06

18

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Soziale und ökologische Folgen<br>der Digitalisierung

Lifestyle-Zeitschriften erzählen uns von den Lebensgefühlen der DänInnen und SchwedInnen: Lagom und Hygge, Maßhalten also, maßvolles Leben und das am besten täglich ab 15 Uhr. Weg mit dem Haifischkapitalismus, hin zum selbst gebrühten und fair-trade-gehandelten Kaffee. Ich bin mit solchen Büchern und Artikeln nahezu weichgespült, koche auch Rezepte nach.

Rezepte bieten die beiden Wissenschaftler freilich keine in ihrem Buch, das auch auf wissenschaftliche Art das Maßhalten skizziert. Dass Technik nie neutral war, dass es einst die Maschinenstürmer waren, die ihre von neuen technischen Geräten bedrohten Arbeitsplätze verteidigten, erzählt in jedem der Kapitel ein gründlich recherchierter historischer Rückblick. Ja, die Landarbeiter*innen wurden zu Fabrikarbeiter*innen, später zu Dienstleister*innen und so weiter. Klar, wer heute online einkauft, spart sich Wege, lässt das Auto in der Garage und verhilft einem Lieferservice zu einem Auftrag. Stimmt denn diese Rechnung? Wie häufig schicken Konsument*innnen die bestellten Kleider zurück, wie stark vergrößert sich durch diese Retouren das Verkehrsaufkommen. Ach so, soll mit den Drohnen besser werden, ja dann! Beide Autoren setzen auf soziale Gerechtigkeit und hinterfragen wie einst schon Naomi Klein, ob und wie Umweltschutz und Kapitalismus überhaupt in Balance gebracht werden können.

In den zurückliegenden 250 Jahren der Industrialisierung wurden kürzere Arbeitszeiten stets durch gesellschaftliche, oft gewerkschaftliche Machtkämpfe erstritten. Heute stehen Arbeitnehmer*innen nahezu aller Qualifizierungsniveaus jedoch noch mehr als früher in internationaler Konkurrenz, was ihre Verhandlungsposition gegenüber den Arbeitgebern schwächt. (S. 95f)

Der Konsum steigt, Apps verführen zum Konsum, alles ist oder erscheint leicht, das Warenhaus passt in die Hosentasche und heißt I-Phone. Alles ist hipp, alles muss schnell gehen: Wer schnell kauft, digital, hat bereits nach kurzer Zeit seine Freude am Kaufen wieder verloren, schließlich fehlt die Haptik, das Wühlen, das Anprobieren in miesen kleinen stinkenden Umkleidekabinen – das ist jetzt von mir, steht so nicht im Buch. Manipulation versus Information, Algorithmus versus Selbstbestimmung und das alles Kapitel für Kapitel in den Alltag übersetzt. Als Bibliothekarin habe ich mir wirklich nie überlegt, ob der E-Reader ökologisch besser sei als das analoge Buch. Es kommt, so lerne ich in den Ausführungen der Wissenschaftler, auf die Menge der am Reader gelesenen Bücher an. Logisch, tolle Überlegung. Wer sich mit sozialer Teilhabe, mit Demokratisierung, mit Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit beschäftigt, macht all das nach Lektüre dieses Buches auf einem anderen Niveau.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie dieses Buch nicht lesen:
Wissen, Erklärung von Zusammenhängen, Skepsis gegenüber technologischem Fortschritt, Auseinandersetzung mit digitalem Turbokapitalismus – verdammt also Klärung der Frage: Was macht die Digitalisierung mit uns, unserer Umwelt, unserm Arbeitsplatz. Das muss jetzt reichen!

Steffen Lange: promovierter Volkswirt, beschäftigt sich damit, was die Digitalisierung der Ökonomie in sozialökologischer Hinsicht bedeutet. Arbeitet ehrenamtlich bei Initiativen, die nachhaltiges Wirtschaften Wirklichkeit werden lassen wollen.

Tilman Santarius: Professor für Sozial-Ökologische Transformation und Nachhaltige Digitalisierung; Ehrenamtler im Aufsichtsrat von Greenpeace Deutschland.

Steffen Lange; Tilman Santarius:
Smarte grüne Welt?
Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit.
München: Oekom Verlag 2018.
264 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“