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Liebe E.

Liebe E.

Heute möchte ich Dir endlich einmal schreiben. Wir verbringen ja jetzt schon fast drei Wochen eng miteinander und haben uns in dieser Zeit besser kennengelernt als je zuvor. Wer bist Du für mich? Wer werde ich durch Dich? Langsam wird mir dazu einiges klar, und ich will Dir davon erzählen. Um ehrlich zu sein, hast Du mich ja zu Beginn ganz schön genervt. Warum? Nicht, weil Du bei mir warst. Sondern weil nur die anderen Dich hatten. Sie schwärmten von Dir als Geschenk, als Segen, als neue Errungenschaft, sie konnten sich Dich plötzlich leisten, das machte sie froh. Ich hingegen spürte nichts von Dir. Konnte nicht ausschlafen, konnte keinen Vormittag mit Wolkenschauen verbringen, spürte keinen Wegfall von Terminen, sondern vor allem Überforderung als Kleinkindmama, die plötzlich ohne Betreuung dasteht. Liebe E., ich wollte Dich auch haben. Und wie! Ja, wie? Genau das wusste ich nicht. Am vierten Tag der neuen Zeit kamst Du plötzlich vorbei, erst einmal nur für einen Moment. Ich weiß noch, wann es war: Ich habe mein Mädchen gebeten, mir einen Gummiring zu bringen. Sie lief los, kam strahlend zurück und hatte sieben in der Hand. Den ersten zog sie langsam von ihren kleinen Fingern und fädelte ihn auf die meinen. Das dauerte und forderte Konzentration. Dann kam der zweite dran. Und der dritte. Normalerweise hätte ich „oh, noch so viele“ gedacht und wäre ungeduldig geworden. Aber an diesem Tag dachte ich anders. Hurra, wir haben hier etwas zu tun, das noch eine Weile dauert. Und da spürte ich Dich zum ersten Mal. Nicht als Wegfall von To-dos. Sondern als Aufruf, jede Handlung mit ganzer Hingabe und ohne Hast zu erfüllen. Gummiringe entgegennehmen. Legotürme bauen, so hoch, dass sie zusammenfallen. Und wieder neu anfangen. Den Topf holen. Die Klorolle holen. Und alles zurückbringen an seinen Platz. Ganz einfach: tun, was zu tun ist, im Gleichschritt mit der Zeit. So bist Du also bei mir eingezogen. Und hast mir seither einiges beigebracht. Vor allem: dass Du nicht nur da bist, wo ich Dinge ohne Eile tue. Sondern auch da, wo ich einen Moment warte, ehe ich reagiere. Da, wo ich mir erlaube, etwas fertig zu machen, ehe ich zur Stelle bin. Da, wo ich fertig ausatme, ruhig und lang, ehe ich Luft hole, um etwas zu sagen. Und da, wo ich bemerke, dass manchmal wirklich nichts zu tun ist. So viele Berührungszonen zwischen Dir und mir. So viele Handreichungen möglicher Langsamkeit. Liebe Entschleunigung, ich danke Dir, dass Du an meiner Tür gewartet hast, bis ich Dich einlassen konnte. Ich danke Dir, dass Du bei mir bleibst. Und den Wolkenvormittag, den holen wir nach, das verspreche ich Dir.

Barbara Pachl-Eberhart

lässt sich gerne inspirieren von den Fragen ihrer kleinen Tochter & denkt vor dem Einschlafen noch gerne an den Traum, den sie gleich haben möchte.
www.barbara-pachl-eberhart.at

Foto: Alexandra Grill

Foto: Adobe Stock

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