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„Wir brauchen mehr Wertschätzung für die Familien“

Die Betreuung durch Kindergarten und Schule fiel weg, aber die Eltern mussten weiterarbeiten: Für viele Familien mit Kindern waren die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 eine ungeheure Herausforderung. Die Familiensoziologin Ulrike Zartler erforscht, wie es ihnen geht.

Wie haben Sie die letzten Wochen verbracht?
Ulrike Zartler: Ich arbeite seit Mitte März daheim mit zwei Kindern, die allerdings schon 14 und 15 Jahre alt sind. Die Situation wäre wohl schwieriger, wenn die beiden jünger wären.

Eine Studie des SORA-Instituts zeigt: Jeder zweite Haushalt mit mindestens einem Kind unter 15 Jahren ist durch die Coronakrise stark belastet, Mütter sind stärker gefordert als Väter. Bestätigt Ihre Studie das?
Ja. Aber uns geht es nicht um Prozentangaben, sondern um detaillierte Einblicke in das Leben der Familien. Wir arbeiten nicht mit Fragebögen und vorgegebenen Antwortmöglichkeiten, sondern führen eine qualitative Studie durch, mit intensiven Telefon­interviews und der Auswertung von Tagebucheinträgen. An der Studie nehmen 98 Personen teil, und wir haben in der ersten Woche der Ausgangsbeschränkungen mit der Befragung begonnen. Es ist sehr wichtig, direkt in der Situation nachzufragen und nicht erst dann, wenn sie schon wieder vorbei ist. Unsere Interviews dauern zwischen einer und drei Stunden, am Anfang haben wir wöchentlich mit den Eltern gesprochen, jetzt alle zwei Wochen.

Wie schaffen Sie dieses Arbeitspensum?
Eine gute Frage. (lacht) Ich bin dabei, die Finanzierung für die Studie zu suchen. Die Arbeit basiert auf Enthusiasmus und Selbstausbeutung. Motiviert haben mich die vielen Fragen von JournalistInnen, was die Coronakrise für Familien bedeutet. Da es keine Studien gab, wollte ich das selbst herausfinden.

Wie geht es den Familien?
Die Coronakrise ist eine Zumutung für Familien und ganz besonders für Frauen und Kinder. In den letzten Wochen habe ich häufig von InterviewpartnerInnen gehört: „Das Maß ist voll.“ Letztendlich geht es um das Wohl der Kinder, wenn man sagt: „Wir können nicht mehr.“ Es ist unglaublich, was die Politik den Familien zugemutet hat.
Selbst am Anfang, als das Bedrohungsszenario enorm war und die Kooperationsbereitschaft sehr hoch, haben viele Eltern gesagt: „Drei Wochen schaffen wir das, aber länger sicher nicht.“
Auch das Homeschooling verursacht viele Konflikte – auch in Familien mit engagierten Eltern und motivierten Kindern. Selbst dort war nach wenigen Wochen die Luft raus.
Der Pegel der Belastungen ist von Woche zu Woche extrem gestiegen. Der Eindruck der Befragten war am Anfang, dass alles bis zu den Osterferien dauern würde. Bezüglich Information und Kommunikation wurden die Eltern im weiteren Verlauf alleingelassen.

Was hat die Situation für Familien so schwierig gemacht?
Man kann nicht die Kindergärten und Schulen schließen und davon ausgehen, dass alles so gut wie vorher funktioniert. Wenn das so wäre, dann würden wir keine Betreuungseinrichtungen und keine Bildungsstätten brauchen!
Besonders ärgerlich fanden Eltern in unserer Studie die Aussage des Bundeskanzlers, es sei keine Schande, die Kinder in den Kindergarten zu geben. Einerseits wurde Kinderbetreuung angeboten, andererseits wurde vermittelt: „Bitte nehmen Sie dieses Angebot nicht leichtfertig an.“ Die Botschaft, die bei vielen Eltern angekommen ist, war: Erst wenn man wirklich nicht mehr kann, darf man die Kinder in Betreuung geben. Der Druck war enorm, gerade auch in den Landgemeinden, wo Frauen berichteten, sie hätten sich nicht getraut, die Kinder in den Kindergarten zu geben, weil es einen Brief vom Bürgermeister oder der Bürgermeisterin gegeben hatte, in dem stand, die Eltern sollten so verantwortungsvoll sein, das Angebot nicht zu nutzen. Die Entscheidung der Frauen war dann, lieber schwierige Situationen auszuhalten, als zuzugeben, Unterstützung zu brauchen.
Dass ein dreijähriges Kind nicht gern in den Kindergarten geht, wenn es dort eines von sehr wenigen Kindern ist und vielleicht eine andere Betreuerin als sonst dort arbeitet, kann man sich vorstellen. Vor allem wenn es nicht wie gewohnt ein Abschiedsritual in der Garderobe geben darf, sondern die Übergabe vor der Eingangstür stattfinden muss. Das ist eine extreme Belastung für Kinder.

Welche Folgen hat die Krise für Frauen?
Ich weiß nicht, welche Art von Krise wir bräuchten, damit sich die Arbeitsteilung und die Geschlechterrollen endlich nachhaltig verändern. Viel Hilfe ist weggebrochen und viele zusätzliche Aufgaben sind dazugekommen. Dass das Stress auslöst, ist klar.
Frauen waren schon vor der Krise häufiger teilzeiterwerbstätig als Männer. Teilzeitangestellte haben ein höheres Risiko, gekündigt zu werden, ein geringeres Einkommen, und sie leisten meist einen sehr großen Teil der Familienarbeit oder sogar die gesamte. Die Krise ist wie ein Brennglas: Sie zeigt, welche Bereiche besonders wichtig sind und welche Bereiche besonders verletzlich sind.
Den Eltern möchte ich sagen: „Versteckt eure Kinder nicht!“ Ich finde es ganz wichtig, dass Kinder Telefonkonferenzen stören. Es ist wichtig, dass die ArbeitgeberInnen merken, wie schwierig es in der aktuellen Situation ist, Beruf und Betreuungstätigkeiten zu vereinbaren.
Eine Chance könnte sein, dass sich jetzt das gegenseitige Verständnis für die Arbeit des Partners oder der Partnerin erhöht. Wir haben auch mit Hausfrauen gesprochen, und da hat der im Homeoffice arbeitende Partner oft zum ersten Mal gesehen, was sie den ganzen Tag über leisten.

Die Kinder brauchen ein sicheres Umfeld, in dem die Eltern signalisieren: Ich bin für Dich da.
Ulrike Zartler

 

Wird auch die Unterstützung durch die Groß­eltern sichtbarer, weil sie jetzt weggefallen ist?
Die Großeltern fehlen massiv. Viele holen die Kinder von der Schule oder vom Kindergarten ab und passen nachmittags auf sie auf. Dass sie plötzlich nicht zur Verfügung stehen, ist in vielen Familien dramatisch. Zusätzlich haben sich viele Eltern um die Großeltern gekümmert und haben zum Beispiel Einkäufe für sie erledigt.

Wie geht es den Kindern?
Die Kinder waren am Limit, was ihre Belastbarkeit betrifft. Diese vielen Wochen sind für Kinder eine enorm lange Zeit.
Vor allem Kinder in der Stadt ohne Garten oder Zugang zu Grünflächen haben sehr gelitten. Das haben wir jetzt schon fast wieder vergessen, aber die Schließung der Spielplätze, die Schließung der Bundesgärten und die Regel, man dürfe die öffentlichen Verkehrsmittel nicht verwenden, um ins Grüne zu fahren – das alles waren dramatische Einschnitte mit gravierenden Folgen für viele Familien. Mittlerweile wird überlegt, ob das wirklich notwendig und sinnvoll war.

Hat die Schulöffnung die Situation entspannt?
Viele Kinder mussten während der Schulschließung weiterlernen und Aufgaben erledigen, durften aber ihre FreundInnen nicht sehen. Diese Situation wurde mit der Öffnung der Schulen fortgesetzt: Die Kinder dürfen in die Schule, aber es gab nur wenig, worauf sie sich freuen konnten. Die Hygienemaßnahmen sind extrem umfassend: Die Kinder müssen sich beim Betreten der Schule und nach dem Abnehmen der Maske die Hände desinfizieren, sie müssen Abstand halten, in den Pausen an ihrem Platz sitzen bleiben et cetera.*
Wir müssen uns sehr gut überlegen, was das mit den Kindern macht. Ihnen wurde vermittelt: „Du bist eine Gefahr für andere. Und wenn man jemanden liebt, dann hält man Abstand.“ Das ist eine schwierige Botschaft für Kinder. Schon die Kleinsten wiederholen die Sätze: „Wer seine Oma liebt, besucht sie nicht.“
Wir brauchen unbedingt mehr psychosoziale Unterstützung für die Kinder und für die PädagogInnen, weil diese jetzt ganz viel abfedern müssen.

Was hätte die Politik tun können?
Es hätte den Eltern schon sehr geholfen, wenn die unfassbaren Leistungen, die sie erbringen, gesehen und geschätzt worden wären. Es wurde stillschweigend davon ausgegangen: Die Eltern sind ohnehin zu Hause, die machen das schon. Unsere Studie hat gezeigt, dass das viele Eltern wirklich verärgert und gekränkt hat. Wertschätzung ist über Wochen hinweg auch medial nicht vermittelt worden. Für Familien war die Frage zentral, wann und in welcher Form mit Schul- und Kindergartenöffnungen zu rechnen sein würde. Lange bevor es dazu Informationen gab, wurden zum Beispiel für ganz bestimmte Sportarten Regelungen bekannt gegeben. Das ging an der Lebensrealität der meisten Familien vorbei.

Versuchen wir, optimistisch zu sein. Könnte die Krise auch ein heilsamer Schock gewesen sein? Was könnten wir lernen aus den Erfahrungen der letzten Wochen?
Erstens brauchen wir viel mehr Wertschätzung für die Familien. Wir dürfen als Gesellschaft nicht davon ausgehen, dass Eltern in dieser Situation unbegrenzt lange funktionieren. Eltern wollen sich gut um ihre Kinder kümmern. Aber sie stoßen an ihre Grenzen.
Zweitens könnte die Kommunikation verbessert werden. Während es für die MaturantInnen schon relativ früh einen Fahrplan gab, war für die anderen SchülerInnen sehr lange unklar, wie es weitergeht. Über die Kindergartenkinder wurde gar nicht gesprochen. Hier wäre es wichtig gewesen, stärker an die Familien zu denken. Als die Baumärkte geöffnet wurden, aber gleichzeitig für über eine Million Kinder vollkommen unklar war, wie es weitergeht, hat das viele Eltern empört.

Ulrike Zartler wurde 1972 in Oberwart geboren. Sie studierte Soziologie und ist seit 2017 Professorin für Familiensoziologie an der Universität Wien. Sie ist Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie und Mitglied des Österreichischen Kinderrechte-Monitoring-Boards.

Welt der Frauen Cover Juli/August 2020

*) Das Interview wurde Anfang Mai 2020 geführt.

Erschienen in „Welt der Frauen“ Juli/August 2020

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