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Obsessionen und Befreiungsschläge

Eine Marokkanerin, die in einem Buch nicht nur offen über Sexualität spricht und schreibt, sondern zudem 2014 in ihrem Romandebüt mit Adele eine Frau porträtiert, die süchtig nach Sex ist? Geht das?

Dabei scheint mir eher, dass gerade die Marokkaner und ihre Nachbarn sich in Sachen sexuellem Leid, Frustration und Entfremdung auskennen sollten. Für jeden, der in einer Gesellschaft lebt oder aufgewachsen ist, in der es keinerlei Freiheit gibt, seine Gefühle auszuleben, wird Sex unweigerlich zur Obsession, zur permanenten Zwangsvorstellung. ... Mein erster Roman ist also keine Ausnahmeerscheinung. (S. 10)

Hier legen ausschließlich jene mutigen Frauen Zeugnis ab, die bereit sind, die Fassaden bröckeliger zu machen, die bereit sind, ihre innere Zerrissenheit endlich in Sätzen wieder zu kitten und damit die Wahrheit zu erzählen. Es gibt die Vorgabe und es gibt deren Missachtung.

Das Gesetz, das außerehelichen  Beischlaf verbietet, wird nicht eingehalten, doch die Behörden weigern sich, dies öffentlich anzuerkennen. ... Sie tun so, als wüssten sie nicht, dass Homosexuelle in ständiger Angst und Scham leben. (S. 15)

Und was erzählen die Frauen? Genau das! Sie erzählen davon, dass man am besten nicht auffällt, dass man den Schein wahren sollte und dabei zugrunde geht.

Die marokkanischen Männer haben den Teufel zwischen ihren Beinen. Sie sagen immer, es sei die Schuld der Frauen, aber das Problem liegt bei ihnen. Ich würde gerne nach Europa gehen, arbeiten, auch Kinder bekommen. Hier gibt es niemanden, der mir helfen kann. Aber wer will schon ein Mädchen wie mich? (S. 105, F.; F ist Prostituierte)

Differenzierte Geschichten, differenzierte Sichtweisen auf Tabus und Obsessionen von Frauen, die endlich sichtbar werden wollen und auf jeden Fall zwei Dinge wollen: Sie wollen gehört werden, sie wollen nicht länger Tabus wahren, sie wollen frei reden, leben und lieben können.

Die arabischen Revolutionen, die Herausbildung von Mittelschichten und das Aufkommen von Social Media haben den Klammergriff des Schweigens ein wenig gelockert. (S. 47)

 

Was Sie versäumen, wenn Sie diese Sammlung nicht lesen: persönliche Geschichten, Weisheit, Überlebensstrategien marokkanischer Frauen/Mädchen, den Alltag prägende Heucheleien und mutige Aufbrüche.

Die Autorin riskiert viel, ist eine in Frankreich anerkannte und mehrfach ausgezeichnete literarische Stimme; 1981 in Rabat geboren, wächst sie in Marokko auf und studiert dann an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po. Aufhorchen lässt ihr Roman „Dann schlaf auch du“, der schnell zum Bestseller wurde.

Leïla Slimani:
Sex und Lügen.
Gespräche mit Frauen aus der islamischen Welt.
Aus dem Französischen von Amelie Thoma.
München: btb Verlag 2018.
201 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”

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