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Märchenstunde

Wenn ich nicht mehr weiterweiß, frage ich mich, welches Märchen gerade passt. Was Corona angeht, habe ich zwei hilfreiche Märchen gefunden.

Wollen wir uns die heutige Abendstunde zur Märchenstunde machen? Ich finde, das passt gut. Denn vieles, von dem, was gerade passiert, ist mit dem Verstand kaum zu fassen. Märchen sind unserem Verstand einen Schritt voraus. Oder hinterher. Was, wenn es ums Verstehen von komplexen Dingen geht, auf das gleiche hinausläuft.

Ich habe darüber nachgedacht, welche Märchen mir derzeit etwas sagen. Zwei sind mir eingefallen: Aschenputtel und Rumpelstilzchen. Das erste hilft mir, wenn ich mich frage, ob Corona denn nun gut oder schlecht ist. Das zweite Märchen nährt mein Vertrauen.

Bei der Frage nach Gut oder Schlecht helfen im Märchen die Mütter: Die Stiefmutter ist böse und gefährlich. Die liebe (meistens tote) Mutter wirkt Wunder, aus dem Grab, aus dem Himmel oder aus dem Haselstrauch heraus. Derzeit fühle ich mich so: Ich bin Aschenputtel. Corona ist die Stiefmutter, die mir fast alles verbietet. Wie Aschenputtel protestiere ich nicht. Ich füge mich, folge brav, erledige meine Aufgaben und gehe nicht raus. Aber es gibt da etwas, das mir hilft. Bei dem, was mir wirklich wichtig ist, darf ich auf wundersame Fügungen vertrauen. Aufgaben, die unmöglich schienen, gelingen auf einmal, Schlechtes sortiert sich vom Guten, immer wieder tanze ich und fühle mich frei. Es gibt nicht nur das Böse. Es gibt auch das Gute. Coronas Schwester, Schwägerin, Schattengefährtin.

Noch kehre ich in die Schwere zurück, wenn eine Glocke mich mahnt. Aber ich glaube, das Glück sucht mich schon. Es wird mich finden. Und wenn es kommt, wird es einen Schuh bei sich tragen. Einen, der mir ganz sicher passt.

Anders als bei Aschenputtel gibt es im Märchen vom Rumpelstilzchen zwar keine Mütter, aber dafür (wenn man den prahlerischen Vater einmal beiseitelässt) gleich zwei böse Figuren: den König und das Rumpelstilzchen selbst. Der König verlangt Unmögliches, zuerst viel und dann jeden Tag noch mehr. Rumpelstilzchen hilft, aber die Hilfe hat einen hohen Preis. Corona: der unbarmherzige König. Unsere Regierung: das zwiespältige Rumpelstilzchen. Wer erlöst die Müllerin? Die unscheinbarste Figur von allen: der Diener. Er reitet umher, schaut sich um, sperrt die Ohren auf und hört nachts, am Feuer, den Namen, um den es geht.

In mir gibt es viele Reiter, die mir wohlgesonnen sind. Sie kommen, wenn ich verzweifelt bin. Sie sagen mir, worum es wirklich geht. Sie arbeiten nachts und kommen am Morgen zu mir. Die Lösungen, die sie mir verraten, sind nicht logisch, sondern meistens Geschenke des Zufalls. Ich weiß, dass ich mich auf meine Reiter verlassen kann. Und dass am Ende alles gut ausgehen wird.

Barbara Pachl-Eberhart

lässt sich gerne von Geschichten inspirieren, am liebsten von Geschichten für Kinder. Vor dem Einschlafen denkt sie noch gerne an das Gefühl, das man hat, wenn das Denken zur Ruhe kommt.
www.barbara-pachl-eberhart.at

Foto: Alexandra Grill

Foto: Adobe Stock

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