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Lernen zwischen Brombeermarmelade

Nein, das ist jetzt kein Kochbuch, es ist ein Bilderbuch für Kinder und ihre Erwachsenen bzw. funktioniert das Anschauen auch für Kinder ohne Erwachsene und für Erwachsene ohne Kinder. Einfach nehmen, aufschlagen, schauen, lesen, nachdenken, schnell was lernen. So in etwa ist die ideale Lesehaltung für dieses geniale Buch. Stellen Sie sich vor, Sie sind 43 oder Sie sind wirklich 43 Jahre alt: „43 – und du hast gelernt, für dich zu sein!“ Dazu die Illustration: Ein lesender Mensch mit roten Socken und schwarzer Katze auf einem Sofa. Katzen zählen nicht beim Alleinsein, Bücher auch nicht.

In Zeiten, in denen Schulnoten wieder eingeführt, das Rauszählen wichtiger als die Integration und das Reinzählen, Reinholen ist, ist dieses Buch gut für die Wundheilung: Da darf man mit 12 einfach mehr wissen als die Eltern. Und am besten dann gleich mit den Eltern darüber reden, was sie damals mit 12 besser konnten als ihre Eltern. Dann mit 52 Jahren hat man erkannt, dass sich manche Träume einfach nicht erfüllten, dafür liest man fröhlich bei „53 – … aber das ist in Ordnung. Du hast gelernt, die kleinen Dinge zu schätzen“, Die Illustration der Espresso-Tasse mit einer kleinen Süßigkeit breitet sich gemütlich auf der dazu gehörenden Doppelseite aus. Menschen lernen Jahr für Jahr etwas dazu, sie werden weise und schauen aus immer neu zu gestaltenden Perspektiven auf sich, die Welt und die Mitmenschen.

Heike Faller hat nicht nur ihre Nichten Paula und Lotta beobachtet, die mit Lichtgeschwindigkeit Neues lernten, sondern hat unzählige Gespräche übers Lernen geführt.

Und doch scheint es, trotz all der Erfahrungen, etwas im Menschen zu geben, das immer gleich bleibt. Das begriff ich im Gespräch mit einer 94-jährigen Schriftstellerin aus London, die ein Jugendbuch geschrieben hat, das in aller Welt geliebt wird. Als ich sie fragte, was sie im Leben gelernt hat, sagte sie: „Manchmal fühle ich mich wie das kleine Mädchen, das ich einmal war. Ich frage mich, ob ich überhaupt etwas gelernt habe, im Leben.

Die Brombeermarmelade und deren Einkochen zieht sich durchs Buch, einmal mit 42 freut man sich, dass man das Einkochen jetzt beherrscht und etliche Jahrzehnte später frägt man sich, ob man wohl im nächsten Jahr noch die leeren Gläser wieder brauchen wird. Philosophie vom Feinsten, Witz mit dezenter Zurückhaltung, allgemeine Menschenliebe in aller Süße und Verschwendung. Ehrlichkeit auf jeder Seite und in jeder Illustration.

 

Die Autorin ist Redakteurin beim Zeit-Magazin und widmet das vorliegende Buch ihren Nichten Paula und Lotta, die sie auf die Idee brachten, dieses Buch zu schreiben, dafür zahlreiche Gespräche zu führen, dran zu bleiben am lebenslangen Lernen.

Der Illustrator „ist jünger als Heike, aber älter als Heikes Nichten.“ Er lebt in Berlin, sein Werk ist mehrfach ausgezeichnet worden. Interessanter Typ!

Heike Faller; Valerio Vidali:
Hundert – was du im Leben lernen wirst.
Zürich – Berlin: Kain & Aber Verlag 2018.
Über 94 Seiten – habe keine Lust, sie zu zählen.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“