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Maria bewegt zum #aufstehn

Die Politologin Maria Mayrhofer (31) nutzt digitale Medien für zivilgesellschaftlichen Aktivismus: Über Internetplattformen mobilisiert die Niederösterreicherin junge und alte Menschen im ganzen Land.

Was war der Auslöser, Ihre gemeinnützige Kampagnen-Organisation „#aufstehn“ zu gründen, und welches Ziel verfolgen Sie damit?
Maria Mayrhofer: Wir sind 2015 gestartet, als viele geflüchtete Menschen nach Österreich kamen. Viele Menschen halfen damals und waren frustriert, weil die Politik lange nicht reagierte. Das Lager Traiskirchen war überfüllt, Mütter mit Babys mussten bei brütender Hitze draußen auf dem Boden schlafen. Wir wollten PolitikerInnen zum Handeln bewegen. Eine unserer ersten Aktionen war daher, Menschen zu ermutigen, über ein Onlinetool ihre BürgermeisterInnen per E-Mail aufzufordern, Geflüchtete in der eigenen Gemeinde aufzunehmen – vielerorts mit Erfolg. Für uns war das der Beweis, dass digital basiertes Engagement funktioniert. Inzwischen wächst die „#aufstehn“-Community stetig. Gemeinsam setzen wir uns für Chancengleichheit und ökonomische Fairness ein, kurzum für eine solidarische Gesellschaft, in der sich alle verwirklichen können – ungeachtet des Geschlechts oder Alters, der Herkunft, der sexuellen Orientierung oder der Religion. Über 160.000 engagierte Menschen aus ganz Österreich machen bereits bei unseren Kampagnen mit.

Junge Menschen und Leute aus dem urbanen Raum sind vorne mit dabei. Wie aber erreichen Sie Ältere und all jene, die soziale Medien nicht nutzen?
Der Großteil unserer Kommunikation läuft über E-Mails. Das nutzen auch ältere Semester. Kürzlich schrieb uns eine über 90-jährige Unterstützerin, sie könne zwar nicht mehr mit uns auf die Demo für ein solidarisches Europa mitkommen, freue sich aber sehr, dass es uns gebe und sie von zu Hause aus unsere Onlineaktionen unterstützen könne. Außerdem gibt es regen Zulauf aus der ländlichen Bevölkerung. Seit wir Anfang des Jahres mit „mein.aufstehn.at“ begonnen haben, wo engagierte BürgerInnen ganz einfach selbst Petitionen starten können, sind in vielen Bundesländern Menschen für regionale Themen aktiv geworden.

Sind Sie auch im „echten Leben“ aktiv?
Natürlich! Wir organisieren Diskussionsveranstaltungen, Flashmobs oder gehen gemeinsam zu Kundgebungen. Zu unseren UnterstützerInnen zählen auch MindestpensionistInnen und Ordensschwestern. Als kürzlich eine junge Niederösterreicherin, die auf „mein.aufstehn.at“ eine Petition für den Erhalt der Flüchtlingsunterkunft in St. Gabriel gestartet hatte, für den Freiwilligenpreis des Roten Kreuzes nominiert war, veranstalteten wir gemeinsam mit Ordensbrüdern und Schwestern der Steyler Missionare vor der Preisverleihung einen Flashmob für eine menschliche Asylpolitik in Niederösterreich. Besonders freut mich, dass sowohl in unserem Team als auch bei den Freiwilligen viele Frauen aktiv sind.

Was war der bisher effektivste Coup von „#aufstehn“ speziell in Frauenbelangen?
Eine unserer prägendsten Kampagnen ist „#solidaritystorm“: Als 2016 vier Journalistinnen ihr Schweigen brachen und erstmals über den Hass und die sexualisierte Gewalt sprachen, die sie als Frauen im Netz erfahren, sammelten wir Solidaritätserklärungen und Botschaften an die Betroffenen, um ihnen den Rücken zu stärken. So brachten wir das Thema überhaupt in die Öffentlichkeit. Mittlerweile haben wir mit „www.solidaritystorm.at“ eine Plattform für digitale Zivilcourage geschaffen, auf der sich Betroffene, ZeugInnen und Interessierte austauschen können und erfahren, was sie gegen Hass im Netz tun können. Zudem fordern wir politische Maßnahmen, denn das Internet funktioniert wie ein Brandbeschleuniger für Hass. Im „echten Leben“ hat das gravierende Auswirkungen.

KritikerInnen meinen, dass „#aufstehn“ mehr zur Spaltung als zum Zusammenhalt der Gesellschaft beiträgt. Was entgegen Sie da?
Wir engagieren uns für ein Österreich, in dem sich alle wohlfühlen und entfalten können – dazu gehört auch, die Dinge beim Namen zu nennen, wenn Menschen diskriminiert, Menschenrechte verletzt oder demokratische Errungenschaften angegriffen werden.

Sie waren nie Mitglied einer Partei – warum engagieren Sie sich nicht dort, im etablierten Parteiensystem?
Politik hat mich schon immer interessiert, aber ich fühlte mich nie von einer Partei vollständig angesprochen. Ich glaube, dass sich heute viele Menschen nicht mehr von der Wiege bis zur Bahre an eine Partei oder Organisation binden wollen, sondern lieber zu den Themen aktiv werden, für die sie wirklich brennen. Genau das bieten wir an.

Welche dringenden Themen stehen 2019 auf der „#aufstehn“-Agenda? Und wer entscheidet, für welches Thema aufgestanden wird?
Wir fragen regelmäßig unsere UnterstützerInnen, welche Themen ihnen besonders am Herzen liegen und wofür wir unsere beschränkten Ressourcen einsetzen sollen. Was uns auf jeden Fall beschäftigt, ist die EU-Wahl ab 23. Mai. Der Ton wird rauer, rechtsextreme Gruppierungen, die das europäische Projekt infrage stellen, sind in vielen Ländern auf dem Vormarsch. Umso wichtiger ist es, für ein respektvolles Miteinander und demokratische Werte aufzustehen.

Maria Mayrhofer (links Seite) ist die Gründerin von „#aufstehn“. Der Einsatz gilt einem demokratischen Österreich, in dem sich alle wohlfühlen können. So wurden über „#aufstehn“ zum Beispiel Proteste gegen die Abschaffung der AUVA oder gegen den Austritt Österreichs aus dem UNO-Migrationspakt organisiert.

So können auch Sie mit„#aufstehn“ Ihre eigene Petition starten

Frauenbelange, Klima und Umwelt, Demokratie und Mitgestaltung, Schule und Bildung, Menschenrechte, Wirtschaft und Handel, Gesundheit, Tierschutz und so weiter – wenn Sie ein Anliegen haben, das Ihnen besonders unter den Nägeln brennt, wenn Sie einen Beitrag leisten wollen, damit Ihre Gemeinde, Ihre Region zu einem besseren Ort wird, können Sie dieses Anliegen auf „#aufstehn“ (www.mein.aufstehn.at) kundtun. Über diese Plattform können Interessierte Kampagnen starten, MitstreiterInnen gewinnen, Unterschriften sammeln, die Öffentlichkeit informieren und EntscheidungsträgerInnen aus Politik und Wirtschaft von ihrer Sache überzeugen. Die CampaignerInnen von „#aufstehn“ unterstützen dabei. „Wichtig sind Verbündete. Miteinander lässt sich meist mehr bewirken als allein“, sagt Maria Mayrhofer.

Fotos: Manfred Werner/Wikimedia Commons, Alexander Gotter/# aufstehn (2)

Erschienen in „Welt der Frauen“ 05/2019

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