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Buchempfehlung: „Heute graben“

Verdammt viel Alltag, viele Zweifel, viel Ironie und jede Menge an klar benannten Sehnsüchten. Man wird wieder jung, verwirrt, ein wenig irre.

Für Tote graben, für sich schreiben

Da will einer ein Buch schreiben, das alles sagt. Etwas Großes also. Eigentlich soll es ein Liebesroman werden, aber immer mehr werden die fünf Hefte, also das in sie in nüchternem oder auch nicht ganz so nüchternem Zustand in sie Geschriebene zu einer Krankheitsgeschichte. Nah am Tod? Dazwischen gräbt der Erzähler für die Toten, manchen ist er mit seinen langen Haaren und seinem Bart ein wenig unheimlich.

Da liebt eine Volksschullehrerin lange Strandspaziergänge und träumt von einem eigenen Märchenbuch. Diese Phantasie vertraut sie dem Ich-Erzähler an, digital, er erzählt ihr postwendend von seiner Kindheit auf dem Friedhof. Ein ernstes Gespräch, ein sinnlicher Dialog eine Minute vor Mitternacht.

„Nach dem Aufwachen ist unser Gespräch gelöscht, als hätte es nie existiert.“
Seite 10

Der Ich-Erzähler will über A., seine erste große Liebe schreiben: In seiner Schublade liegt ausreichend Material dafür, warum wird es nun zur Last? Nun gut, eine Woche lang heißt es jetzt, Toten um Toten zu begraben, dann könnte er aber doch zu schreiben beginnen. Nein, zuerst zur Hausärztin, die Verkühlung macht ihm ja bereits seit Wochen zu schaffen. Man springt mit dem Erzähler von Grab zu Grab, von Internetdialog zu Internetdialog, man säuft mit ihm und wankt dann wieder zu diversen ÄrztInnen und versucht zu entschlüsseln, ob man sich nun über einen Röntgenbefund mit der Diagnose „Ausgedehntes Verschattungsareal“ große oder nur mittlere Sorgen machen muss.

Verdammt viel Alltag, viele Zweifel, viel Ironie und jede Menge an klar benannten Sehnsüchten finden sich in den fünf Heften. Man wird wieder jung, verwirrt, ein wenig irre, man zaudert, man erinnert sich daran, wie man selbst einmal war: Unsicher, schnell zu verunsichern, mit großen Idealen und Träumen. Hier geht es nie um Selbstoptimierung, der, der hier erzählt, sucht sein Glück nicht in Glückskeksen. Er gibt weder den Philosophen, noch den, der aufgrund des Kontakts mit den vielen Verstorbenen, Leichen genauer gesagt, über den Dingen steht. Dass der Erzähler die Frauen, die er datet, alphabetisch ordnet, spricht für ihn, er könnte fast ein Bibliothekar sein.

„Bringe das für heute vorgesehene Kapitel zu keinem passenden Ende, weil ich zum Friedhof muss. Werde ich vom Schreiben abberufen, fühlt es sich an, als würde die Welt zusammenbrechen, aber sitze ich vor den Seiten, erstarre ich im Nichts. Das Material ist da. Es liegt vor und in mir, nur finde ich die richtige Sprache nicht.“
Seite 25

Was Sie versäumen, wenn Sie diesen Roman nicht lesen:

Intimität, Mitlesen des 5-teiligen Tagebuchs eines Totengräbers, Angst vor Krankheit, Sehnsucht nach Kranksein, Sehnsüchte, die Suche nach der großen Liebe, Ironie, leichten Modergeruch zwischen den Heften, dem Leben, der Liebe, Vater-Sohn-Dialoge – Papa spricht aus dem Grab.

Mario Schlembach

1985 In Hainburg an der Donau geboren, als Bauernsohn auf einem Aussiedlerhof neben dem Lagerfriedhof Sommerein aufgewachsen, hat Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft studiert; er lebt als Schriftsteller, Journalist und Totengräber in Wien und Niederösterreich. Seine bisher erschienen Romane „Dichtersgattin“ und „Nebel“ wurden mehrfach ausgezeichnet, für „Nebel“ war er u. a. auf der Shortlist des Literaturpreises Alpha 2018.

Mario Schlembach
Heute graben.
Roman.
Wien: Kremayr & Scheriau 2022.
188 Seiten.
ISBN  978-3-218-01295-9

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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