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Noor Inayat Khan: Geheimagentin, Pazifistin und Prinzessin

Noor Inayat Khan kämpfte als Geheimagentin im Paris des Zweiten Weltkriegs gegen die Nationalsozialisten. Die Geschichte einer Frau, die für den Frieden über ihre Grenzen ging.

Noor rauscht der Erde entgegen. Sie sieht Felder, Wiesen und einen im Morgenlicht silbrig schimmernden Fluss. Am Horizont kann sie eine Stadt erkennen, das muss Angers sein. Es wäre ein schöner Anblick, befände sie sich nicht hunderte Meter über der Erde. Der Wind brennt auf ihren Wangen, ihre Finger halten die Schnur des Fallschirms fest umklammert. Schon kann sie ihren Schatten sehen, einen winzigen Fleck am Boden, der rapide größer wird, dann landet sie im hohen Gras. Es ist der 17. Juni 1943, und Noor beginnt auf einem Feld im Westen Frankreichs ihre Mission. Sie legt ihren alten Namen ab und nimmt eine falsche Identität an. Von nun an heißt sie Jeanne Marie Regnier – und nicht mehr Noor Inayat Khan.

Noor wird als Tochter eines indischen Vaters und einer amerikanischen Mutter in Moskau geboren, verbringt ihre Kindheit erst in London und dann in Paris. Ihr Vater ist ein bekannter Gelehrter des Sufismus, einer mystischen Strömung des Islam. Er lehrt Noor Friedfertigkeit, Ehrlichkeit und Mitgefühl, wichtige Werte seiner Religion. Zudem ist er ein Nachfahr des indischen Herrschers Tipu Sultan, Noor damit eine Prinzessin. Sie spielt Harfe und Piano, schreibt Gedichte und Kindermärchen, lehnt jede Form von Gewalt ab und lügt aus religiösen Gründen nicht. Sie ist, kurz gesagt, als Geheimagentin völlig ungeeignet.

Doch all das ändert sich, als die Nazis Paris besetzen und Noor mit ihrer Familie nach London fliehen muss. Sie ist schwer erschüttert und beschließt, den Widerstand gegen die Nazis zu unterstützen. Da sie Gewalt nach wie vor ablehnt, tritt sie der Women’s Auxiliary Air Force bei. Diese rein weibliche Hilfstruppe arbeitet für die britischen Luftstreitkräfte, ohne sich aktiv an Gefechten zu beteiligen.

Noor wird zur Funkerin ausgebildet und leistet Dienst auf einem Militärflugplatz. Doch sie wird beobachtet: Das Special Operations Executive, eine Spezialeinheit des britischen Geheimdiensts, interessiert sich für die junge Frau mit den perfekten Französischkenntnissen. Sie soll als Funkerin im besetzten Paris mit der Résistance zusammenarbeiten und die Nazis sabotieren. Und Noor, die Pazifistin, die Frau, die niemals lügt, nimmt das Angebot an. Denn so kann sie Widerstand leisten, ohne andere zu verletzen oder gar zu töten. Sie wird zur Geheimagentin ausgebildet und springt an jenem Tag im Juni 1943 mit dem Fallschirm nahe der französischen Stadt Angers ab.

Sie ist die erste Frau, die für diese Mission rekrutiert wird. Ihre Vorgesetzten haben nicht allzu viel Vertrauen in sie. Sie sei verträumt, ängstlich, ungeschickt und als dunkelhäutige Frau viel zu auffällig, notieren sie. Und ausgerechnet sie soll nun eine brandgefährliche Aufgabe erledigen: Im Schnitt dauert es nur sechs Wochen, bevor Agenten ihrer Einheit von der Gestapo entdeckt werden. Noor ist erst wenige Tage in Paris, als all ihre Kollegen in einer einzigen großen Razzia verhaftet werden. Ihre Vorgesetzten wollen sie nach London zurückholen, doch Noor weigert sich. Sie bleibt – und erledigt die Arbeit einer ganzen Einheit allein.

Ihr wichtigster Besitz ist ein schwerer Lederkoffer, in dem ein Funkgerät versteckt ist. Mit diesem Funkkoffer, Kopfhörern und einer Antenne ausgestattet sendet sie in Morsecode verschlüsselte Botschaften nach London. Ein einziger Blick in den Koffer würde ausreichen, um sie zu enttarnen. Mehrmals entkommt sie der Gestapo nur knapp. Doch Noor schafft das Unmögliche: Ganze vier Monate lang hält sie im Alleingang den Funkkontakt nach London aufrecht. Mitte Oktober bricht er plötzlich ab. Die Gestapo hat Noor verhaftet, eine Doppelagentin hat sie verraten.

Einen Monat lang wird Noor verhört, doch sie schweigt und plant stattdessen ihre Flucht. Zuerst entkommt sie durch ein Fenster, doch ein Wärter sieht sie das Dach des Gefängnisses entlangbalancieren und schlägt Alarm. Danach gibt sie vor, mit den Nazis kooperieren zu wollen, doch nur zum Schein. Wenig später hebelt sie mit einem gestohlenen Schraubenzieher eine Dachluke auf und entkommt in die Nacht. Doch an diesem Abend gibt es einen überraschenden Bombenangriff auf Paris, und die Gefangenen werden aus ihren Zellen geholt. Noors Fehlen fällt auf, und nach wenigen Minuten in Freiheit wird sie erneut gefangengenommen.

Danach ist jede Hoffnung verloren. Noor wird als hochgefährlich eingestuft, in Ketten gelegt und zehn Monate lang in Einzelhaft gefangengehalten. Nun wird sie nicht mehr verhört, sondern gefoltert. Ihre Zellennachbarn hören sie nachts weinen, wissen aber nicht, wer sie ist. Sie teilt sich ihnen mit, indem sie Botschaften auf den Boden ihrer Essensschüssel kratzt. Im September 1944 wird sie ins KZ Dachau gebracht. Ihr letztes Wort, bevor die Nazis sie erschießen, ist Liberté.

Ricarda Opis

Ricarda Opis wurde 1996 in Graz geboren und studierte ebendort Journalismus und Public Relations (PR). Sie erzählt am liebsten die Geschichten von Frauen und Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Für diese Serie verbindet sie ihre beiden größten Leidenschaften, indem sie die Geschichten großer Frauen nicht nur erzählt, sondern auch bebildert. Wenn sie nicht gerade schreibt oder zeichnet, begeistert sie sich für alles, was sonst noch kreativ ist, und die Geschichte, Kulturen und Politik des Nahen Ostens.

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