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Diskriminierung: Mit dir spielen wir nicht!

Wie kann man Kinder dabei unterstützen, offen aufeinander zuzugehen?

Julia Langeneder: Frau Madubuko, Ausgrenzungen und Diskriminierungen finden schon im Kindergarten statt, wenn Kinder sagen: „Du darfst nicht mitspielen, denn du bist Schwarz!“ Wie kommt das?

Nkechi Madubuko: Kinder spiegeln, was Erwachsene ihnen vorleben. Ob Sprache, Hautfarbe, Kleidung oder Beeinträchtigungen eine Rolle für Freundschaften spielen, hängt davon ab, was Kinder in ihrem täglichen Umfeld, besonders von Eltern und anderen Familienangehörigen lernen, sehen und hören. Schon Kleinkinder speichern entsprechende Bewertungen über Merkmale ab und in diesen Bewertungen steckt auch die Botschaft, wer als zugehörig gesehen wird und wer nicht.

Amani Abuzahra: Ich würde das unterstreichen, dass Kinder ein Spiegel der Gesellschaft sind. Und die, die am lautesten sind, geben vor, was das vermeintlich Normale ist. Aber was ist eigentlich normal? Eltern und PädagogInnen sollten das begleiten und die Stereotype aufbrechen.

Julia Langeneder

Julia Langeneder, ­
Familienredakteurin und Mutter von zwei Kindern, lädt jeden Monat zum Familienrat ein.

Wie lassen sich Stereotype aufbrechen?

Abuzahra: Man muss unterscheiden ob man aus der Betroffenenperspektive spricht oder von jenen, die in der Machtposition sind. Wenn das Kind etwas Rassistisches sagt, sollte man es darauf aufmerksam machen. Der erste Schritt ist, es zu erkennen, klar aufzuzeigen was hier passiert und darauf hinweisen, dass das eine Form der Ausgrenzung ist.

Madubuko: In weiterer Folge geht es auch darum: Wie kann ich etwas zur Sprache bringen ohne verletzend zu sein? Eine Sprache für etwas zu finden, das mir nicht bekannt ist, mich vielleicht verunsichert. Zum Beispiel wenn ein Kind sagt: „Die Jause von Murat stinkt.“

Wie sollen Eltern oder PädagogInnen darauf reagieren?

Madubuko: Man kann sagen: „Das ist nicht richtig. Es ist verletzend, das zu sagen. In anderen Ländern gibt es andere Speisen. Nicht jeder isst ein Schinkenbrot so wie du. Das wäre ja langweilig. Respektvolle Sprache ist ein wichtiger Schritt.

Abuzahra: Man kann auch die Neugier wecken. Wonach riecht denn das? Magst du es einmal probieren? Bei Neuem sind wir oft schnell am Bewerten, aber man kann das auch stehen lassen: Dir schmeckt es, mir schmeckt es nicht, ohne eine Bewertung hinten nachzuschieben.

Was wünschen Sie sich von Bildungseinrichtungen im Umgang mit Unterschieden?

Madubuko: Ich halte auch Trainings für ErzieherInnen und PädagogInnen und finde es wichtig, möglichst früh anzusetzen, denn im Kindergartenalter beginnt das Kind zu verstehen: Wer bin ich? Was sind meine Merkmale? Wenn ich schon in diesem Alter rückgemeldet bekomme, dass die Merkmale, die ich habe, „anders wahrgenommen“ werden, ich verspottet werde und die ErzieherInnen nicht in der Lage sind, das aufzufangen, dann werden diese Kinder diskriminiert. Auch Lehrer sollten Kinderrecht kennen und es als Auftrag sehen sie zu vermitteln. Sie sollten dafür sorgen, dass Ausgrenzung nicht passiert.

Abuzahra: Ich erlebe, dass Pädagoginnen oft gezielt nach Liedern oder Büchern fragen, damit das Spektrum erweitert wird. Wichtig wäre, dass die Ausbildung von Anfang an diverser ist. Es gibt viele engagierte Pädagoginnen, die machen, was möglich ist, aber es geht auch um den politischen Gestaltungswillen: Wie gehe ich mit einer diversen Gesellschaft?

Julias Gäste

Nkechi Madubuko

Nkechi Madubuko, Soziologin, Diversity-Trainerin, Autorin („Erziehung zur Vielfalt“, Kösel Verlag), Mutter von drei Kindern

Amani Abuzahra

Amani Abuzahra, Philosophin, Trainerin im Bereich Interkulturalität, antimuslimischer Rassismus und differenzsensible Pädagogik, Autorin („Mehr Kopf als Tuch“, Tyrolia)

 

Wie können Eltern für Vielfalt in den Kinderzimmern sorgen?

Madubuko: Zum Beispiel mit Büchern*, in denen auch schwarze Prinzessinnen und Helden vorkommen. Erst seit kurzem werden Kinderbücher im Hinblick auf Stereotype in Neuauflagen überarbeitet: Das ist absolut überfällig! In manchen deutschen Städten haben fast 50% der Kinder unter sechs Jahren einen Migrationshintergrund, aber erst jetzt beginnen die Verlage und Hersteller von Spielzeug genauer zu überlegen, dass sie nicht nur Bilder, Figuren und Geschichten mit blonden und blauäugigen Kindern zeigen können.

Abuzahra: Neben Büchern sind auch Lieder ein guter Zugang, um Neues kennenzulernen oder indem man unterschiedliche Speisen anbietet.

Wie können Eltern Kinder stärken, die ausgegrenzt werden?

Madubuko: Diskriminierung und Ausgrenzungserfahren sind tiefsitzende Verletzungen. Das kann dazu führen, dass Kinder sich schämen wegen ihrer Hautfarbe, Herkunft oder Religion. Es ist wichtig, dass man die Erfahrungen des Kindes ernst nimmt, ihm zuhört und ihm ermöglicht, andere Erfahrungen zu machen. Diese Kinder brauchen Empowerment. Wichtig ist auch, dass man dem Kind vermittelt, dass es das nicht ertragen muss.

Abuzahra: Aus Betroffenenperspektive ist es wichtig, dass man lernt: Ich bin selbst handlungsfähig und das bedeutet auch, Fragen zurückzuweisen, wenn Grenzen überschritten werden.

Zum Beispiel?

Abuzahra: Auf die Frage: „Woher kommst du?“ sollen Kinder sagen können, was sie möchten: Ist es die Stadt? Der Bezirk? Das Land? Muss ich überhaupt darauf antworten? Man kann auch zurückfragen: Wo kommst du denn her? Bei jeder Frage ist es legitim sie zu erwidern. Oder wenn man nach dem Glauben gefragt wird: „Warum feiert ihr Ramadan?“ Dann kann man zurückfragen: Warum feiert ihr Weihnachten? Empowerment bedeutet auch Kindern aufzuzeigen, dass sie Grenzen setzen können.

Was können Eltern sagen, wenn ein Kind nach Hause kommt und erzählt, dass man ihm gesagt hat, Muslime seien gefährlich?

Abuzahra: Ich glaube, das wird schnell einmal passieren. Wichtig ist, das zurechtzurücken, dem Kind klar zu machen, wofür der Islam steht. Der Islam steht für Frieden. Kinder plappern nach, was sie von anderen aufschnappen. Leider gibt es Medien, die genau das sagen, dass der Islam gefährlich ist. Da muss man auch differenzieren: Religion ist kein Mensch, Religionen handeln nicht, sondern es sind Menschen, die handeln.

Madubuko: Ich habe eine muslimische Freundin und ich als christlich geprägte Frau denke: Wir müssen lernen anderen Menschen zuzuhören und verstehen, dass das ihre Realität ist ohne zu bewerten. Diversitätssensibel heißt, sich zurückzunehmen, Respekt zu haben und nicht immer von sich auszugehen.

Abuzahra: Und das aushalten können, dass andere Menschen anders glauben, lieben, leben und das stehen lassen können ohne sich abgewertet zu fühlen.

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Dann schreiben Sie an

julia.langeneder@welt-der-frauen.at

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