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12/22

Buchempfehlung: Auf ein Interview und eine Melange

Buchempfehlung: Auf ein Interview und eine Melange

Gespräche im Kaffeehaus geführt von Marco Riebler. Ein Interviewband, der durch Vielfalt, Genauigkeit und Tiefe glänzt.

Marco Riebler ist ein guter Zuhörer und ein genauer Beobachter. Wenn er sich etwa mit Christiane Varga im Cafe Prückel oder mit Karl-Markus Gauß in Salzburg im Café Mozart trifft, ist der Weg zum Treffen mit Rudi und Karl Obauer im Café Braun nicht mehr weit. Halt: Kehren wir gleich mit dem Autor, Journalisten und Fotografen beim Café Braun in Hallein ein.

Gespräche umrahmt von österreichischer Kaffeehauskultur

Kaffeehäuser sind in der Tat besondere Orte, oftmals von SchriftstellerInnen beschrieben: Da gibt es den Lieblingskellner und den Lieblingsplatz, man schaut in die Karte und bestellt das, das man immer bestellt. Routine lässt einen in den Tag starten, also auf nach Hallein ins Café Braun.

Gerd Braun ist Chocolatier und Konditormeister, mit wem sonst kann man so gut über „Handwerker, Stil und Reduktion“ sprechen?

„Das Kaffeehaus ist für mich der klassische Ort, wo man unter vielen Leuten einsam ist. Diese wohltuende Anonymität, wenn man sie wünscht, erlebt man in einer Umgebung, die vieles bereitstellt. ... Das Angebot für den Gast sollte die idente Qualität haben, vom Kaffee bis zum Gebäck.“
Seite 12

Wer das Café Braun in der Altstadt von Hallein kennt, versteht die Aussage Gerd Brauns „Wenn ein Prinzip stimmt, stimmt es wohl immer.“ (S. 13) Hier kommen keine oberflächliche Fragen, die mit noch oberflächlicheren, schnell dahin gesagten Antworten zufrieden wären: Hier geht es in die Tiefe, zur Architektur, zum Einsatz, zu Fragen rund um das herbe Thema des Loslassens. Die Antwort verdient es, hier extra noch einmal zitiert zu werden:

„Bei aller Bescheidenheit, es hat sich viel Wissen angesammelt und ich möchte tun. Wohin soll ich mit all meinem Wissen, spazieren gehen?“
Seite 21

Die Zukunftsforscherin, Germanistin und Soziologin Christiane Varga genießt trotz Enge und Gedränge einen Verlängerten im Café Prückel in Wien. Ob uns die Kaffeehauskultur in Zukunft erhalten bleibt, will der Autor unter anderem von ihr wissen.

„Natürlich. Es ist ein österreichisches Kulturgut. In Zukunft werden Orte der Begegnung an Bedeutung gewinnen. Orte mit Geschichten werden ein Kontrapunkt zur digitalen Welt. Dazu gehört das Kaffeehaus mit allen Ecken und Kanten.“
Seite 24

Vielleicht wäre das die richtige Lesart dieses Buches: Jeden Tag mit einem anderen Interviewpartner im imaginären Café sitzen, über Schnelligkeit und Entschleunigung, über Qualität oder über Wachstum und Klimaschutz reden. Mit der Frau Gexi Tostmann würde ich meinen Espresso eigentlich am liebsten trinken, das Gespräch mit Marko Riebler und ihr dauerte drei Stunden. Nur, damit Sie, liebe LeserInnen den richtigen Eindruck gewinnen: Schnell geht da gar nix. Und genau das macht das Lese- und Denkvergnügen aus. Noch einen Espresso bitte!

Der Autor Marco Riebler

Journalist und Fotograf, Studium der Kommunikationswissenschaft, Qualitätsjournalismus und General Management.

Marco Riebler
Gespräche im Kaffeehaus
160 Seiten

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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