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10/22

Buchempfehlung: „Kummer aller Art“

Buchempfehlung: „Kummer aller Art“

In den Geschichten von Mariana Leky geht es zu wie in einem Wimmelbuch. Die Personen kommen daher, man gewinnt sie lieb, sie begleiten einen recht lange.

Bruder Innerlich und andere Lebensmenschen

In jeder einzelnen Geschichte trifft Humor auf Unsicherheit, manchmal Verzweiflung, es ist immer ernst: Da wartet der Onkel auf eine Diagnose, da will der Lieblingswirt nicht zum Meditationskurs, da erinnert ein Schlüsseldienst an einen ehemaligen Patienten des Vaters (Psychotherapeut u. a. in einem Gefängnis), da verliebt sich die Nachbarin, da hat der Lieblingsnachbar Platzangst. Alles ist da, man könnte sofort einziehen in dieses besondere Mehr-Parteien-, Mehr-Seelen-Haus: Schlafstörungen, mein Gott, wer hat die nicht! Und wem es nicht gelingt, zu meditieren, der soll es doch einfach mit dem Reparieren eines Fahrrades versuchen. Ventilar-Reparatur funktioniert ähnlich!

In den Geschichten von Mariana Leky geht es zu wie in einem Wimmelbuch. Die Personen kommen daher, man gewinnt sie lieb, sie begleiten einen recht lange. Ach ja, da kommt der Nachbar mit seinem Hund, das ist doch der, der an/unter Platzangst leidet. Und die Nachbarin mit der Augenklappe, die hat sich verliebt? Moment, muss man gleich mal vorblättern, wie war das doch gleich?

Jede Geschichte ist ein Kunstwerk, man möchte da nicht mehr raus. Vielleicht macht man entsprechende Fotos, vielleicht beginnt man zu malen, auf jeden Fall entdeckt man, zu wieviel Liebe man eigentlich fähig ist. Da wird niemand bloßgestellt, da darf jeder spinnen, ohne natürlich anderen zu schaden. Da erinnert der poetische Schlüsseldienst-Mann an einen ehemaligen Einbrecher, der jetzt aber eine Trafik betreibt und warnt, dass die Besten vom Schlüsseldienst früher sehr gute Einbrecher waren. Stimmt natürlich nicht. Da erinnert sich die Autorin an einen Patienten des Vaters, mit dem sie als kleines Kind Apfelsaft trankt, wie wunderbar, dass auch er noch weiß, wie die Kleine damals schummelte, um zu vertuschen, dass der Vater den Termin versemmelt hatte. Ein wenig zu lügen, ist ja gar nicht schlimm. Viele liebe Bekannte werden älter, gebrechlicher, zerbrechlicher, ehrlicher und sturer: Große Gedanken kommen da beim Spaziergang heraus, so viel Klugheit beim Verzehr einer Nussecke hätte man nie vermutet.

„Als Kind habe ich Camille für unsterblich gehalten. Ich glaubte – vermutlich, weil sie so riesig und schwer ist –, dass der Tod sich eines Tages ein Weilchen an ihr abarbeiten und dann achselzuckend aufgeben würde. Jetzt war Camille eingeseift mit Altsein, und nicht nur die Pflegerin, sondern auch die ausbleibende Unsterblichkeit war ein Affront, eine dreiste Beleidigung, eine Unverschämtheit.“

Dass die Ich-Erzählerin der Geschichten bei der Liebe zu ihrem Hund an Grenzen stößt, ist verständlich. Man freut sich mit ihr, wenn sie doch einmal der Bosheit mächtig ist und den zickenden Nachbarn zurechtweist. Alles hat auch hier seine gute Grenze: Frau Wiese geht in der letzten Geschichte, zieht zu ihrem Liebsten, ein Teil von ihr möchte aber bleiben. Und das will ich auch, ich will in diesen Wimmel-Geschichten bleiben. Na ja, die Wohnung von Frau Wiese ist ja jetzt frei!

Was Sie versäumen, wenn Sie diese feingesponnenen Geschichten nicht lesen:

Tiefe Gedanken, hohe Ideale, nette, sehr nette Menschen, Kuriositäten, Verstehen für sich selbst, sogar auch für andere, einen neuen Zugang zur Flugangst, Verstehen für den Blick der Liebe, Humor auf jeder Seite, auf manchen dreimal, neue Kräfte, die Idee, wie Zusammenleben doch funktionieren könnte, auch Wut, wenn der Nachbar wirklich unmöglich ist

Mariana Leky

Die Autorin absolvierte nach ihrer Buchhandelslehre das Studium „Kulturjournalismus“ in Hildesheim, sie lebt in Köln und Berlin. Ihr 2017 erschienener Roman „Was man von hier aus sehen kann“ wurde in über 20 Sprachen übersetzt, weitere Bücher von ihr sind „Liebesperlen“, „Erste Hilfe“, „Die Herrenausstatterin“ und „Bis der Arzt“ kommt.

Mariana Leky
Kummer aller Art.
Köln: Dumont Buchverlag 2022.
ISBN 978-3-8321-8216-8

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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