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Lebenstraum geplatzt! Und nun?

Die missglückte Ehe, der Traumjob, aus dem nichts wird, oder die Krankheit, die alles verändert: Wenn Lebensträume platzen, gerät die Welt aus den Fugen. Drei Frauen erzählen von ihren Zielen und vom – sehr unterschiedlichen – Umgang mit dem Scheitern.

Glücklich ohne Partner

Sybille Fischer (51) träumte von der großen Liebe und einer eigenen heilen Familie.

Als Jugendliche fragte sich Sybille Fischer: „Wie fühlt sich die große Liebe an?“ Sie hoffte, dass auch sie eines Tages einen Mann finden würde, der sie bedingungslos liebt, heiratet und mit ihr jene harmonische ­Familie gründet, die sie selbst nicht hatte.

Nach dem Schulabschluss verdiente Sybille ­Fischer ihr erstes Geld als Kellnerin in einem Café. Ein 42-jähriger Stammgast umgarnte die damals 19-Jährige. Sie fühlte sich geschmeichelt, ließ sich auf den Flirt ein, wurde jedoch bitter enttäuscht. Dabei wünschte sie sich so sehr einen Mann, der sie aus ihrer eintönigen Welt retten würde. Mit 22 Jahren lernte sie den gleichaltrigen Robert kennen. Er himmelte sie an, und obwohl sie anfänglich eher ablehnend war, imponierte es ihr, dass er nicht lockerließ. Sie ließ sich auf ihn ein und verliebte sich tatsächlich. Nach einem Jahr heirateten die beiden, vier Jahre später kam ihre Tochter auf die Welt. Fischer schwebte im siebten Himmel, ihr Traum schien endlich wahr geworden zu sein, doch das Glück währte nicht lange. „Nach der Geburt unserer Tochter hatte ich plötzlich das Gefühl, zwei Kinder großzuziehen“, sagt sie. Robert ließ sich gehen, unterstützte sie kaum bei der Kindererziehung und war ständig schlecht gelaunt. Um etwas für sich zu tun, begann Fischer mit 28 Jahren eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau. Das machte ihr Spaß und gab ihr Selbstvertrauen. Als ihre Ehe nach unzähligen Gesprächen und letzten Rettungsversuchen trotzdem unerträglich blieb und sie sich in einen anderen, verheirateten Mann verliebte, reichte sie die Scheidung ein. „Das Gefühl, es nicht geschafft zu haben, war besonders schlimm.“

VERZWEIFLUNG UND ZWEIFEL
Fischer blieb noch zwei Jahre lang die Geliebte des verheirateten Mannes, der sich aber nicht von seiner Frau scheiden ließ. Enttäuscht beendete sie die Affäre. „Ich war wütend und zweifelte an der Liebe“, sagt sie. Wenn ihre Tochter übers Wochenende bei ihrem Vater war, versuchte Fischer ihren Schmerz durch flüchtige Männerbekanntschaften zu betäuben, doch nach kurzer Zeit schon wusste sie, dass das auch keine Lösung war. Sie blieb über 15 Jahre alleine. Dann lernte sie Frank kennen, sie glaubte ihn zu lieben wie noch nie einen Mann zuvor. Bei ihm konnte sie sie selbst sein, und ihm schien es genauso zu gehen. Er beschloss, ein Haus für sie beide zu mieten, bezahlte die Kaution und meldete sich danach nie wieder. Ab da war Fischer wie erstarrt. Sie fühlte sich vollkommen leer. Irgendwann fing sie an, ihren Gefühlen auf den Grund zu gehen: Ständig war sie auf der Suche gewesen, und ihre Bedürftigkeit musste auch für andere spürbar gewesen sein. Sie hatte von den Männern etwas verlangt, was sie sich selbst offenbar nicht geben konnte: „Liebe, Respekt, Geborgenheit und Anerkennung – all das erwartete ich im Außen zu finden“, sagt Fischer heute. „Ich wurde immer wieder auf mich selbst zurückgeworfen. Meine Aufgabe war es wohl, zu mir zu finden. Ein Partner hätte mich davon abgelenkt.“ Fischer hörte auf zu suchen und pflegte stattdessen die Beziehung zu sich selbst. Heute hat sie keine Partnerschaft. Obwohl sie noch von der großen Liebe träumt, ist sie glücklich und spürt das erste Mal inneren Frieden.

Ich wurde immer wieder auf mich selbst zu­rückgeworfen. Meine Aufgabe war es wohl, zu mir zu finden.
Sybille Fischer

Von der Skipiste ins Büro

Pia Rütershoff (24) war kurz davor, Profi-Skirennfahrerin zu werden. Dann begann eine Serie an Verletzungen.

Als Pia Rütershoff mit drei Jahren das erste Mal auf Skiern stand, war für sie klar: „Ich werde Skirennfahrerin!“ In der dritten Klasse der Sporthauptschule wechselte sie in die Skihauptschule Windischgarsten, denn die SchülerInnen dort werden gezielt auf die Ski-Handelsakademie in Schladming vorbereitet – und an die Schule, „wo die Sieger von morgen hingehen“, wollte sie auch. Im Internat lernte Rütershoff Disziplin und Selbstständigkeit. Sie musste hart trainieren. „Talent alleine reicht nicht, du brauchst bereits in jungen Jahren einen eisernen Willen“, sagt sie. Den hatte sie. Bei den Rennen war sie richtig gut, und so bestand sie auch die Aufnahmeprüfungen an der Akademie.

LEBEN IN EINER BLASE
In Schladming bestand Rütershoffs Leben nur mehr aus Skifahren. Vier Tage in der Woche wurde auf dem Gletscher trainiert, zusätzlich gab es noch Unterricht. Zwischen Dezember und März standen immer Wettkämpfe auf der Tagesordnung. „Ich lebte wie in einer Blase. Es gab kein anderes Thema als den Sport“, erzählt Pia Rütershoff. Als ihre Freundinnen zu Hause anfingen, an den Wochenenden auszugehen und Spaß zu haben, ging sie laufen oder Rad fahren, um sich fit zu halten. Sie war kurz davor, in den Kader des Österreichischen Skiverbands aufgenommen zu werden, aufgrund einer internen Neuregelung musste sie aber noch ein Jahr warten. In jenem Jahr verletzte sich Rütershoff bei einem Training, das Kreuzband im rechten Knie riss. Sie wurde operiert, bekam Physiotherapie, trainierte hart, und zu Beginn des nächsten Schuljahres war sie wieder topfit. Beim Training in der Schweiz lieferte sie gute Ergebnisse. „Du bist wieder ganz die Alte. Wenn du willst, darfst du noch Super-Riesenslalom üben“, lobte sie ihr Trainer. Dafür war es nach ihrer Verletzung eigentlich viel zu früh, und noch beim Aufwärmen stürzte Rütershoff erneut und riss sich wieder das Kreuzband im selben Knie. „Die Saison war für mich gelaufen, ich war am Boden zerstört.“

DAS LEBEN GEHT EIGENE WEGE
Langsam kämpfte Rütershoff sich zurück, doch als sie wieder fit war, stieß sie beim Training mit einem Kollegen zusammen und zog sich dabei schwere Verletzungen zu. „Ich wollte es trotzdem unbedingt schaffen, und so stand ich nach nur einem Monat wieder auf den Skiern“, sagt sie. Erst nach weiteren kleinen Verletzungen kam ihr erstmals der Gedanke: „Vielleicht schaffst du es doch nicht. Was dann?“ Rütershoff haderte mit sich selbst. Sollte sie wirklich aufgeben? Die Antwort erhielt sie kurze Zeit später, als sie mit ihren Schulkolleginnen Volleyball spielte und bei einem Luftsprung erneut einen heftigen Schmerz im rechten Knie wahrnahm. Diagnose: Kreuzbandriss. „Ich fiel in ein Loch und hatte auch gegenüber meinen Eltern ein schlechtes Gewissen. Sie hatten meinen Sport finanziert und ich konnte ihnen nichts zurückgeben.“ Rütershoff wusste nicht, was sie nun mit ihrem Leben anfangen sollte. Sie entschied sich dennoch, bis zur Matura an der Schule zu bleiben. Besonders schlimm war es für sie, ihren KollegInnen dabei zuzusehen, wie sie weiterhin ihren Traum verfolgten, während sie nur zu Hause saß. Rütershoff entschloss sich dazu, in der Zeit, in der ihre SchulkollegInnen Rennen fuhren, am Arlberg als Skilehrerin zu arbeiten. „Da hatte ich richtig Spaß“, sagt sie. Zum ersten Mal stand sie nicht unter Druck, sondern genoss das Leben in vollen Zügen. Nach der Matura bewarb sie sich dann für ein Physiotherapie-Studium in Salzburg. Als sie spät eine Absage erhielt, packte Rütershoff kurzerhand ihre Sachen und reiste alleine durch die Welt.

WEHMUT IST SPÜRBAR
Wieder zurück in Österreich, probierte sie es ein zweites Mal an der Fachhochschule in Salzburg und schaffte es wieder nicht. Da sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte und ihr das Unterrichtsfach „Rechnungswesen“ in der Schule gefallen hatte, begann Rütershoff in der Lohnverrechnung eines großen Unternehmens zu arbeiten. Jetzt fragt sie sich, ob das wirklich ihre Zukunft sein sollte: „Vorher trug ich Sportklamotten und war ständig in Bewegung, jetzt sitze ich mit Businesskostüm im Büro. Das hätte ich mir niemals gedacht.“ Wenn Pia Rütershoff sich heute im Fernsehen Skirennen ansieht, überkommt sie ab und zu die Wehmut: „,Da könnte ich jetzt stehen‘, denke ich dann.“ Sie sieht ehemalige KollegInnen, die es geschafft haben, aber auch einige, die noch immer versuchen, sich einen Namen zu machen. „Die müssen dann auch wieder von vorne anfangen.“ Demnächst wird Pia Rütershoff mit ihrem Freund ein Haus bauen. Nebenbei hilft sie beim Skiverein aus, ab und zu fährt sie noch zum Spaß bei Rennen mit. „Letztens kam mein Bruder zu mir und sagte: ,Pia, du würdest sie auch heute noch alle stehen lassen.‘“ Hätte sie sich nicht verletzt, hätte sie es wirklich geschafft, sagt sie. Ihre Augen leuchten dabei.

Vorher trug ich Sportklamotten und war ständig in Bewegung, jetzt sitze ich mit Businesskostüm im Büro.
Pia Rütershoff

Lesen Sie eine weitere Geschichte Das Abenteuer Unternehmerin“ in der Printausgabe.

Erschienen in „Welt der Frauen“ 04/19

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