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Steckt der neue Messias im Algorithmus?

Kaum eine Tagung, die ohne das Thema „Digitalisierung“ auskommt, keine Zukunftshoffnung, die nicht auf die Segnungen der künstlichen Intelligenz baut. Haben wir Menschen als Krone der Schöpfung ausgedient?

Die Tänzerin in Blau bewegte sich biegsam und elegant zum Rhythmus der Klaviermusik. Daneben wirkte ihr Tanzpartner ziemlich plump und klobig, von Takthalten oder gar charmanten Avancen gegenüber der Frau war er weit entfernt. Nein, das beschreibt keine ganz normale Beziehungsszene, sondern eine Performance im Rahmen der Ars Electronica, die jedes Jahr in Linz die neuesten Fortschritte in Sachen künstlicher Intelligenz vorstellt. Der auch optisch mäßig attraktive Roboter als Tanzpartner konnte mich nicht überzeugen. Ihm fehlte genau das, was es braucht, damit etwas zwischen Menschen entstehen kann: Gefühle, Blicke, Berührungen. Er war nur eine Maschine. Unergründlich, warum man uns einreden möchte, diese Maschinen würden eines Tages die Welt effizienter organisieren als wir, sie womöglich sogar zu einem besseren, perfekten Ort machen. Kein Zweifel, dass Maschinen uns das Leben zumeist erleichtern. Eine Kollegin, die den Sommer mit der Familie auf einer Alm ohne Strom und Wasser verbracht hat, wusste danach zu schätzen, wie viel Arbeit ihr alleine Haushaltsgeräte abnehmen. Aber die Digitalisierung beziehungsweise die durch sie möglich gewordene künstliche Intelligenz verspricht mehr, als uns den Alltag zu erleichtern. Manche Propheten behaupten nicht weniger, als dass die neue Technologie alle Mängel, die Menschen mit sich schleppen, ausmerzen werde. Mit der künstlichen Intelligenz könnten wir uns evolutionär selbst überholen. Aber worin? Kann man diese Intelligenz so programmieren, dass sie Konflikte anders löst und Kriege, Not, Tod und Hunger ein für alle Mal der Vergangenheit angehören? Traut man Maschinen zu, dass sie aufgrund eigener Schlussfolgerungen besser denken können? Wie aber interagieren sie dann mit realen Menschen? Können sie ihre Meinung korrigieren, sind sie manipulierbar, nehmen sie Rücksicht, kennen sie so etwas wie Solidarität? Die Hoffnung auf Rationalität, also auf begründete Entscheidungen des Verstandes als Grundlage jeden Handelns, entstand als Phänomen der Neuzeit. In den Prinzipien der Mathematik ist Rationalität abgebildet. Um etwas in Mathematik übersetzen zu können, muss es aber zuvor messbar, in Zahlen fassbar sein. Geht das bei dem, was Menschsein ausmacht, überhaupt? Wenn der Mensch sich selbst nicht abschließend kennt und kennen kann, wie sollte er Maschinen so programmieren, dass sie ihn übertreffen, seine Mängel ausmerzen? Eine Religion wie das Christentum hat den Menschen immer gewarnt, sich an die Stelle Gottes setzen zu wollen, also selbst Schöpfer der Welt zu sein. Tatsächlich ist der Mensch kreativ und daher Mitschöpfer der Welt. Der Glaube an einen Gott kann darin eine Art Korrektiv sein, das die Ehrfurcht vor dem Unergründlichen, auch die Demut vor dem, was wir weder mit Intelligenz noch mit Intuition erfassen können, begründet. Schließlich bleibt das größte Rätsel das des Todes. Sehen wir unser Ende als bloße Verschleißerscheinung, wie auch bei Maschinen Materialmüdigkeit zum Kaputtwerden führt? Oder bleibt im Tod ein Nichtwissen, eine Hoffnung, ein Bestand von Liebe, ein unverbrüchlicher Glaube, beispielsweise an Ewigkeit? Bei aller Euphorie über die Maschine als besserer Mensch bleibt gewiss, dass jede Maschine einem Menschen gehört, ein Mensch aber nur sich selbst. Der Mensch ist niemandes Werkzeug. Wahrscheinlich liegt in dieser Unverfügbarkeit der innerste Kern unseres Menschseins. Wollen wir auf eine Anhäufung von Daten, wie es Maschinen sind, reduziert werden? Kann sein, dass der Mensch in der Lage ist, Maschinen zu bauen, die Probleme intelligenter lösen. Aber ein schlechter Tänzer ist immer noch besser als ein tanzender Roboter. Mit dem Tänzer kann man zum Trost für verletzte Zehen an die Bar gehen. Erst wenn Maschinen auch Humor haben, beginne ich zu glauben, dass sie uns ähnlich werden könnten.

Christine Haiden ist moderner Technik nicht abgeneigt. Glänzende Augen macht ihr die Aussicht auf mehr künstliche Intelligenz allerdings nicht.

Was ist künstliche Intelligenz?

„Künstliche Intelligenz ist ein Teilgebiet der Informatik, welches sich mit der Automatisierung intelligenten Verhaltens und dem maschinellen Lernen befasst.“ So liest man in Wikipedia, was unter einem der am häufigsten verwendeten Begriffe der Gegenwart zu verstehen ist. Dass es Wikipedia als Suchmaschine gibt, ist bereits künstlicher Intelligenz zu verdanken.  Selbstfahrende Fahrzeuge, humanoide Roboter, autonome Waffen, intelligente Sprachassistenten oder Systeme zur Gesichtserkennung und Computerspiele sind mannigfach in Anwendung. Intelligenz, die auf Wissen baut, dieses kombiniert und daraus schlussfolgert, ist dem Menschen bereits überlegen. Im Bereich der Sensomotorik kann künstliche Intelligenz teilweise mehr als menschliche Augen, Nase oder Ohren. Bei der sogenannten emotionalen Intelligenz hat der Mensch noch Vorsprung. Allerdings lernen Maschinen schon, Gefühle ihres Gegenübers zu entschlüsseln. Die „Superintelligenz“, die den Menschen in allem übertrifft, ist derzeit noch Science-Fiction.

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