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10/22

Buchempfehlung: „Ich denk, ich denk zu viel“

Buchempfehlung: „Ich denk, ich denk zu viel“

Was sollen diese ewigen Gedankenschlaufen? Was haben schlaflose Nächte auf Instagram zu bedeuten? Und wie kann Jean-Paul Sartre bei Panikattacken helfen? Persönlich und präzise schreibt Nina Kunz – Schweizer Kolumnistin des Jahres 2020 – über das Unbehagen der Gegenwart und geht der Frage nach, warum sich ihr Leben, trotz aller Privilegien, oft so beklemmend anfühlt.

Einladung in Gedankenwelten

Die hier gesammelten Texte sind innerhalb von zwei Jahren entstanden/erschienen: Man sollte sich vielleicht auch nur einen Text pro Tag gönnen, so gut sind die. Da macht sich Nina Kunz viele Gedanken übers Gedankenmachen. Über die ständige Selbstoptimierung, über das Tattoo, das dann doch wieder wegsollte und ihre Liebe zu Berlin. Die Kolumnistin beschreibt Zürich, die sozialen Möglichkeiten in dieser Stadt, die Perfektion der hier Lebenden, die Perfektion des sozialen Netzes und das Gefühl, hier doch nicht vor die Tür gehen zu können, wenn über Nacht ein Pickel entstanden ist.

Die Lektüreerfahrungen rund um das Thema Feminismus sind Leseempfehlungen: Ja, Frauen dürfen hungrig sein, laut sein, zu viel wollen, denn so geht Veränderungen, so gelingt es, Ziele zu erreichen. Aber manchmal will man dazugehören, sich froh zeigen, auch wenn man es nicht ist. So kam es zum Tattoo und so kam es zu dessen Entfernung: Aber nur halb, den Kunz begriff, dass genau dieses halb entfernte Tattoo zu ihr passe: Man staunt, dass es bei so viel Lektüre, so viel klugem Denken überhaupt dazu kommt, dass sich Kunz ein Bier aufmacht oder auch zwei.

Man würde mit ihr eine WG gründen wollen, hätte sie gern als Bekannte, würde vielleicht Lesezirkel belegen, um das zu erreichen. Dann säße man mit ihr in einem Cafe, natürlich in Berlin, ließe sich von ihr noch einmal all die Geschichten über Zürich, ihre Gedanken über Körper, Seele und Geist – wann beginnt man, sich für den eigenen Körper zu genieren und will sich selbst immer optimieren? – und über die Momente erzählen, in denen sie widerständig sogar sich selbst widersprach.

„Im Nachhinein glaube ich, dass irgendetwas in mir drin gehört werden wollte, und weil ich nicht zuhörte, mir einen Post-It-Zettel fürs Leben verpasste. Heute kommt es mir nicht mal mehr in den Sinn, perfekt sein zu wollen.“
Seite 82

Ich habe alle Texte in einem durchgelesen, dann im zweiten Durchgang Text für Text, das gefiel mir sogar besser. Aber wie gesagt: Nina Kunz begeistert, wenn man sie liest, begegnet man irgendwann, in einem Absatz, in einem Nebensatz sogar, sich selbst. Und das ist mehr, als man manchmal für das Geld sonstwo kriegt. Seltener ein Buch glücklicher gelesen, bedächtiger aus der Hand gelegt und seither in Griffweite gehalten.

Was Sie verpassen, wenn Sie diese gesammelten Texte nicht lesen:

Humor, Selbstbefragungen, witzige Szenen, soziologische Überlegungen vom Feinsten, ohne Klugscheißerei, Witz, viel Liebe zur Großmutter, sehr viel Selbstkritik und Teilhabe an Leseerfahrungen, an Lebenserfahrungen auch, Sehnsucht, sofort nach Berlin zu reisen und dort vielleicht sogar Nina Kunz zu treffen.

Die Autorin Nina Kunz

1993 geboren, aufgewachsen in Zürich, studierte Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Zürich, arbeitet als Journalistin/Kolumnistin für Neue Züricher Zeitung, die Zeit – 2020 wurde sie zur „Kolumnistin des Jahres“ gewählt.

Nina Kunz
Ich denk, ich denk zu viel
Kein & Aber
189 Seiten

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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