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Macht das Virtuelle uns plemplem?

Mehr denn je tummeln sich Menschen im Internet. Um dort aufzufallen, denken sie sich immer Extremeres aus. Doch was macht das mit ihnen – und mit uns allen?

Eine der vermeintlich spaßigsten Aktionen dieses Sommers war, Kühe auf der Alm zu erschrecken. Das wäre an sich schon so kindisch wie gefährlich, wenn es nicht noch einem anderen Zweck diente: sich dabei selbst zu filmen oder sich von anderen filmen zu lassen, den ganzen haarsträubenden Blödsinn in die Kanäle der sogenannten sozialen Medien zu expedieren und dafür Applaus zu bekommen. Solches Verhalten legt den Verdacht nahe, dass die kleinen rechteckigen Geräte manche Menschen intelligenzmäßig etwas einschränken.

War man früher stolz, ein Kulturerbe der Menschheit mit dem Fotoapparat gebannt zu haben, reicht seit Erfindung der Selfies die Selbstdarstellung. Sofern man diese überhaupt als „Kultur“ bezeichnen kann. Meistens ist es banaler Unsinn, mit dem sich Jung und Alt als Stars im weltweiten Netz versuchen. Das Phänomen ist als Massensport aber doch überraschend. Es wirkt leicht infantil, wenn ich mir diese abschätzige Bemerkung erlauben darf, und erinnert an kleine Kinder, die immer wieder von den Eltern hören wollen, wie großartig sie seien.

Diese neuen Formen des sozialen Lebens und ihre Verlagerung in die diversen Foren haben Folgen. Hat man sich früher in seinem Milieu leibhaftig und angreifbar bewegt, kurvt man heute in seiner virtuellen Blase. Im Gegensatz zum persönlichen Kontakt fehlt dort womöglich das Korrektiv. Einerseits, weil man die anderen nicht sinnlich spürt und daher auch nicht merkt, wenn man beispielsweise jemandem auf die Nerven geht. Andererseits, weil auch die Verbindlichkeit des Gebens und Nehmens schwindet. Was zur Folge hat, dass einen die anderen immer weniger interessieren, es sei denn als Applaudierende.

Eine Studie des IMAS-Instituts vom Juli 2020 legt den Schluss nahe, dass die Hilfsbereitschaft gegenüber anderen Menschen sinkt. Das, was man Zivilcourage nennt, also der Mut, sich spontan für einen Fremden zu engagieren, der in Not ist, werde weniger, konstatieren die MeinungsforscherInnen. Als Grund, warum sie lieber wegschauen oder vorbeigehen, geben die Befragten an, dass ihnen andere egal seien. „Außer sie dienen dazu, gutes Filmmaterial zu liefern“, ist man versucht einzuwerfen. Wir erinnern uns an die abstoßenden Fälle, bei denen PassantInnen sich mit Unfallopfern filmten. Wie immer verbieten sich pauschale Urteile. Doch sind es nicht Tendenzen, die sich zeigen?

Beim Morgenspaziergang mit meinem kleinen Hund komme ich immer am Zugang zu einer Kinderkrippe vorbei. Die kleinen Stöpsel interessieren sich in der Regel lebhaft, aber auch mit vorsichtiger Scheu für den „Wauwau“. Ein kleines Mädchen, das mir dabei schon aufgefallen war, saß neulich unbeweglich in seinem Maxi-Cosi im Auto, als ich mit dem Hund an ihr vorbeispazierte. Seine Mama wollte es zum Aussteigen bewegen, doch weder gutes Zureden noch der sonst so attraktive Vierbeiner lösten eine Reaktion aus. Des Rätsels Lösung: Die Dreijährige hatte ein Kinderhandy oder ein ähnliches Spielzeug in der Hand und wandte keinen Blick vom leuchtenden Bildschirm ab.

Welchen Schluss kann man daraus ziehen? Mein erster Impuls wäre, nicht nur ein Alterslimit bei Kindern für Smartphones und Internet einzuführen, sondern auch reglementierte Nutzungszeiten für Erwachsene, damit sie die Welt auch noch anders wahrnehmen. Natürlich ist das weder möglich noch zulässig. Bleibt die Eigenverantwortung. Wir wissen wenig darüber, welche Auswirkungen frühzeitige und übermäßige Nutzung elektronischer Geräte auf die Entwicklung des kindlichen Gehirns hat. Auch bei Erwachsenen sind mögliche negative Folgen noch nicht abschließend erforscht. Es könnte sein, dass uns das eindimensionale Leben abstumpft und gleichgültig macht und unsere Sinne verkümmern. Unsere Sinnlichkeit jedenfalls nimmt Schaden, und bei manchen leidet scheinbar auch der Verstand.

Christine HaidenChristine Haiden fragt sich, ob die Prophezeiung des US-amerikanischen Medien­wissenschaftlers Neil Postman zutrifft, dass wir uns eines Tages „zu Tode amüsieren“.

Hauptsache, amüsiert?

In den 1980er-Jahren war die Frage „Amüsieren wir uns zu Tode?“ all­gegen­wärtig. Der gleichnamige Titel eines viel gelesenen Buches von Neil Postman bezog sich auf die Fernseh-Unterhaltungs­industrie. Seine These war, das Fernsehen mache aus uns ungebildete, schlecht informierte KonsumentInnen, die zu keinem ernsthaften öffentlichen Gespräch mehr fähig seien. Zu schnell, zu seicht sei, was unter dem Primat, es müsse auch unterhalten, über die Bildschirme flackere. Inzwischen sind wir mehrere Schritte weiter. Die internetbasierten Medien sind noch schneller, noch knapper, noch mehr bildorientiert als die alten Medien. Zudem nehmen sie die von NutzerInnen gewonnenen Daten zur Grundlage, um „Communitys“ zu bilden. Das heißt, wir bewegen uns vor allem dort, wo man unsere Interessen vermutet. Das leert bisherige „öffentliche Plätze“. Dazu zählen Gasthäuser, Kirchen, aber auch Vereine oder Parteien, die sich real und nicht nur „im Netz“ austauschen. Welche Auswirkungen das für eine „gemeinsame gesellschaftliche Basis“ hat, ist offen.

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