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Lass uns reden? Oder schweigen wir besser weiterhin?

Chaos und Stabilität, Freiheit und Bürgerlichkeit prallen in einer Freundschaft aufeinander

Mella betrat im Winter Maries Klasse. Die Neue trug eine aufregende schwarze Strickmütze mit Ohrenklappen, einen Schal, den nicht nur Marie gerne besessen hätte. Die Schülerinnen in dieser zweiten Klasse Gymnasium bewundern Mella, die eigentlich Amelia heißt, deren Vater Musiker und deren Mutter in einem Sanatorium ist. Mella macht und trägt was ihr gefällt und widersetzt sich charmant wie entschlossen den Einmischungen der wohlmeinenden Frauen in ihrem Umfeld. Als Cordula, Mellas Mutter, für kurze Zeit aus der Klinik nach Hause kommt, vergräbt sie das Spielzeug und die Puppen ihrer Tochter im Garten, akribisch errichtet sie dort kleine Gräber. Der Roman der Salzburger Autorin Gudrun Seidenauer setzt mit der Beerdigung Cordulas ein, sie hat Suizid begangen. Bei der Trauerfeier sitzt Mella in der ersten Reihe neben ihrem Vater Alex, Marie weiter hinten bei ihrer überfürsorglichen Mutter. Und genau das fühlt sich so falsch an.

Diese brave Bibliothekarinnen-Mutter, der nahezu stumme und unsichtbare Vater sowie der nette Bruder, verlieren an Wert, wenn Marie an Mellas Gegenwart und noch mehr an deren Zukunft denkt: Abenteuer, Reisen, Musik – kein spießiges Abendessen am Familientisch.

Marie mochte auch Mellas Vater. Wenn er am Vortag ein Konzert gespielt hatte, schlief er lange, fast bis die Tochter von der Schule nach Hause kam, und wenn sie Marie mitnahm, kochte er manchmal fantastische Mittagessen für sie, Hühnchen mit Aprikosen, Bananenpalatschinken oder scharfen Reis mit Gewürzen, die Marie nicht kannte. Es war wichtig, dass er sie mochte, schon deshalb, weil er der wichtigste Mensch in Mellas Leben war. (S. 58)

24 Kapitel lassen die Brüche dieser Freundschaft erkennen, führen Mella und Marie gleich im zweiten Kapitel bei einem Kongress in Tokio wieder zusammen. Wer ist die Stärkere, die Verletztere, die Verzeihendere? Brechen sie ihr Schweigen, stellen sie ihr Lächeln ein und erzählen einander von ihren damals so unglücklichen Lieben und Sehnsüchten?

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Entwicklung von zwei Mädchen, Resilienz, Milieus, Leben mit einer psychisch kranken Mutter, Überleben in schwierig-chaotisch-phantasievollen Achterbahnen, Identitätssuche, Aufrollen einer Geschichte des Redens und Verschweigens in genial angeordneten 24 Teilen/Kapiteln.

Die Autorin, 1965 in Salzburg geboren, unterrichtet am Musischen Gymnasium in Salzburg die Fächer Deutsch, Kreatives Schreiben und Literatur, hat die Salzburger Erwachsenen- und besonders Frauenbildung mit ihren Schreibwerkstätten für Frauen in den frühen 90er-Jahren bereichert, viele zum Schreiben ermuntert. 1995 wurde sie mit dem Lyrikpreis des Landes Salzburg ausgezeichnet. Es gäbe noch sehr viel zu erzählen.

Bisherige Publikationen, alle eine Leseempfehlung: „Der Kunstmann“, „Aufgetrennte Tage“ und „Hausroman“.

Gudrun Seidenauer:
Was wir einander nicht erzählten.
Roman.
Wien: Milena Verlag 2018.
263 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”

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