eine Klientin, die beim Schwimmen oder auf der Straße automatisch Menschen, die ihr entgegenkamen, auswich. Sie machte anderen ständig Platz und nahm sich selbst nie den Raum, erwartete also gar nicht, dass die anderen dasselbe tun könnten.

Wie schaffen es betroffene Menschen, Nein zu sagen, Grenzen zu setzen oder Kritik und Meinungen frei zu äußern?   

Es ist nicht einfach, etwas, das so verinnerlicht ist, zu verändern. Ich glaube, ein wichtiger Schritt ist, zunächst einmal in Kontakt mit sich selbst, seinen Gefühlen, Bedürfnissen und Ansichten zu kommen. Bevor ich mich selbst zeige, muss ich wissen, wer ich bin und wie ich fühle. Es kann helfen, sich öfter am Tag Zeit zu nehmen, um in sich zu gehen und sich zu fragen, wie es einem geht und was man gerade braucht. In kleinen Schritten kann dann versucht werden, das eigene Verhalten zu verändern. Ich kann also in bestimmten Situationen meine Meinung äußern oder etwas nicht tun, das ich gerade nicht tun möchte. Ich kann mir vornehmen, einmal zu widersprechen, wenn ich anderer Meinung bin. Man muss nicht bis zum Ende diskutieren, aber zumindest einmal aussprechen: „Das sehe ich anders“. Dabei können folgende Formulierungen helfen: „Auf die Gefahr hin, dass du jetzt denkst, dass ich egoistisch bin, will ich …“ Oder: „Auf die Gefahr hin, dass du denkst, ich sei pingelig, möchte ich noch einmal darauf hinweisen …“ Man spricht also aus, wovor man Angst hat.

„„People Pleaser“ brauchen die korrigierende Erfahrung, dass es nicht so schlimm ist, sich und sein Innerstes zu zeigen.“

Widersprechen ist für „People Pleaser“ vermutlich leichter gesagt als getan.

Natürlich ist es eine gewisse Hürde, denn ich muss auch lernen, die Reaktion des Gegenübers auszuhalten, meine Ansicht zu vertreten, selbst wenn Gegenwind kommt. „People Pleaser“ brauchen die korrigierende Erfahrung, dass es nicht so schlimm ist, sich und sein Innerstes zu zeigen. Weil die meisten Katastrophenszenarien ohnehin nicht eintreten oder man spürt: Ja, die anderen fanden es nicht toll, aber das war es wert, weil ich mich stimmig verhalten habe. Hinter einem Nein zu anderen in bestimmten Situationen steht ein Ja zu etwas anderem. Ja zu mehr Zeit zum Erholen. Ja zur Unterstützung der Weiterentwicklung der anderen Person. Ja zum Fertigstellen einer Aufgabe. „People Pleaser“ müssen lernen, dass es auch okay ist, andere einmal zu enttäuschen. Denn es gehört zum Leben dazu. Genauso wie wir enttäuscht werden. 

Enttäuschen wir andere, meldet sich sofort das schlechte Gewissen. Wie gehen wir mit ihm um?   

Das schlechte Gewissen ist das Ergebnis von Schwarz-Weiß-Denken: Entweder ich bin total nett, hilfsbereit und ein wunderbarer Mensch oder ich bin total egoistisch und fürchterlich. Das stimmt natürlich nicht. Es hilft, diese Denkfehler zu enttarnen. Denn in Wirklichkeit nimmt man sich selbst eben auch wichtig. Das heißt nicht, dass die anderen einem egal sind. Eigentlich ist das schlechte Gewissen ein Grund zum Feiern. Das ist wie mit dem Knochenschmerz, den Jugendliche oft haben, wenn sie wachsen. Er ist unumgänglich und gehört dazu, wenn wir uns weiterentwickeln. Für sich und seine Überzeugungen einzustehen, ist ein Entwicklungsprozess, und man sollte nicht zu streng mit sich selbst sein. Es geht auch nicht darum, kein Mitgefühl mehr mit anderen zu haben, sondern darum, sich zu zeigen und nicht zu verlieren.

Buchtipp:

Ulrike Bossmann
„People Pleasing. Raus aus der Harmoniefalle und weg mit dem schlechten Gewissen“
Beltz Verlag, Weinheim Basel 2023

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  • Veröffentlicht: 20.03.2024
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