Aktuelle
Ausgabe:
Energie
01-02/24

Pflanzeneinmaleins für Paare mit Löwenzahnresilienz

Pflanzeneinmaleins für Paare mit Löwenzahnresilienz
Foto: pexels / Johnmark Smith

Was mir vor einiger Zeit klar geworden ist: Zwischenmenschliche Beziehungen sind wie Pflanzen. Auch sie brauchen bestimmte Rahmenbedingungen, wenn sie gedeihen sollen.

Unter den 8,7 Millionen Arten von Lebewesen auf diesem Planeten zieht mir eine jedes Frühjahr besonders den Nerv: der Löwenzahn. Wenn er auf unserem nicht so englischen Rasen sprießt, zücke ich die Unkrautgabel. Ein bemerkenswertes Gewächs ist er trotzdem. Selbst in Betonwüsten, Asphaltritzen und auf Kopfsteinpflastern lebt dieses robuste Wunder auf. Manchmal wäre ich gern so ein gelb leuchtendes Blümlein. Widerstandsfähig, kräftig und in höchstem Maß anspruchslos. Ich gestehe jedoch: Wenn ich aufblühen möchte, braucht es mehr als ein wenig Hohlraum zwischen leblosem Grau.

Als Frau blühe ich besonders in folgenden Momenten auf: bei anstrengenden Yogastunden, lustigen Mädelswochenenden oder auch geglückten Beratungen mit Menschen in meiner Praxis. Obwohl ich gern mit einfachen Dingen zufrieden bin – so ganz Löwenzahn bin ich dann doch nicht. Noch komplizierter wird das Aufblühen in der Paarbeziehung, wenn zwei Pflänzchen nebeneinander gedeihen wollen.

„So wie Majoran und Thymian nicht nebeneinander wachsen, gibt es auch Menschen, neben denen ich nicht gedeihen könnte.“

Vor Jahren fiel mir ein Buch mit dem Titel „Lieb dich selbst und es ist egal, wen du heiratest!“ in die Hände. Natürlich ist es eine feine Grundlage für jede zwischenmenschliche Beziehung, wenn ich mich selbst gut aushalten kann. Wenn ich es nicht schaffe, wer sonst? Völlig egal ist es trotzdem nicht, wen man heiratet – dem erfolgreichen Bestsellertitel zum Trotz. Viele erfolgreiche Menschen empfehlen daher: „Augen auf bei der Partnerwahl!“, und sie haben völlig recht. So wie Majoran und Thymian nicht nebeneinander wachsen, gibt es auch Menschen, neben denen ich nicht gedeihen könnte.

Leider hab ich den grünen Daumen nicht von meiner Oma geerbt. So manches Grün hat in unseren vier Wänden schon den Tod gefunden. Die häufigsten Ursachen für das Sterben von Zimmerpflanzen sind: zu viel Wasser, zu wenig Wasser, nasse Socken. Auch auf das Umtopfen vergessen, der falsche Standort, Überdüngung oder unpassendes Klima zählen zu den häufigsten Fehlern. Was mir vor einiger Zeit klar geworden ist: Zwischenmenschliche Beziehungen sind wie Pflanzen. Auch sie brauchen bestimmte Rahmenbedingungen, wenn sie gedeihen sollen. Also versuche ich an dieser Stelle, das Pflanzeneinmaleins auf den Menschen zu übertragen.

Zuwendung & Bindung – das Wasser der Menschen

Pflanzen brauchen Wasser, um zu überleben, und zwar die richtige Menge. Austrocknen kann tödlich sein, ertränkt werden auch. Was das Wasser für die Pflanze, ist für mich als Mensch Zuwendung und Bindung. Ich brauche das Gefühl, gesehen und geliebt zu werden und will dazugehören. Manche Menschen brauchen übergroße Mengen davon, andere sind anspruchsloser oder zufriedener. Gäbe es einen Beipackzettel für den Homo Sapiens, würde ich draufschreiben: „Je jünger, desto mehr Zuwendung schenken, bitte!“ Es ist kein Zufall, dass Neugeborene bei der Geburt nicht überlebensfähig sind. Durch ein geschicktes Manöver der Natur brauchen wir für die Erfüllung unserer Bedürfnisse ein anderes menschliches Wesen. Nur so können wir überleben und den nötigen Sozialkontakt bekommen.

In meiner Paarbeziehung erlebe ich das „Wasser“ zum Beispiel als die Zeit zu zweit, gemeinsames Lachen oder die Freude über gemeisterte Herausforderungen. Was ich nie austrocknen lassen möchte, ist, dass wir uns gegenseitig respektieren, achten und wertschätzen, wie wir sind.

Lebensraum & Sicherheit – der Boden für menschliches Aufblühen

Zwischen sumpfigem Untergrund und lockeren Schotterböden bis hin zum nackten Asphalt: Pflanzen brauchen den passenden Boden, damit sie leben. Wenn Menschen als Paar zusammenleben wollen, gilt es zunächst den richtigen Standort zu finden. Naturliebhaberinnen verkümmern langfristig in einer Metropole. Für urbane Menschen ist die Einöde des Landes vermutlich ein Graus. Hier liegt eine der großen Herausforderungen, an der auch schon Partnerschaften zerbrochen sind: wenn man für zwei verschiedene Pflanzen einen stimmigen Platz zum Wurzelnschlagen finden möchte.

Auch der Abstand ist von Bedeutung. Manche Menschen wachsen am besten nah nebeneinander, andere blühen auf, wenn mehr Raum zwischen ihnen ist. Das gemeinsam zu lernen, ist eine Aufgabe, die auch mich nach zwanzig Jahren beschäftigt. Denn abseits von gesellschaftlich üblichen Modellen möchten wir uns für das entscheiden, was uns individuell guttut.

Nervennahrung & Auszeiten – Kraftstoffe, die Paarbeziehungen satt machen

Der richtige Dünger kann bei Pflanzen Wunder bewirken. Auch wenn ich eine Zeit lang ohne Wasser und Licht überleben würde, wäre ich wohl weder sehr lebendig noch glücklich. Und aufblühen würde ich in der Zeit ganz bestimmt nicht. Paarbeziehungen brauchen auch Nahrung. Für mich ist das zum Beispiel ein wertschätzendes Wort, die tipptopp aufgeräumte Küche am Abend oder ein paar Blumen, einfach so ohne Anlass. Es kann auch eine längere Umarmung beim Verabschieden oder eine Bergtour zu zweit mit meinem Partner sein. Ich bin da flexibel. Wenn uns im durchgetakteten Alltag der Kraftstoff ausgeht, weiß ich, es ist Zeit zum Auftanken: ein schönes Essen außer Haus, ein fernsehfreier Abend mit Wein oder herzöffnende Gespräche bei einem Spaziergang. Jede Paarbeziehung wird von anderen Dingen „satt“ und am Leben gehalten. Was für mich passt, kann für Sie ganz etwas anderes sein.

Liebe – das Licht der Menschen

Zwischen Nachtschattengewächsen und Sonnenanbeterinnen gibt es sowohl in der Pflanzenwelt als auch unter Menschenkindern das Licht betreffend sehr verschiedene Vorlieben. Was das Licht für Pflanzen, ist für Menschen die Liebe. Ohne Liebe sterben wir, selbst wenn wir ausreichend genährt sind. Im Kern bin ich als Mensch ein soziales Wesen. Nicht zuletzt deshalb leben wir in Beziehungen, Familien und anderen kleinen Gemeinschaften: um uns ein schönes Leben voller Liebe zu gestalten.

Das Kniffelige ist hier: Liebe ist etwas Freiwilliges. Wie das Aufblühen kann ich es nicht erzwingen. Ich kann für gute Rahmenbedingungen sorgen, doch es funktioniert nicht auf Knopfdruck. Wir brauchen nicht alles an unseren Partnern und Partnerinnen lieben. Die Schatten gehören dazu und dürfen sein. Wenn zu wenig Liebe da ist, ist nicht zwangsläufig die Pflanze selbst schuld. Da braucht es einen Blick auf alle Lebensumstände, die diese Situation erschaffen haben.

Ich persönlich spüre dieses menschliche Licht am deutlichsten, wenn ich wertschätzend, respektvoll oder dankbar bin. Wenn ich großzügig sein kann, mich berühren lasse und bewusst Zeit schenke, ist das für mich auch ein Zeichen der Liebe.

Kommunikation – sorgt für optimale klimatische Bedingungen für soziale Wesen

Was ich schon alles fabriziert habe! Zimmerpflanzen mit Sonnenbrand, Läuse am Ficus Benjamin, die den nagelneuen Boden versauen, und sogar der Anfängerpflanze Hauswurz hab ich den Garaus beschert. Lediglich Einblatt, Glücksfeder und Orchideen gedeihen hier problemlos. Mit klimatischen Bedingungen für Menschen kenne ich mich besser aus. Um lebensbejahende Umstände zu erhalten, bemühe ich mich, meine Liebsten in ihrer Individualität zu sehen, zu achten und zu respektieren. Das bedeutet nicht, dass ich das immer verstehe! Mir hilft dann eine verbindende, positive und lebendige Kommunikation. Es dürfen auch einmal die Fetzen fliegen. Weil ich eine passable Fehlerkultur übe, wir uns auch verzeihen können und aus Erfahrungen lernen, geht es wohl schon längere Zeit recht gut. Meine Empfehlung für ein gutes Klima lautet: Verletzungen und Kränkungen rasch beheben und nicht wie stinkende Skelette im Liebeskeller versenken.

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“, lautet ein bekanntes Zitat. Das Aufblühen braucht Zeit, die richtigen Umstände und eine gesunde Pflanze. Ich möchte darauf achten, welche Nahrung (auch geistige und emotionale) ich mir zuführe. Dann gelingt es hoffentlich, täglich ein von Licht und Liebe durchflutetes Klima in unsere Beziehungskisten zu bekommen. Leuchtend und gelb und so widerstandsfähig wie der Löwenzahn in meinem Garten.

Foto: Marie Bleyer

Kerstin Bamminger

Psychologische Beraterin & Elementarpädagogin

Web: kerstinbamminger.com
Mail: lebendig@kerstinbamminger.com
Instagram: @die.beziehungsweise

  • Teile mit:
  • Veröffentlicht: 22.06.2023
  • Drucken