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Machen wir uns selbst einsam?

Wer über keine elektronische Nabelschnur verfügt, scheint zunehmend abgeschnitten vom sozialen Leben unserer Zeit. Messen wir der persönlichen Begegnung zu wenig Wert bei?

Hermann ist ein großer Anbahner von Beziehungen.

Wenn ich mit meinem kleinen Hund in meinem Wohnort unterwegs bin, treffe ich fast immer jemanden, mit dem sich ein kurzer Plausch ergibt. Ich bin das seit meiner Kindheit so gewöhnt. Wenn man sich begegnet, grüßt man zuerst einmal, und dann sucht man den „Small Talk“. Wetter, Tiere, Jahreszeit, irgendwas geht immer, bis man einander einen guten Tag wünscht und wieder seiner Wege geht.

Oft reichen diese kleinen absichtslosen Gespräche, um ein gutes Gefühl von Verbundenheit zu erzeugen. Beim nächsten Treffen kann man schon anknüpfen, und ein feines Netzwerk entsteht. Mir liegt dran, dass diese Form des Miteinander-bekannt-Werdens nicht abkommt. Deswegen grüße ich jede und jeden, die oder der mir begegnet. Manche schauen mich überrascht an, Kinder hauchen meist ein „Hallo“, und andere gehen einfach gesenkten Hauptes – oft sind die Ohren auch verstöpselt – an mir vorbei.

Kürzlich machte ich bei einem meiner Hermann-Ausgänge die Bekanntschaft eines Nachbarn, der mir bislang unbekannt geblieben war. Vermittelt über den Hund kamen wir auf dies und das zu sprechen. Und dann beklagte der Mann sich, dass in das Haus gegenüber junge Menschen eingezogen seien, die es nicht der Mühe wert fänden, sich bei den Nachbarn vorzustellen. Das sei doch früher ganz selbstverständlich gewesen – wie man einander auch geholfen habe, wenn es nötig war.

Die Kultur des Miteinanders verändert sich. Auch in vielen Landgemeinden verhält man sich heute wie in städtischen Räumen. Man grüßt nur jene, die man kennt, und man trifft sich nur mit solchen, die man selbst ausgesucht hat.

Das bringt auch Vorteile.

Die kleinen Gemeinschaften in Orten früherer Zeiten hatten manchmal etwas Zwanghaftes. Die unangekündigten Besuche von NachbarInnen und Verwandten, die ich in meinem Heimatdorf oft erlebt habe, konnten auch wirklich zur Unzeit sein und mussten trotzdem mit Höflichkeit ertragen werden. Was aber ist der Preis der größeren Auswahl an Verhaltensmöglichkeiten?

Die Coronakrise hat ein Schlagwort besonders grell beleuchtet: Einsamkeit. Vor allem ältere Menschen und solche, die nicht mittels digitaler Medien ihre Kontakte pflegen, fühlten sich plötzlich sehr allein. Klar, es war im ersten Lockdown gar nicht erwünscht, direkten Kontakt zu „Risikogruppen“ zu suchen. Aber mir scheint doch mehr dahinterzustecken. Und zwar die Frage, ob wir noch offen sind für die zufälligen Begegnungen, ob wir den unverbindlichen, freundlichen Austausch noch schätzen. Dass man in Geschäften einfach zwischendurch oder an der Kassa noch ein paar Worte wechselt, kommt kaum mehr vor, weil es überall schnell gehen muss. Nachbarinnen und Nachbarn zufällig auf der Straße zu treffen, ist fast ein Glücksfall, weil man von den meisten nur die Rücklichter ihrer Autos bei der Einfahrt in die Garage sieht. Coronabedingt fallen auch alle offiziell organisierten Straßenfeste, Pfarrveranstaltungen, Vereinsauftritte und andere Gelegenheiten weg, unverbindlich mit anderen in Kontakt zu kommen.

Was könnte die Lösung sein?

Nicht dass ich jeder und jedem einen kleinen Hermann nahelegen wollte, aber ein Spaziergang pro Tag durch die Siedlung in der unmittelbaren Umgebung könnte ein Anfang sein. Alle, die auch des Weges sind, mit Augenkontakt und verbal zu grüßen, drängt sich als zweiter Schritt fast auf. Wird man freundlich zurückgegrüßt, könnte eine Frage folgen. Und schon geht das eine in das andere über.

In den vergangenen Tagen habe ich auf diesem Weg von einem zehnjährigen Mädchen erfahren, in welche weiterführende Schule sie nächstes Jahr gehen möchte. Ein Musiklehrer hat mir begeistert von einer Schülerin erzählt, die eine Solistenstelle in einem Orchester bekommen hat. Und ein älterer Herr grüßt neuerdings meinen Hund mit dem Kommentar „Noch ein Hermann!“. Mich freut das alles ungemein. Ich nenne die Spaziergänge meine Einsamkeitsprävention – und möchte sie gerne weiterempfehlen.

 

Christine Haiden ist auf dem Land aufgewachsen. Den schnellen Plausch mit Menschen, denen man begegnet, ist sie aus dieser Zeit gewöhnt.

Ältere öfter einsam

Einsamkeit wird als das Erleben von Bezugslosigkeit definiert. Man fühlt sich nicht mehr wahrgenommen und nirgends zugehörig. Der Anteil jener Menschen über 60, die sich täglich einsam fühlen, hat zugenommen. Das ergeben die Vergleichswerte einer repräsentativen Umfrage des IMAS-Instituts im Auftrag des Seniorenbunds Oberösterreich.

Die Coronakrise habe diesen Effekt verstärkt. Drei Viertel der Befragten sehnten sich nach mehr Kontakt. Vor allem Stadtbewohnerinnen und -bewohner, Männer und höher Betagte wünschen sich mehr als alle anderen jemand zum Reden und zum Austausch. In einer deutschen Studie geben über 20 Prozent der Menschen an, dauerhaft einsam zu sein. In Großbritannien gibt es ein eigenes „Ministerium für Einsamkeit“. Es soll dem zunehmenden Problem der Vereinzelung entgegenwirken.

Einsamkeit gilt auch als Ursache psychischer Erkrankungen. Sie trifft auch jüngere Menschen, die ihre ganze Energie in den Beruf investieren oder zu sehr an soziale Medien gebunden sind und den Echtkontakt zu anderen verlieren.

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