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Mein Vertrag mit mir selbst

Ich gestehe, dass ich neidisch war auf alle, die wochenlang Freizeit hatten. Um mich bei Laune zu halten, habe ich mir etwas vorgenommen, das sich ganz schön verwegen anfühlt.

An meiner Kühlschranktür, da hängt ein Vertrag. Von mir unterschrieben, nicht nur einmal, sondern gleich zweimal. Denn beide Vertragspartner sind ich. Ich habe mir nämlich etwas versprochen. Und ich wollte sicherstellen, dass dieses Versprechen hält. Der Vertrag ist mit 21. März datiert. An jenem Tag, an dem der Frühling begann und ich kaum etwas davon merkte, weil ich mit Fieber im Bett lag und mit der notwendigen Vollzeitbetreuung meiner kleinen Tochter mehr als überfordert war. An jenem Tag, an dem mein Neid auf die, die „Corona“ glücklich mit „Urlaub“ gleichsetzen konnten, seinen bitteren, verbitterten Höhepunkt erreichte. An diesem Tag habe ich mir etwas geschworen: Ich hole das alles nach, irgendwann.

Irgendwann nehme ich mir frei, ganze sechs Wochen lang. Da räume ich Schubladen aus, da jäte ich Unkraut, da gehe ich spazieren, so lang, wie ich will. Da schreibe ich „Freizeit“ in meinen Kalender und habe kein schlechtes Gewissen. Weil es mir zusteht, weil ich es nicht hatte. Irgendwann mache ich alles was die anderen jetzt tun und worum ich sie, gefühlt hinter Glas, beneide. In meinem Vertrag steht auch (§3.1), dass ich die, die jetzt genießen, um Tipps bitten werde, falls mir selbst nicht einfällt, was ich mir alles Gutes tun kann. „Coronical“ soll die selbstgewählte Freizeit heißen, der positive Ausnahmezustand, den ich mir gönnen werde, weil ich ihn verdient habe.

Hätte ich ein Erfüllungsdatum einsetzen sollen? Hätte ich mir ausdenken sollen, welche Strafe ich mir selbst verordne, wenn ich vertragsbrüchig werde? Gerade heute habe ich darüber nachgedacht. Denn ich bemerke: Während das „Normal“ im Außen noch in der Morgendämmerungsphase schwelt, hat es mich innen schon wieder ziemlich im Griff. Die Zeit, die ich habe, weil mein Kind seit fünf Tagen wieder in den Kindergarten geht, befülle ich brav – und aus alter Gewohnheit – mit Muss und Soll statt mit Will und Mag.

Immerhin bemerke ich es. Immerhin frage ich mich, warum ich das tue und ob es wirklich schon wieder nötig ist. Immerhin hängt da mein Vertrag, den ich eigenhändig unterschrieben habe, einmal links, einmal rechts. Der Tag, an dem ich ihn erfülle, wird, so ahne ich, einer der wichtigsten in meinem Leben sein. Er kommt, der Tag. Ich glaube, es dauert nicht mehr lang.

Barbara Pachl-Eberhart

lässt sich gerne von Plänen inspirieren, in denen das Wort „irgendwann“ vorkommen darf. Vor dem Einschlafen denkt sie noch gerne daran, was heute Abend anders ist als heute Früh.
www.barbara-pachl-eberhart.at

Foto: Alexandra Grill

Foto: Shutterstock

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