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Brauch‘ ich ein Smartphone?

Man möchte ja eigentlich nur „das alte Leben wiederhaben“. Oder fast. Manches sollte jedenfalls so bleiben, wie es war.

Ich wollte über mein Handy schreiben. Ich wollte berichten, dass ich immer noch kein Smartphone besitze und just in der Corona-Lockdownzeit, die einem doch klar machte, was man alles nicht braucht, glaubte, ich müsste unbedingt jetzt mein Handy gegen ein echtes, erwachsenes Smartphone eintauschen. Zunehmend kommt mir jedoch das Schreiben über die eigene Befindlichkeit schal vor, falsch, zu individuell. Das war im März und April noch anders, als das persönliche Erleben wie ein Spiegel war für etwas Neues, das alle betraf und das man nicht verstand. Da mussten wir erzählen und erfuhren auch, wie sehr das Erzählen tröstet. Jetzt, im Mai, wo scheinbar eine Normalität sich wieder einstellt, verliert dieses Sich-Mitteilen an Bedeutung, die Geschichten und Erlebnisse klingen zunehmend wieder „nur individuell“.

Viele sprachen von der Coronakrise als einen absoluten Einschnitt, der Chance auch auf radikale Veränderung; aber letztlich ähnelt das, was gerade passiert, doch eher an die alttestamentarischen Geschichten vom Volk Israel: Gott sendet Plagen, das Volk fürchtet sich und gelobt Umkehr, aber kaum lässt der Schmerz nach, sündigt es heiter weiter, als sei nichts geschehen. So ist es ja auch: Wer krank ist, wer leidet, möchte nur eines: „Das alte Leben wiederhaben.“ – Deswegen besitze ich auch immer noch kein Smartphone. Denn erstens ist es mittlerweile ziemlich cool nur so ein kleines Dings – Handy – zu haben (wir Noch-HandybesitzerInnen sind eine verschworene Gemeinschaft, das kleine gallische Dorf inmitten eines digitalen Imperiums); zweitens ist mein Mobilfunktarif – wie ich nach Rücksprache mit dem Telefonanbieter feststellte –, so alt und gut, dass es einfach keinen Sinn macht, irgendwas zu verändern. Und drittens wünsche ich mir für die Gesellschaft, für die Welt, „für uns alle“, dass nicht einfach nur alles weiter geht wie zuvor.

Andrea Roedig

liebt das Hinausgehen ins Freie – zu Fuß und im Kopf. Derzeit denkt sie darüber nach, ob man nicht besser weniger tun und gerade dadurch viel verändern könnte.

Foto: Alexandra Grill

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