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01-02/24

Mitarbeiterin mit Downsyndrom – ja klar!

Mitarbeiterin mit Downsyndrom – ja klar!
Foto: privat

Das hier ist eine Geschichte zum Nachmachen: Teresa (15) hat das Downsyndrom. Vor Kurzem konnte sie in einem Wiener Friseursalon in ihren Traumjob hineinschnuppern. Nicht selbstverständlich, obwohl es das sein sollte, findet ihre Mutter.

Eigentlich wollten wir vor dem tatsächlichen Interview nur mal kurz miteinander telefonieren. Ein Datum und eine Uhrzeit ausmachen. Dann aber waren wir recht schnell in ein intensives Gespräch vertieft. Darüber, was die Politik unbedingt aufholen muss, was die Gesellschaft nicht weiß, aber wissen sollte, und über Systemstrukturen, die behinderte Menschen erst recht behindern. Maggie Rausch (56) ist Zweifachmutter – eines ihrer Kinder, Teresa, hat das Downsyndrom. „Ich habe die Diagnose damals vor 15 Jahren recht wertfrei erhalten. Also kein ‚Tut mir leid‘ vom Arzt oder der Genetikerin, allerdings auch wenig Info. Die ersten Tage waren emotional, voller Fragen und ohne Antworten, das macht unsicher. Ich war besorgt, ob Teresa die gleichen Dinge machen, dürfen, bekommen würde wie ihre große Schwester. Ich habe mir Sorgen gemacht um mein Mädchen“, erinnert sie sich und weiß heute: „Teresa ist das Beste, was mir und uns passieren konnte. Sie ist einfach großartig. Ich verstehe bis heute nicht, was man sich von negativen Worten und düsteren Prognosen verspricht, wenn man als Ärztin den Eltern sagt: ‚Ihr Kind hat ein zusätzliches 21. Chromosom in den meisten seiner Zellen.‘“

Viel Beratung, keine Jobs

Seit Jahren engagiert sich Maggie Rausch für mehr Inklusion, Akzeptanz, Offenheit und einen echten Wertewandel, wenn es um das Thema „Menschen mit Behinderung“ geht. „Menschen mit Behinderung müssen nicht dankbarer sein als andere. Das wird gern erwartet. ‚Licht ins Dunkel‘ etwa ginge auch ohne salbungsvolles Gerührtsein. Dass Regierungsmitglieder dem nicht kritischer gegenüberstehen, finde ich bedauernswert“, sagt sie. Deshalb nimmt sie vieles selbst in die Hand: „Vieles ist einfach nicht da oder schwer zu bekommen: Kindergartenplatz, Schulplatz, Feriencamp, Lehre, Arbeit – man hört oft ein ‚Nein‘.“ Es gibt, so weiß sie aus Erfahrung, zwar viele Möglichkeiten, sich beraten zu lassen, Jobs für Menschen mit Behinderung gibt es aber kaum bis gar nicht, schon gar nicht am ersten Arbeitsmarkt.

„Jeder von uns, mit oder ohne Downsyndrom, mit oder ohne Behinderung, hat Potenzial und Kompetenzen.“
Maggie Rausch

Man tendiert dazu, jetzt zu schreiben: Umso großartiger, dass sie eine Friseurmeisterin gefunden hat, die das anders sieht. Aber wenn man sich mit Maggie Rausch etwas länger unterhält, weiß man, dass sie bei diesem Satz eher widersprechen wird. Weil: „Jeder von uns, mit oder ohne Downsyndrom, mit oder ohne Behinderung, hat Potenzial und Kompetenzen. Jeder von uns will und kann einen Beitrag leisten. Teilhabe ist ein Menschenrecht, gegen das wir täglich verstoßen. Wir haben in Österreich gegenüber Menschen mit einer Behinderung eine Bringschuld von Jahrzehnten an verpatzten Lebenschancen. Vielleicht denken wir darüber einmal nach.“

Sich aufeinander einlassen

Für Friseurin Christine Wegscheider jedenfalls war es keine große Sache, Teresa in ihrem Salon mitarbeiten zu lassen. „Warum nicht?“, erklärt sie lapidar. „Für mich ist’s wichtig, immer offenzubleiben. Und Teresa ist ein unglaublich kommunikativer, liebenswerter Mensch. Sie hat Kaffee gebracht, Kunden begrüßt, Zöpfe geflochten, Haare geföhnt, Jause geholt. Und alles mit Enthusiasmus und großer Freude. Gut, ihre Strähnen waren schon dicker und ungenauer als die ihrer Kolleginnen, aber mir ist’s wichtiger, die MitarbeiterInnen sind motiviert. Das kann ich ihnen nicht antrainieren. Die richtige Technik aber kann ich ihnen beibringen.“

Foto: privat
„Teresa bringt gute Voraussetzungen mit.“
Christine Wegscheider

„Natürlich,“ erklärt sie weiter, „sind Schnuppertage nicht mit dem echten Arbeitsalltag vergleichbar. Teresa verbrachte insgesamt vier Halbtage im Geschäft. Ohne Müssen und ohne strengen Ablauf, wie er sonst im Job unausweichlich ist, vor allem, sobald KundInnen involviert sind. Wie es bei einer Lehre konkret funktionieren könnte, muss man sich dann noch anschauen. Teresa bringt schon mal gute Voraussetzungen mit.“ Christine Wegscheider sieht es jedenfalls als Gewinn, Menschen mit Downsyndrom im Team zu haben: „Gerade in puncto Leistungsdruck tut’s gut, wenn wir manchmal entspannter und entschleunigter an alles herangehen. Man muss sich aufeinander einlassen – auch das ist etwas, was keinem von uns schadet. Und: Die Angst hört auf. Man hat ja so selten Berührungspunkte mit behinderten Menschen, wenn man keine im direkten Umfeld hat. Man wird so gut wie nie mit der Thematik konfrontiert. Dabei würde uns das allen sehr guttun.“

Eltern, die mitlernen

Das bestätigt auch Maggie Rausch. Auf die Frage, wie unsere Gesellschaft mit Menschen umgehen soll, die das Downsyndrom haben, sagt sie: „Ganz gewöhnlich. Ladet Kinder mit Downsyndrom zum Spielen und zu Geburtstagen ein! So können andere Eltern mitlernen, fragen und sehen, was gleich und was anders ist, Berührungsängste entstehen dann gar nicht erst. Behinderung muss uns alle betreffen, nicht nur die Menschen mit einer Behinderung und jene im nahen Umfeld. Dann ist eine Behinderung alltäglich und normal.“ Auch weist sie auf Studien hin, die nachweisen, wie sehr Unternehmen von MitarbeiterInnen mit Downsyndrom profitieren: „Es ist erwiesen, dass sich vieles zum Positiven verändert durch die Anwesenheit von Menschen mit Downsyndrom. Die Pünktlichkeit steigt, so auch Motivation, Kreativität und Kundenbindung. Krankenstände hingegen sinken. Das lässt sich irgendwann auch in Zahlen darstellen.“

Wünsche für die Zukunft

Auch Teresa haben die Schnuppertage viel Spaß gemacht. „Mir hat dort alles gefallen. Die waren alle so nett“, resümiert sie ihre Woche im Salon. Im Herbst kommt sie zurück, um ihre berufspraktischen Tage im Salon Wegscheider zu absolvieren. Wie es danach weitergeht, ist noch unklar.

„Teresa soll eine sinnstiftende, erfüllende Arbeit haben, die ihr Freude macht und bei der sie ein Gehalt bekommt, mit dem sie ihr Leben organisieren kann.“
Maggie Rausch

Für die Zukunft ihrer Tochter wünscht sich Maggie Rausch vor allem eins: „Ich werde mit ihr eine Lehrstelle oder Arbeitsstelle suchen, mit viel Glück etwas finden und auf dem Weg dorthin mit etwas mehr Glück wenig Fehler machen, die Teresa später einmal zum Verhängnis werden könnten. Teresa soll eine sinnstiftende, erfüllende Arbeit haben, die ihr Freude macht und bei der sie ein Gehalt bekommt, mit dem sie ihr Leben organisieren kann. Sie wird wahrscheinlich in Teilzeit arbeiten wollen, um nicht überbelastet und überfordert zu werden, sie wird möglicherweise von kurzen Pausen profitieren und von einem stressfreien Tempo. Sie wird vielleicht länger brauchen, neues Vokabular zu lernen, wäre gut aufgehoben in einem Arbeitsumfeld, das flexibler ist, als sie das manchmal schafft, und das bereit ist, sich mit mir auszutauschen, falls es Ungereimtheiten gibt, damit daraus keine Probleme werden.“

Foto: Leila Schiraz

Teresa, so weiß ihre Mutter, wird verlässlich sein, motiviert und pünktlich. Sie wird gute Laune verbreiten und schwelende Streits schlichten, weil Teresa findet, dass alle gut miteinander auskommen sollen. Ihr liegt es fern, zu tratschen, neidisch oder missgünstig zu sein. Mit Komplimenten und Umarmungen hingegen ist sie großzügig. Ihre Mama nennt sie liebevoll „Wohlfühlmensch“ und erzählt weiter: „Ich auf alle Fälle werde mich mit aller Kraft bemühen, Fallstricke auszuräumen, Treibsandflächen zu erkennen und markieren, einfach alles zu erkennen und benennen versuchen, was Teresa Lebensqualität kosten würde. Ich mag mein Kind mit Respekt behandeln. Ich mag, dass andere das auch tun. Es gibt ein paar wenige, die genau das tun. Das finde ich so großartig wie normal.“

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  • Veröffentlicht: 15.09.2023
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