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„Mein Job sind die Wunder des Lebens“

Die junge Grazerin Agnes Maier ist amtierende Staatsmeisterin im Poetry-Slam. Außerdem ist sie Hebamme und alleinerziehende Mutter einer neunjährigen Tochter.

Ein Dichterwettstreit – genannt Poetry-Slam – irgendwo in Österreich. Junge Leute drängen sich im Zuschauerraum, jemand lacht leise, in der Luft liegt ein erwartungsvolles Wispern. Eine junge Frau betritt die Bühne und zieht das Mikrofon zu sich heran. Ein wenig nervös schiebt sie ihre Brille den Nasenrücken hoch, dann sagt sie: „Hallo, ich bin die Agnes. Ich habe euch einen Text mitgebracht, und der geht so.“

Was jetzt kommt, überrascht die meisten. Agnes Maier holt tief Luft und sagt: „Ich bin Hebamme – eine Frau mit helfenden Händen, Geburtsbeistandsleisterin in Kreißzimmerwänden, Expertologin für Herzschlagmomente und alles von Schwangerschaftsthemen bis Brustmilcherzeugnisse. Mein Job sind die Wunder des Lebens.“

 SIE SORGT FÜR ÜBERRASCHUNG
Auf den ersten Blick würde man nie vermuten, was die junge Frau alles leistet. Mit dem langen blonden Haar, der goldgerahmten Brille und ihrer geblümten Bluse wirkt Agnes Maier wie eine ganz gewöhnliche, sympathische Studentin von nebenan. „Ich spiele gern mit dem Überraschungseffekt, den meine Person mit sich bringt“, sagt sie, „denn ich bin oft in einer Rolle, die mir niemand zugetraut hätte.“ Die 25-jährige ist Hebamme, erfolgreiche Slam-Poetin und alleinerziehende Mutter einer neunjährigen Tochter.

„Ich habe ehrlich gesagt selbst keine Ahnung, wie ich das alles hinbekomme“, erzählt Maier. „Es ist ein Glück, dass ich in einer Klinik arbeite, in der wir 24-Stunden-Dienste machen.“ Da mehr als zwei solcher Dienste pro Woche gesetzlich nicht erlaubt sind, kann sie ihre freien Tage nutzen, um als Slam-Poetin aufzutreten. „Meine Tochter ­Selina nehme ich, so oft es geht, auf meine Touren mit. Dann fahren wir über das Wochenende mit dem Zug eine Runde durch halb Österreich und Deutschland.“ Im Teamwork mit ihren Eltern und Selinas Vater schafft es die junge Frau, ihre beiden Berufe miteinander zu vereinbaren.

Lesen Sie weiter in der Printausgabe.

Dehnungsstreifen sind Zeichen der Liebe auf der Haut.

Wie ein verdammter Tiger, der seine Schrammen abbekommen hat,

trägt jede Mutter ihre Narben, und ich finde, sie sollte sie mit Stolz tragen!

Unsre Superpower ist die Erschaffung von Leben,

und dafür müssen wir uns einfach nicht schämen!

Makellos schön ist nur die Photoshop-Fake-Produktion auf dem Cover der „Woman“.

Und so was will ich nicht sehen!

Ich glaub an echte Körper, echte Frauen …

Natürlich schöne, makelvoll-wunderbare, selbstbewusst-zauberhafte Vulvagenossinnen!

Nicht-Mann-Menschen mit Hirn und Brüsten.

Und ja, „Vulva“ ist ein Wort, nur leider scheint’s irgendwie vom Aussterben bedroht.

Agnes Maier – Auszug aus „Verabredung mit einer Hebamme“

Slam-Poetin Agnes Maier (25) macht in ihren Texten ihre Arbeit als Hebamme, ihre Erfahrungen als Mutter, Sexualität oder die Menstruation zum Thema. Sie tourt regelmäßig durch Deutschland, Österreich und die Schweiz, ihre Tochter Selina ist so oft es geht mit dabei.

Mit Texten performen

Ein Poetry-Slam ist ein Dichter­wettstreit, bei dem die Teil­nehmerInnen ihre Texte vor Publikum vortragen und dabei auch performen. Bis auf Singen und die Verwendung von Requisiten ist alles erlaubt. Die Auftritte dürfen ein vorgegebenes Zeitlimit von meist fünf Minuten nicht überschreiten. Die Punktewertung der Texte erfolgt meist durch zufällig ausgewählte Publikums-mitglieder.Die PoetInnen mit den höchsten Punktzahlen treten in einer Finalrunde gegeneinander an. Zu gewinnen gibt es meist Ruhm, Ehre und symbolische Spaßpreise.

Agnes Maier tritt jeden Monat bei der Lesebühne „Gewalt ist keine Lesung“ in Graz auf. Im Verlag Lektora ist kürzlich eine Sammlung ihrer Texte erschienen.

Erschienen in „Welt der Frauen“ 10/18