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Buchempfehlung: „Alles wird gut“

Ein intelligent erzählter Roman über eine Mittfünfzigerin, deren Leben auf einmal Kopf steht.

Baustellen des Lebens

Elin und ihr Mann Aksel leben das perfekte Leben: Gerade ausreichend alternativ in einem Wohnprojekt, gerade richtig erfolgreich, dass sie sich ihre jeweiligen Süchte – er Sportsucht, sie zu viel Wein – leisten können, ohne ihre Stellen oder ihr Ansehen zu verlieren. Dass Elin in ihrer gut gehenden Praxis immer öfter mit ihrem Skelett spricht, sich über die nervigen PatientInnen und deren maßlose Forderungen beklagt, skizziert treffend den Aufbruch der Mittfünfzigerin: Nichts wie raus hier!

Aksel liebt es, seine Langlaufski zu pflegen, an allen erreichbaren Wettbewerben teilzunehmen. Elin liebt es, am Abend eine Flasche Wein, muss gar kein so guter sein, im Kühlschrank zu wissen. Sie funktionieren als Paar, beide Ärzte, beide erfolgreich, liebevolle Eltern: Doch die schmucke Alltagsfassade hat schon längst Schaden genommen, bröckelt, die Risse werden immer sicht- und spürbarer.

Dass Elin ausgerechnet Björn, ihrem Ex, dem Freund, den sie vor Aksel hatte, eine SMS schickt und die Tatsache, dass auch Björn in seiner unglücklichen Ehe festhängt, bringt die Geschichte in eine schnellere Gangart: Jetzt kommt Lebendigkeit durch das Verbotene, das Stille, das Geheime in den trüben Alltag. Doch so ganz nebenbei erfahren wir, dass Elin viel allein war, ihre Mutter als Ärztin viel reiste, sie sich allein verpflegte, das ganz selbstverständlich fand, sich um sich selbst kümmern zu müssen. Die Wohnung der Mutter und damit die Elins Kindheit steht leer, die Mutter wohnt in einer luxuriösen Einrichtung und Elin bezieht das Bett für sich und Björn neu.

Ich glaube nicht, dass es Zufall ist, wenn Menschen solche sinnlosen Nachrichten verschicken. Sie wollen, dass es so aussieht, als schrieben sie die Nachricht ganz nebenbei, weil sie Wichtigeres zu tun haben. Wie wir das halt so machen: Tun so, als würden wir uns für etwas interessieren, das uns nicht die Bohne interessiert, und als würden wir uns für etwas nicht interessieren, das uns brennend interessiert.
Seite 47

Es ist nicht das Auffliegen, der Affäre, die den Roman so besonders macht: Es sind die Momente der Einsamkeit und Verzweiflung der Protagonisten, die Erinnerungen an ihre Ideale, die sie irgendwo verräumten und nicht mehr fanden.

Die Mutter-Tochter-Beziehung gewinnt an Ehrlichkeit: Warum sollte Elin ihre Mutter nicht einfach sich selbst überlassen? Sie ist gut versorgt und für sie hat sie sich eigentlich nie interessiert! Und die Entscheidung, Allgemeinmedizinerin zu werden, hat ihr ja auch nie gefallen, war ihr zu wenig. Elin denkt an den Wein im Pappkarton, der sie vor gar nicht langer Zeit noch zu trösten vermochte und an dem sie nippte, um die Gespräche mit der Mutter in Gang zu halten.

Manchmal ist die Mutter wieder ganz die alte, etwa wenn sie sagt: ,Jeden Morgen bin ich enttäuscht, dass ich nicht tot bin‘
Seite 333

Was Sie verpassen, wenn Sie diesen Roman nicht lesen:

Süffisanz, Humor, Groteske, Resilienz, Leben in Idyllen, Liebesbeziehungen, Kindheit(en), mühsamen Alltag, zerkratzte Lebenspläne, Verluste, Zwangshandlungen und Selbstoptimierung, kleine Süchte und große Ängste, den alltäglichen Irrsinn, die Veränderungen der Lebenswelten einer Akademikerin/Ärztin, deren Erleben von Unsicherheit in finanzieller Sicherheit.

Die Autorin Nina Lykke

kam 1965 in Trondheim zur Welt, wuchs in Oslo auf, studierte Grafik in Kopenhagen. Ihr Buch „Aufruhr in mittleren Jahren“ machte sie über Norwegen hinaus bekannt.

Nina Lykke
Alles wird gut
Aus dem Norwegischen von Sylvia Kall und Ina Kronenberger.
btb Verlag
347 Seiten

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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