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Buchempfehlung: „Gesammelte Werke“

„Gesammelte Werke“ ist Familiengeschichte sowie Künstler- und Entwicklungsroman in einem, der viele verschiedene Themen, die sich alle um den Schwerpunkt Literatur, das Schreiben, Übersetzen, Verlegen und das Lesen, rundum die Hingabe am Schöpferischen kreisen, vereint.

Manchmal hören sie noch Cecilias Stimme

Cecilia, grandiose Übersetzerin, vielleicht auch Autorin, Mutter von Rakel und Elis, Ehefrau des Göteborger Verlegers Martin, ist die Leerstelle, die Person, um die sich die Geschichte dreht: Aber dezent, nicht als Kriminalroman, sondern als die, die einfach ging, alles zurückließ, verschwand. Dazwischen bietet der Roman seitenweise gepflegten Alltag zwischen Spaghetti und neuen Romanen. Dass Martin seine wilde, freie Jugend auch aufgrund seines Elternhauses zu neuen Sphären aufbrechend erleben konnte, kommt deutlich zum Ausdruck.

Martin, heute angesehener Verleger in Göteborg, lernt Gustav in der Oberstufe kennen: Die beiden schwänzen häufig, Gustav malt, Martin arbeitet an seinen Texten, das Bier geht nie aus. Manchmal trinken und rauschen die beiden auch Härteres, versinken in ihren Gesprächen. Martins Elternhaus, Mutter Bibliothekarin, Vater früher Seemann, jetzt Druckereiarbeiter, lässt ihm Freiheiten; das reiche Elternhaus von Gustav liefert gute wie harte Getränke, hier scheint vieles egal zu sein.

Martins Mutter nahm den Jungen mit zum Hafen, um zuzusehen, wie Vaters Frachter auslief. ... Das Wort Atlantik hatte einen Doppelklang von Gefahr und Abenteuer, während sich Stiller Ozean schon freundlicher anhörte. Die Nordsee musste kalt und stürmisch sein, andererseits war sie näher und sah auf dem Globus auch hinreichend klein aus, um stets Land in der Nähe zu haben.
Seite 41

Ein Rundgang durch die Philosophie und Literaturwissenschaft ist einem sicher, wenn man sich durch die 880 Seiten liest: Man wird Teil der Familie, man sitzt mit Martin im Verlag, sieht seine Tochter Rakel in der Bibliothek das deutsche Buch lesen, das ihr der Vater empfahl. Klar, ihre Mutter, Cecilia ist eine intellektuelle Größe, noch immer: Rakel schmunzelt über die Hochachtung, die ihre StudienkollegInnen ihrer Familie entgegenbringen, sie erkennt auch den Neid, liebt ihren Bruder Elin und beginnt, immer häufiger an Cecilia zu denken.

Gustav, der Wilde von damals, ist ein berühmter Maler geworden, auch um ihn ranken sich viele Geschichten, ihn wollen alle kennenlernen. Gustav stirbt früh, Martin hat ihm doch gerade noch auf den Anrufbeantworter gesprochen, man hätte sich doch in Stockholm treffen können. Melancholie, Forschergeist, Diskussionsfreude, Gedankenexperimente, mitunter auch Kritik an zu trägen Einrichtungen, die mit den Gedanken der jungen Studierenden wenig anfangen konnten.

Ich hätte einfach weitergelesen, wäre gerne noch im Text geblieben, ein kleines Zimmerchen so zwischen zwei Absätzen, da würde ich schon gern sitzen und zusehen, wie sich das alles noch weiterentwickelt.

Was Sie verpassen, wenn Sie diesen Roman nicht lesen:

Ruhe für sich, Zeit für sich, Gelegenheit, sich auf Charaktere, die sich hier entwickeln, wirklich einzustellen, wilde Feiern, stille Momente, große Lieben, Verzweiflung, Selbstbeschädigung, viel Alkohol, viele Fragen, viel Wissenschaft, gutes Essen und auch Spaghetti mit Fischstäbchen, man zieht in diesen Roman ein und wohnt zwischen den Seiten.

Die Autorin Lydia Sandgren

ist 1987 geboren, studierte Psychologie, Literaturwissenschaften und Philosophie in Göteborg, hier praktiziert heute auch als Psychologin. Sie war Anfang zwanzig, als sie mit dem vorliegenden Roman begann – aktuell, zehn Jahre später, wird der Roman international als herausragendes Debüt gefeiert.

Lydia Sandgren
Gesammelte Werke
mare Verlag
880 Seiten

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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