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Mann, das ist ein Abenteuer! <br>Der Apfel fällt nicht weit vom Kamm

Was meine Frisur und das musikalische Interesse meiner Tochter miteinander zu tun haben.

Papa, du musst dich wieder einmal frisieren!“, ermahnte mich meine vierjährige Tochter vor nicht allzu langer Zeit. Ideen hat das Kind. Schon vor über zwanzig Jahren hat mich ein Musikerkollege bei einer Fernsehaufnahme eines Konzerts vor versammeltem Orchester aufgefordert, meine Frisur in öffentlichkeitstaugliche Form zu bringen. Worauf der Dirigent nüchtern konterte: „Da kennt ihn ja keiner mehr!“ Ich kann mich ehrlich gesagt selbst nicht mehr daran erinnern, wann mein Letztkontakt mit einem Kamm war. Irgendwie muss meiner Erstgeborenen aufgefallen sein, dass so eine Frisur nicht „normal“ ist. Vor wenigen Tagen eröffnete sie mir: „Wenn ich groß bin, werde ich ein Mann und dann werde ich Dirigent.“ Die Frisurenansage fand ich noch witzig, aber ihr Selbstverständnis, dass nur Männer Orchester leiten, gab mir doch zu denken. Insofern wir Eltern selbst wenig traditionelles Rollenverständnis leben. Sie hat es beobachtet. Das Kind liebt Konzerte und will in jedes mit. Kein Wunder, ihr Musikervater – ich meine mich – hat sie von Geburt an zu jedem Kunstereignis mitgenommen. Von „kindgerecht“ halte ich ohnehin nicht viel, außer hinsichtlich der Dosierung. Aber auch dahingehend lehrte mich meine Tochter anderes. Nach einem zweieinhalbstündigen Vormittagskonzert, bei dem unter anderem Schuberts riesengroße C-Dur-Sinfonie gespielt worden war, waren wir Mittagessen. Danach fragte mein Kind, ob wir jetzt wieder ins Konzert gehen würden.

Schuberts große Sinfonie hat übrigens niemand geringerer als Robert Schumann nach der Uraufführung 1839 in Leipzig durch Felix Mendelssohn Bartholdy „himmlische Längen“ attestiert. Sie merken schon, ich bin unfrisiert vom Fach. Ich selbst habe schon im zarten Alter von acht Jahren Tag und Nacht die „Vierte“ von Anton Bruckner gehört. Zugegeben, ich bin auch ein Musikerkind. Es war normal, auch wenn es mich aus heutiger Sicht eher beunruhigen würde, wenn ein Achtjähriger nur noch Bruckner hörte. Was ist schon normal und was verstehen wir Großen unter „kindgerecht“? Kinder haben ein untrügliches Gespür für Qualität, Intensität und Authentizität. Sie verstehen oft viel mehr von den Geheimnissen großer Kunstwerke als wir Erwachsenen! Dies weiß ich auch aus jahrzehntelanger Lehrererfahrung. Und doch wünsche ich mir, dass es eines Tages ganz normal ist, wenn Frauen dirigieren. Meine Unterstützung hat meine Tochter, aber auch wenn sie Profifußballerin, Friseurin oder Lokführerin werden will.

Norbert Trawöger ist Vater zweier Töchter, Musiker, Kepler-Salon-­Intendant und leitet die Dramaturgie und Kommunikation des Bruckner Orchester Linz.

Erschienen in „Welt der Frauen“ 03/18