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Mama im Patchwork

Patchworkfamilien stellen viele Anforderungen – vor allem an Frauen. Wer nicht zu schnell zur „Ersatzmutter“ wird, hat jedoch gute Chancen, glücklich zu werden.

Als Sabine Felgitsch ihren zweiten Mann Hannes kennenlernte, ­hatte sie nicht geplant, eine Beziehung einzugehen. Eben geschieden von ihrem ersten Mann, hatte sie sich bereits mit der Rolle der Alleinerzieherin angefreundet. Doch dann passierte es einfach, die beiden Erwachsenen verliebten sich, aus zwei Alleinerziehern wurde rasch eine Patchworkfamilie mit abwechselnd zwei bis vier Kindern. ­Felgitsch wurde zur Wochenend-Stiefmutter, wenn die Kinder ihres Mannes alle 14 Tage zu Besuch kamen. Ganz selbstverständlich wickelte sie den kleinen Lukas, tröstete Sophie über größere und kleinere Missgeschicke hinweg, holte die Kinder bei ­Hannes’ Exfrau ab, wenn er noch in der Arbeit war, und kochte für alle. Das Bild der neuen „perfekten“ Familie schien geglückt – und doch spürte Sabine ­Felgitsch, dass etwas nicht passte. So erfüllend die gemeinsamen Wochenenden waren, so sehr zehrten sie auch an ihren Kräften. Und: Wollte Lukas einen neuen Sport beginnen, wurde sie nicht gefragt. „Ich empfand meine Rolle bald als sehr undankbar“, sagt Felgitsch im Rückblick. Sie begann sich ausgeschlossen und fremdbestimmt zu fühlen.

ACHTUNG, MUTTERFALLE!
Was ihr passierte, sei kein Einzelfall, weiß die Familientherapeutin Katharina ­Grünewald aus Köln, selbst Mutter von zwei bis vier Kindern in einer Patchworkfamilie. „Viele Frauen stürzen sich euphorisch in die neue Rolle“, sagt Grünewald, „und tappen da in die Mutterfalle.“ Aus Mangel an anderen Rollenvorbildern würden neu hinzukommende Partnerinnen ganz automatisch zu Ersatzmüttern – eine Rolle, die häufig gar nicht passe, wie die Therapeutin meint. Patchworkfamilien organisieren sich oft schnell nach dem Muster „klassischer“ Familien. Der Vater tritt zurück und überlässt der Stiefmutter das Feld – sprich die Sorge für Kinder und Haushalt. „Die Gründung von Zweitfamilien nach Wiederheirat – sogenannten Stieffamilien – ist heute gang und gäbe, deren neue, andere Normalität und ihre Eigentümlichkeit wird jedoch wenig zur Kenntnis genommen“, schreibt auch die Autorin Hildegard Ewering und fügt hinzu: „Tradition und Kultur übermitteln im Fall der Stiefmutter, wenn man von dem negativen Bild der ‚bösen Stiefmutter‘ einmal absieht, keine klaren Vorstellungen von Stiefmutterschaft.“ Eine Stiefmutter kann also theoretisch alles sein – von der Ersatzmutter bis zur bloßen Freundin
des Vaters.

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Sabine Felgitsch

Abschied vom Muttermythos

Die Patchworkfamilie Felgitsch hat ihren eigenen Weg gefunden – keine leichte Aufgabe mit einem klassischen Familienbild im Kopf.

Im südsteirischen St. Margarethen an der Raab bietet Familie Felgitsch ein ungewohntes Bild. Sabine Felgitsch (44) und ihr Mann Hannes (57) leben hier mit drei ihrer fünf Kinder in einem frisch renovierten Gründerzeithaus mitten im Ort. Begonnen hat alles sehr romantisch. Vor zehn Jahren lernten sich Sabine Felgitsch, frisch geschieden, Mutter von Alexander (damals 6 Jahre) und Lukas (damals 4,5 Jahre), und ihr zukünftiger Mann bei der Eröffnung eines Fotostudios kennen. Auch Hannes war eben erst getrennt und Vater eines zwölf Monate alten Sohnes und einer sechsjährigen Tochter. Schnell entstand eine innige Bindung. „Zu schnell“, wie Felgitsch heute meint. „Ich überging meinen eigenen Schmerz und funktionierte sofort in der Rolle der Ersatzmutter.“ Schon nach wenigen Wochen schmückten Fotos von gemeinsamen Ausflügen die Wände – die „Illusion“ der perfekten neuen Familie wuchs. Umso härter traf es Felgitsch, als die ersten Schwierigkeiten auftauchten. Nicht alle Nachbarn auf dem Land hießen den bunten „Familienhaufen“ gut. Und mit der Familie gleich sieben Leute einzuladen – Sabine und Hannes Felgitsch hatten mittlerweile auch ein gemeinsames Kind –, das war vielen einfach zu kompliziert. Gleichzeitig war es schwer, die vielen Kinder für einen gemeinsamen Ausflug am Wochenende ins Auto zu packen. Die heile Welt bröckelte. Nicht selten endeten die Sonntagabende mit Vorwürfen und Streit. Dass die Beziehung hielt und die Familie weiter zusammenwuchs, schreibt Sabine Felgitsch heute vor allem zwei Faktoren zu: „Mein Mann machte aus seiner früheren Wohnung eine Art Rückzugshöhle für uns beide in kinderfreien Zeiten“, sagt sie. Und: Das Paar begann gemeinsam eine Beraterausbildung in Deutschland. Einmal im Monat bot die zehnstündige Autofahrt Gelegenheit, zu reden, zu streiten, zu weinen und zu lachen. Dabei entstand auch die Idee zum eigenen Bühnenprogramm „Liebe. Ehe. Liebe Ehe?“ „Wir haben mit unseren Familienidealen aufgeräumt“, sagt Felgitsch im Rückblick. Statt aufwendige Ausflüge zu unternehmen, verbringt man die Wochenenden daheim; Urlaube finden immer im selben Ferienhaus in Dänemark, im Familienhotel in Italien oder einfach zu Hause statt. „Es tut uns und den Kindern einfach gut, am Wochenende genug Zeit zu haben, um uns zu beschnuppern – ohne Druck und ohne Erwartungen“, sagt Felgitsch und wirkt dabei tatsächlich ganz entspannt.

Sabine Felgitsch und ihr Mann Hannes „patchworken“ mit fünf Kindern.
Katharina Middendorf

Den Umgang mit den Abschieden finden

Für Katharina Middendorf bedeutet Patchworkfamilie das Leben in unterschiedlichen Konstellationen, die sich alle anders anfühlen und immer auch eine Änderung des eigenen Rollenbildes mit sich bringen.

In einer Woche geht es nach Indien. Katharina Middendorf (39), ihre beiden Töchter Lea (8) und Naya (5) aus erster Ehe, ihr Partner Ralf Sturm (49) und seine Tochter Tara (8) freuen sich schon, mit von der Partie ist auch der gemeinsame Sohn des Paares, Nandi (10 Monate). Sind alle zusammen, sei alles gut, sagt Middendorf, die mit ihrem zweiten Mann 2013 eine Patchworkfamilie gegründet hat. Middendorf hatte eben ihren ersten Mann Julian durch eine Krebserkrankung verloren, als sie Ralf Sturm beim Yoga kennenlernte. Auch er war erst seit Kurzem allein und Vater einer dreijährigen Tochter. Als er zu ihr nach Berlin übersiedelte, blieb seine Tochter bei ihrer Mutter in NordrheinWestfalen. „Wir hätten sie sehr gerne bei uns gehabt“, sagt Middendorf; gleichzeitig wollte man die Tochter nicht aus dem gewohnten Familiensystem bei der Mutter reißen. Heute pendelt Tara alle 14 Tage nach Berlin, und es ist ihr Kommen und Gehen, das die Situation schwierig macht. „Je länger wir alle zusammen sind, desto mehr klärt sich auch meine Rolle“, sagt Middendorf. Gerade dann sei ein neuerlicher Abschied besonders schwer. „Manchmal müssen wir uns zusammensetzen und Kuchen essen, wenn wir wieder weniger sind, um es auszuhalten“, sagt sie. Rituale und ein kreativer Umgang mit dem Trennungsschmerz hätten ihnen geholfen – Tara tritt ihre Zugreise heute mit einem selbst gestalteten Rucksack mit der Aufschrift „Tara on tour“ an.

Katharina Middendorf lebt mit ihrem Partner in einer Patchworkfamilie mit vier Kindern.

„Wem schenkst du mehr Zeit?“

Die Psychotherapeutin und Gründerin des Kompetenzzentrums „FamilieNeu“ in Wien, Corina Ahlers, hat viel zum Thema „Patchworkfamilien“ geforscht. Dabei ist sie auf interessante Unterschiede zwischen „Wandervätern“ und „Zweitmüttern“ gestoßen.

Moderne Begriffe wie „Zweitmutter“ oder „Bonusmutter“ haben sich bisher nicht durchgesetzt. Passt die Bezeichnung „Stiefmutter“ noch?
Corina Ahlers: Ich vermeide die Bezeichnung, da sie aufgrund ihrer „Märchenvergangenheit“ extrem belegt ist. Außerdem ist die Situation heute eine ganz andere als zu der Zeit, in der der Begriff geprägt wurde. Früher heirateten vor allem Witwer ein zweites Mal, um den Kindern die verstorbene Mutter zu ersetzen. In den heutigen Patchworksystemen gibt es aber bereits eine Mutter, sodass die hinzukommende Frau diese nicht ersetzen soll.

Müssen sich Stiefmütter und ihre Stiefkinder gut verstehen?
Eine Beziehung wird à la longue schwierig werden, wenn man die Kinder des Partners ablehnt. Akzeptanz und Respekt füreinander sind unabdingbar. So mancher Mann gibt zwar seine Kinder für eine neue Partnerin auf, aber das ist natürlich furchtbar.

Gibt es Unterschiede zwischen der Rolle des Stiefvaters und der der Stiefmutter?
Ja, und ich würde sogar sagen: Es ist viel schwieriger, eine zweite Mutter oder Nebenmutter zu sein als ein zweiter Vater. Das hat mit der Übermächtigkeit des Muttermythos zu tun. In unserer Kultur ist die Idee bestimmend, dass es immer nur eine Mutter geben kann. Jede Frau, die neu in ein Familiensystem dazukommt, muss also sehr aufpassen, sich nicht zu sehr in den Vordergrund zu drängen. „Wanderväter“ sind viel eher geduldet. Es wird leichter akzeptiert, dass Männer ihre Vaterrolle temporär ausüben, sie verbringen zum Beispiel oft mehr Zeit in der Arbeit. Ich habe auch noch nie ein Kind sagen hören: „Gut, dass sie [die zweite Frau] da war. Sie war besser als meine Mutter.“ Das wäre komplett tabu.

Stiefmütter scheinen sich oft benachteiligt oder zurückgesetzt zu fühlen – wie kann man umgehen mit der Eifersucht?
Zweite Frauen nehmen vor allem Töchter ihres Mannes aus einer früheren Beziehung leicht als Konkurrenz wahr. Hier steht schnell die Frage im Raum: „Wem schenkst du mehr Zeit?“ Diese Frage kann begründet sein. Ich erlebe auch immer wieder, dass Männer, die viel arbeiten, sich eine neue Freundin suchen, die dann auf ihre Kinder aufpasst. In dem Fall setzen sich einfach die normalen Rollenbilder fort, und die Zweitmutter wird zur Ersatzpädagogin. Natürlich muss der Mann seiner Partnerin auch etwas bieten. Ein wirklich gutes Mittel gegen die Eifersucht für Frauen selbst ist es, bewusst Aktivitäten mit dem Kind alleine zu planen. So kann ein eigenes Band entstehen, und die Eifersucht hört zumeist auf.

Corina Ahlers meint, die Position der zweiten Mutter sei schwieriger als die des zweiten Vaters. „Das hat mit dem übermächtigen Mutter­mythos zu tun.“
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Erschienen in „Welt der Frauen“ 03/18