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Kuschelparty jetzt!

Das Glückshormon Oxytocin gibt’s auch als Spray. So weit wollen wir es nicht kommen lassen.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier – das rettet ihn gemeinhin, aber mich gruselt diese enorme Anpassungsfähigkeit mitunter heftig. Eine Woche nach dem verordneten Shutdown des öffentlichen Lebens (also vor vier Wochen) hätte ich noch wie aus der Pistole geschossen alles Mögliche aufzählen können, das ich vermisse: ins Kino gehen, ins Theater, meinen Yoga-Kurs besuchen, FreundInnen treffen, Interviews führen, die Bibliothek aufsuchen, Mittagessen in der „Schönen Perle“, die Freiheit der Wahl: gehen wohin und zu wem ich will. Nach und nach schläft all das ein, man wird so träge, als sei es schon August. Kino? Hmmm, muss doch nicht sein. Bergtouren? Ah geh‘, der Prater tut‘s auch. Und Menschen treffen war eh auch anstrengend.

Fast surreal erscheint jetzt, wie selbstverständlich Körperkontakt einmal war. Meine Nichte Anouk, sie lebt in Montreal, erzählte über Skype, dass sich ihre Haut wie ausgetrocknet anfühle, seitdem sie niemanden mehr umarmt. Zum Beweis zupft sie an ihrem Handrücken herum, klopft sich auf die Arme und zählt die zufälligen Gelegenheiten im Alltag auf, Begrüßung, U-Bahngedränge, enges Zusammensitzen im Restaurant, selbst Blickkontakt – all das waren kleine Nährböden der Berührung. Anouk ist 23 Jahre alt. Sie trifft sich manchmal nachts mit einer Freundin in einem verlassenen Industriegebiet um wild zu tanzen.

Eines ist klar: Oxytocin, das sogenannte „Kuschelhormon“, ist gesamtgesellschaftlich schwer im Keller. Tausende Tipps fürs Wohlbefinden liest man jetzt, viel Sport soll der einsame Mensch treiben, behutsam auf Körperpflege achten. Ach Quatsch, wir brauchen eine Kuscheloffensive, jetzt! Wo immer es möglich ist. Menschen, die ich berühren darf und will, her damit, müssen gerade sehr dran glauben; und alle Stofftiere, die mein kinderloser Haushalt hergibt, machen mit. Die feiern eine eigene Party. Nicht jedes Anfassen ist erwünscht, na klar. Aber dass Sich-Berühren ein radikaler Akt der Freiheit ist, das wollen wir nicht vergessen.

Andrea Roedig

liebt das Hinausgehen ins Freie – zu Fuß und im Kopf. Wohnstatus: ohne Garten, ohne Terrasse. Aber die beiden Sitzkissen am Fußboden vor dem Fenster heißen „Balkon“ – immerhin. Sprache kann die Welt verändern.

Foto: Alexandra Grill

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