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Madam C.J. Walker: Von der Wäscherin zur Millionärin

Madam C.J. Walker wurde als Tochter von Sklaven geboren und starb als eine der reichsten Unternehmerinnen ihrer Zeit. Ihre Pflegeprodukte für schwarze Frauen waren für viele von ihnen nicht nur Schönheitsgeheimnis, sondern auch Schlüssel zur finanziellen Unabhängigkeit.

Madam C.J. Walker applaudiert. Sie sitzt in der Ecke eines großen, festlich geschmückten Saals, umgeben von hunderten Geschäftsmännern. Es ist Frühling 1912, und die National Negro Business League hält gerade ihr jährliches Treffen ab.

Der Verbund will schwarze Geschäftsleute in den USA nach vorne bringen. Ein Mann nach dem anderen erklimmt das Podium und berichtet von seinen Erfolgen. Madam C.J. Walker hat man nicht erlaubt zu sprechen, aber davon lässt sie sich nicht abhalten.

Als der Applaus verebbt ist, steht sie auf, streicht ihren Rock glatt und räuspert sich. „Ich bin eine Frau, die von den Baumwollfeldern des Südens stammt“, sagt sie dann mit fester Stimme. Hunderte Augenpaare richten sich auf sie.

Von dort wurde ich zur Waschwanne befördert. Von dort wurde ich zur Küche befördert. Und von dort beförderte ich mich selbst zur Geschäftsführerin eines Unternehmens, das Haarprodukte und Präparate herstellt. Ich habe meine eigene Fabrik auf meinem eigenen Land gebaut.

Kurz ist es ruhig im Saal. Dann, langsam, applaudiert man auch ihr.

Kind der Freiheit

Im Dezember 1867 kommt auf einer Plantage im US-Bundesstaat Louisiana ein Mädchen namens Sarah Breedlove zur Welt. Ihre Eltern und fünf älteren Geschwister waren Sklaven, doch Sarah wird als erstes Kind ihrer Familie in die Freiheit geboren.

Sie verliert ihre Eltern früh und muss schon als kleines Mädchen als Haushaltshilfe arbeiten. Eine Zeit lang wohnt sie bei ihrer älteren Schwester, doch deren Mann ist gewalttätig. Um ihm zu entkommen, heiratet sie mit vierzehn Jahren. Als wenig später auch ihr Mann stirbt, steht Sarah steht als jugendliche Witwe mit ihrer kleinen Tochter allein da.

In St. Louis findet sie Arbeit als Wäscherin. Für weniger als einen Dollar pro Tag schrubbt sie sich die Hände wund, um ihrer Tochter eine Ausbildung zu ermöglichen. Es ist ein kräftezehrender Job, und Hunger, Kälte und fehlendes Fließwasser tun ihr übriges. Sarah verliert ihr Haar.

Damit ist sie nicht alleine: Für schwarze Frauen gibt es damals keine Haarpflegeprodukte. Aus der Not heraus waschen viele ihr Haar mit der gleichen harschen Lauge wie die Wäsche. Dabei hat Haar in der schwarzen Community traditionell einen besonders hohen Stellenwert, und der Verlust schmerzt sehr.

Experimente in der Küche

Doch alle das ändert sich, als eine Frau namens Annie Turnbo Malone an Sarahs Türe klopft. Sie verkauft Fläschchen eines Haarpflegemittels, das sie selbst entwickelt hat. Sarah probiert es aus, und ihr Haar wächst nach. Von da an verkauft sie die Produkte als Vertreterin.

Bald drängen sich täglich Frauen um sie, die die Döschen und Fläschchen aufkaufen. Sarah beginnt, selbst in ihrer Küche zu experimentieren und Shampoos, Pomaden und Tinkturen herzustellen. Ihre Chefin wirft ihr fälschlich vor, ihre Rezepte gestohlen zu haben, und die beiden Frauen zerstreiten sich. Von da an beschließt Sarah, nur noch für sich selbst arbeiten.

1906 heiratet sie den Zeitungsvertreter Charles Joseph Walker, genannt C.J., stellt seinem Namen das mondäne „Madam“ voran und baut fortan unter diesem Namen ihre Marke auf. Von da an reist sie unermüdlich mit Mann und Tochter durch die USA, verkauft ihre Produkte, gründet Schönheitssalons und eine Schule für Friseurinnen.

Sie entwickelt verschiedenste Produkte und ein eigenes Haarpflegesystem. Die Blechdosen voll Pomade, auf deren Deckel ihr eigenes Porträt gedruckt ist, werden bald legendär.

Fördererin junger Frauen

Als sich der Erfolg einstellt, vergisst Madam C.J. Walker nicht, wie ihre eigene Karriere begonnen hat. Sie gibt jungen schwarzen Frauen die Möglichkeit, ihr eigenes Geld zu verdienen, indem sie sie zu Verkäuferinnen ausbildet.

Etwa 20.000 Frauen durchlaufen ihre Schule und verkaufen anschließend als „Walker Girls“ in schwarz-weißen Uniformen ihre Produkte in den Vereinigten Staaten und der Karibik. Madam, wie sie kurz genannt wird, ermutigt sie dazu, eigene Unternehmen aufzubauen und als Verkäuferinnen oder Friseurinnen Karriere zu machen.

Mit Mitte vierzig wird Madam C.J. Walker eine der ersten schwarzen Millionärinnen. Ein berühmtes Foto aus dieser Zeit zeigt sie mit einem eleganten Hut am Steuer ihres Automobils, einige Freundinnen auf der Rückbank.

Je mehr Geld sie hat, desto mehr davon spendet sie: Sie setzt sich für die Rechte von AfroamerikanerInnen ein, spendet an die NAACP, Waisenhäuser, Kirchen und Künstler. In ihrem Testament verfügt sie, dass zwei Drittel der künftigen Profite ihrer Firma für wohltätige Zwecke gespendet werden sollen.

Im Mai 1919 verstirbt Madam C.J. Walker mit nur einundfünfzig Jahren an Nierenversagen. In ihrem Namen werden bis heute dutzende Preise und Stipendien vergeben.

Ricarda OpisRicarda Opis

wurde 1996 in Graz geboren und studierte ebendort Journalismus und Public Relations (PR). Sie erzählt am liebsten die Geschichten von Frauen und Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Für diese Serie verbindet sie ihre beiden größten Leidenschaften, indem sie die Geschichten großer Frauen nicht nur erzählt, sondern auch bebildert. Wenn sie nicht gerade schreibt oder zeichnet, begeistert sie sich für alles, was sonst noch kreativ ist, und die Geschichte, Kulturen und Politik des Nahen Ostens.

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