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06/24

„Lieber Gott, die Menschenkinder sind müde“

„Lieber Gott, die Menschenkinder sind müde“
Foto: Adobe Stock

Weil „er da oben“ vermutlich noch 234.987 Nachrichten im Postfach hat, müssen wir bis zu seiner Antwort selbst tätig werden. Eine Skizze unseres momentanen Zustandes und ein Plädoyer für weniger Hetzen und mehr Verschnaufen

Die Anforderungen des Lebens, die Herausforderungen im Beruf, die persönlichen Tragödien und Schicksalsschläge und der Stress durch unsere mentale Überforderung sind jeden Herbst größer als sonst. Doch in diesem Jahr will ich das Gefühl nicht loswerden, dass uns jemand auf die Probe stellen möchte. Müsste jedes Jahr unter einem speziellen Titel stehen, so würde ich für 2023 zwischen „Das Jahr der Erschöpfung“ und „Das Jahr der müden Menschenkinder“ abwägen. Der Stress, den sich viele nach der Pandemie gemacht haben (oder der ihnen von ArbeitgeberInnen gemacht wurde), hat sich chronisch manifestiert. Die Antreiber sind Arbeitskräftemangel, Wirtschaftlichkeit der Unternehmen, Produktivitätsziele, Leistungsvorgaben und Inflation. Diese Faktoren ahnen nicht, dass viele Menschen in der Coronakrise nicht brotbackend oder schalstrickend zuhause saßen, sondern jeden Tag ihrer Arbeit nachgingen.

Höher, schneller, besser

Viele hatten keine Pause, um zu verschnaufen. Andere hatten zwar eine Zwangsauszeit, mussten sich aber mit Existenzangst oder Geldnot herumschlagen. Und spätestens, als die coronabedingten Pausen vorbei waren, mussten wir alle wieder, fester als bisher, in die Pedale treten. So treten wir und keuchen, als Gegenwind fungieren Kriege, Ängste, fehlende Lebensperspektiven und der Anspruch an uns selbst. Die sozialen Medien und unser Umfeld rufen uns schließlich lauthals zu: „Höher, schneller, besser – werde die beste Version deiner selbst!“ Unser Radius scheint enger zu werden und trotzdem wollen wir große Kreise ziehen. Schließlich müssen wir uns ja noch in Selbstliebe üben, erfolgreich sein, reich werden (am besten von zuhause aus und im sechsstelligen Bereich) und sollten dazwischen nicht vergessen, das Dankbarkeitstagebuch zu schreiben, unsere Morgenrituale zu pflegen, unsere Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen und weißes Mandelwasser statt Kuhmilch zu trinken. 

Unsere Körper schreien „Halt“

Immer mehr Menschen berichten von körperlichen Reaktionen auf diesen Belastungspegel. Dabei haben wir zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht die schwelenden Kriegsherde der Welt hinzugezählt, die samt der üblichen chronikalischen Ereignisse die Medien fluten und uns damit noch mehr Angst einjagen. Nicht nur das Treten der Pedale erschöpft, sondern auch die Masse an Drohmeldungen und furchteinflößenden Szenarien, die von JournalistInnen und Menschen in sozialen Medien verteilt werden, als hätten wir alle längst noch nicht genug davon.

Weniger Handys, mehr beglückende Tätigkeiten

Wir Menschenkinder sind müde, möchte ich dem lieben Gott (ganz gleich, wie man ihn/sie für sich definiert) in einer Mailnachricht schreiben. Doch weil er vermutlich noch 234.987 weitere Nachrichten im Postfach hat, müssen wir bis zu seiner Antwort selbst tätig werden. Vielleicht sollten wir einander wieder zuhören, das Neinsagen üben, das „Ja“ zu uns selbst laut hinausschreien und unsere kleinsten Systeme – die Familien, Freundeskreise oder KollegInnen – zusammenhalten. Füreinander da sein. Miteinander innehalten, uns gegenseitig an die Pausen erinnern. Vielleicht sollten wir die Handys öfter weglegen, Zeit, die wir beim Schauen von Reels, YouTube-Videos oder Statusnachrichten verplempern, einfach im Bett, im Garten, in der Natur, mit Haustieren, bei sinnbefreiten und beglückenden Tätigkeiten und mit den Menschen, die wir lieben, verbringen.

Mehr Ruhe für unseren Geist

Vielleicht dürfen wir uns auch erlauben, dem Leid der Welt den Rücken zu kehren. Nur so lange, bis wir selbst wieder gefestigt und handlungsfähig sind. Vielleicht dürfen wir uns den Titelzeilen dramatischer Berichterstattung verwehren, damit unsere Körper und Gedanken wieder zur Ruhe kommen. Wir Menschenkinder sind erschöpft und müde. Wir brauchen wieder mehr Ruhe für unseren Geist. Und vor allem Frieden. Und wenn’s leicht geht: ein bisschen mehr Liebe in unseren Begegnungen.

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  • Veröffentlicht: 23.10.2023
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