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Ohne Eile, ohne Hast

Wie macht man sich auf den Weg, wenn man gerade noch ziemlich gestorben war?

Wie ist er wohl wirklich auferstanden? Das beschäftigt mich heute schon den ganzen Tag. Nein, ich meine nicht, ob die ganze Sache wahr oder erfunden ist. Ich meine auch nicht, ob ich die Auferstehung Jesu physisch oder als Metapher verstehen soll. Sondern ich frage mich etwas viel Konkreteres: Wie, in welcher Haltung, in welchem Zustand ist Jesus wohl seinem Grab entstiegen? Was hat er gemacht, nachdem der Stein zur Seite geschoben war? Ist er gleich stramm nach Galiläa losmarschiert? Oder hat er sich erst einmal hingesetzt, um in die Sterne zu schauen? War er strahlendweiß, dem Engel gleich? Oder fühlte er sich ungelenk und aus der Form? Hatte er es eilig? Oder ging er mit wacklig zittrigen Beinen los, um sich zu erfrischen und durchzuschütteln, ehe er sich seinen Jüngern zeigte? Ich stelle mir heute vor, dass Jesus etwas knautschig und verstaubt aus der steinernen Höhle kam. Ich denke mir, dass er sich gut Zeit genommen hat. Zeit, um seinen neuen Zustand zu realisieren. Zeit, um sich auf das einzustimmen, was nach dem Grab noch auf ihn wartete. Müde vom Totsein, so sehe ich Jesus vor mir. So, meine ich, hat er sich auf den Weg gemacht.

Ich fühle mich wohl mit diesem Bild, mit einem Jesus, der ohne Glorienschein, langsam und in aller Ruhe seine Höhle verlässt, ruht und dann langsam losgeht, in ein Leben, das mehr als Leben ist. Ich fühle mich mit diesem Bild verbunden und verwandt. Denn es hat etwas mit mir zu tun. In ein paar Wochen, da wird es auch für mich so weit sein. Ich werde meine Gruft auf Zeit verlassen, die Türe öffnen und nach draußen gehen. Ich werde es gemächlich angehen. Vielleicht werde ich zittrige Beine haben, und das wird in Ordnung sein. Ich habe nicht den Anspruch, gleich hellweiß zu leuchten, lachend zu hüpfen oder vor Freude sofort in den Himmel zu fahren. Es wird mir reichen, dass die Steine, die mich belasten und vom Leben trennen, zur Seite geschoben sind. Der Rest, da bin ich sicher, wird sich im Gehen ergeben. Im Stehenbleiben. Und in Gesprächen mit Menschen am Weg.

Barbara Pachl-Eberhart

lässt sich gerne inspirieren von der Frage, wie etwas genau, im Detail gewesen ist. Denkt vor dem Einschlafen noch gerne an Kichererbsenmomente des vergangenen Tages.
www.barbara-pachl-eberhart.at

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Foto: Alexandra Grill

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