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Mit dabei bei der Ernährungswende

Der Bioapfel aus Südamerika ist ja kein Einzelfall, auch der Bio-Knoblauch aus China ist kein einzelnes Statement im Kontext der Ernährungsdemokratie. Die zwei Verfasserinnen und der Verfasser dieses Buches gehen ihre Sache gründlich an: Sie verheißen nicht die Lösung, speisen ihre Leserinnen und Leser mit einfachen „tu es doch einfach“-Rezepten ab, sondern sprechen von Ernährungswende, -räten und -demokratie. Also hier wird einem nicht die Hintertür offen gehalten, wenn man „ein bisschen gesünder“ leben oder einkaufen möchte: Hier geht es um den Dialog von GärtnerInnen/LandwirtInnen in einer Region mit FoodaktivistInnen und BürgerInnen. Zuerst also mal reden, planen, Visionen entwickeln, dann handeln, dann gern auch kochen und essen.

Die zwei Teile dieses Buches lassen uns LeserInnen wirklich mit an diesem Tisch sitzen, Teil 1 stellt Fragen, die das Grundsätzliche erfragen bzw. in Frage stellen und Teil 2 präsentiert Leuchtturmprojekte, lässt ErnährungsrätInnen zu Wort kommen, gibt schlichte – von Seite 236 bis 248 – Tipps und Empfehlungen für Gründungsinitiativen. Klare Positionen finden sich hier in Bezug auf die so genannten Tafeln, zu Almosen, die an durch Politik zu Bedürftigen degradierten Kinder, Männer und Frauen: Recht auf Nahrung ist ein weltweit verbreitetes Menschenrecht, das nicht allen zuteil wird. Auch nicht in angeblich „reichen“ Ländern wie Österreich und Deutschland. Anhand der exemplarisch gestellten Frage „Könnte Hamburg 100 Prozent regional und bio essen“ führt das Buch hin zu den dafür nötigen landwirtschafltichen Umstellungsprozessen, zu alternativen Ernährungsnetzwerken, zu Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften: Hier geht es um gutes Essen, das ohne andere – Länder, BäuerInnen – auszubeuten, das fair in Bezug auf Erzeugungspreise und Löhne ist. Schön für mich als Wien-Fan zu lesen ist die Überschrift  „Millionenmetropole Wien: Weltmeisterin der regionalen Gemüseversorgung“ (S. 32)

Ließen die Wiener allerdings das eine oder andere Schnitzel zugunsten von mehr Gemüse weg, müsste dessen Anbau im Umland leicht zulegen. Damit entstünde nämlich ein zusätzlicher Bedarf von etwa 20.000 Tonnen im Jahr. (S. 33)

Hier gibt man sich nicht damit zufrieden, LebensmittelproduzentInnen und -konsumentInnen zu motivieren, sondern nimmt die Politik klar in die Pflicht, es müsse endlich Schluss mit deren Symbolpolitik angesichts der globalen Ernährungswende sein. Die Tipps von A – Z sowie der umfangreiche Adress-, Literatur- und Serviceteil begeistern mich, der Fokus bleibt dabei konsequent auf den Ernährungsräten, Vernetzung ist das Gebot der Stunde. Quellen, Links und Adressen nehme ich mit aus diesem Buch, das Politik, Fachwissen und Visionen verbindet und mir gezeigt hat: Es ginge, es ginge sogar gut und so manche Saatgut-Tauschbörse ist eine kleine, wirksame Rebellion gegen  die Saatgut-Verkehrsgesetze.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Impulse, Einstieg in Gedanken der „Ernährungsdemokratie“, in zwei Teilen aufgeteilte, kompakte Informationen: Ist-Stand hin zum Soll-Stand und dazwischen jede Menge engagierter Menschen und Projekte

Gundula Gertel: freie Journalistin und Autorin, Mitgründerin und eine der Sprecher*innen des „Ernährungsrat Berlin“

Christine Pohl: Politologin und freie Autorin, Foodaktivistin mit den Themen „Internationale Handels- und Ernährungspolitik“, ebenfalls eine der Sprecher*innen des Berliner Ernährungsrats

Valentin Thurn: freier Filmemacher, Autor, Mitgründer Onlineplattform „foodsharing“, Vorsitzender des Kölner Ernährungsrats

Valentin Thurn, Gundula Oertel, Christine Pohl:
Genial lokal.
So kommt die Ernährungswende in Bewegung.
München: oekom 2018.
285 Seiten.
(Mit einem Leitfaden zur Gründung von Ernährungsräten)

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”